Gesamtmetall-Chef Kannegiesser "Es muss möglich sein, Lohnerhöhungen nach hinten zu verschieben"

Rund die Hälfte der Beschäftigten in der Metallindustrie bekommt bereits ab Februar mehr Geld. Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser erklärt im Interview, warum viele Betriebe dennoch die Lohnerhöhung nach hinten verschieben müssen - und warum die Branche ein Zuwanderungskonzept sowie Zeitarbeit braucht, um ihre Aufholjagd fortzusetzen.
Martin Kannegiesser: "Durch die Wirtschaftskrise drei komplette Jahre verloren"

Martin Kannegiesser: "Durch die Wirtschaftskrise drei komplette Jahre verloren"

Foto: REUTERS

mm: Herr Kannegiesser, die Wirtschaftsleistung in Deutschland ist 2010 um 3,6 Prozent gewachsen, woran die Metall- und Elektroindustrie maßgeblichen Anteil hatte. Die Auftragsbücher sind voll, die Betriebe stellen wieder ein. Wie lange wird dieser Boom halten?

Kannegiesser: Bei aller Freude über die Erholung: Wir haben das Vorkrisenniveau noch nicht wieder erreicht. Bei der Produktion sind erst 70 Prozent und beim Auftragseingang 80 Prozent des Einbruchs wettgemacht. Wir müssen in diesem Jahr weiter wachsen, wenn wir diese Rückstände aufholen wollen. 2010 wird daher nicht als Rekordjahr, sondern als Jahr des Aufholens in die Geschichte eingehen. Wenn alles gut läuft, werden wir Ende 2011 voraussichtlich wieder dort stehen, wo die Metall- und Elektroindustrie vor 2008 einmal war. Unter dem Strich hätten wir dann durch die Wirtschaftskrise drei komplette Jahre verloren.

mm: Das hört sich angesichts der jüngsten kräftigen Zuwachsraten aber sehr pessimistisch an.

Kannegiesser: Ist es gar nicht. Wir haben weltweit weiterhin gute Wachstumschancen, dürfen uns aber jetzt nicht zurücklehnen und ausruhen. Der Wettbewerb wird noch dynamischer, die Innovationszyklen immer kürzer. China zum Beispiel ist nicht nur ein wichtiger Absatzmarkt - Unternehmen aus China gewinnen auch als Konkurrenten für deutsche Firmen immer größere Bedeutung. Daher brauchen wir auch künftig eine hohe Innovationskraft sowie möglichst flexible Markt- und Arbeitsbedingungen in Deutschland.

mm: Die Unternehmen stellen wieder vermehrt ein. Ihre Verhandlungspartner von der IG Metall streben einen Tarifvertrag für Leiharbeit sowie die gleiche Bezahlung von Leiharbeitern und Stammbelegschaft an.

Kannegiesser: Wir können unsere eingespielten Stammbelegschaften nur dann absichern, wenn uns Flexibilität erhalten bleibt, zum Beispiel durch Leiharbeit und befristete Beschäftigung. Wir müssen die richtige Balance zwischen Sicherheit und Flexibilität im Arbeitsmarkt finden - und das wird uns noch lange beschäftigen, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa.

mm: Viele Unternehmen aus der Metall- und Elektroindustrie ziehen angesichts des Booms die tariflich vereinbarte Lohnerhöhung in Höhe von 2,7 Prozent, die eigentlich erst zum 1. April wirksam wird, vor. Ist das Ende der Bescheidenheit in der Branche gekommen?

Kannegiesser: Wir haben unsere jüngsten Erfolge nicht durch "Lohndumping" erkauft, wie uns gelegentlich vorgeworfen wird. Wir stehen immer noch im oberen Viertel der internationalen Lohntabelle, haben aber im vergangenen Jahrzehnt Kosten-Wettbewerbsfähigkeit zurückgewonnen. Und dass die Erhöhung in vielen Betrieben vorgezogen wird zeigt, dass die Unternehmen sich an die Vereinbarungen des Tarifvertrags halten und fair und verantwortungsvoll mit diesem wichtigen Flexibilisierungsinstrument umgehen…

mm: …wie viele Beschäftigte in der Metall- und Elektroindustrie erhalten denn die Lohnerhöhung früher?

Kannegiesser: Die Erhöhung um 2,7 Prozent zum 1. April 2011 kann je nach wirtschaftlicher Lage des Betriebs um zwei Monate nach vorne oder nach hinten geschoben werden - und zwar durch freiwillige Betriebsvereinbarungen. Insgesamt sieht es so aus, als ob mehr als die Hälfte der Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie von vorgezogenen Erhöhungen profitieren.

Darüber dürfen wir aber nicht vergessen, dass viele Betriebe in der Branche bislang noch nicht von der Erholung profitiert haben: Noch immer gibt es mehr als 100.000 Beschäftigte in Kurzarbeit, und noch immer schreibt ein Drittel der Betriebe rote Zahlen oder eine schwarze Null. In solchen Fällen muss es auch möglich sein, die Lohnerhöhung wie vereinbart nach hinten zu verschieben, ohne dass sich Mitarbeiter übervorteilt fühlen. Denn in Zukunft werden wir mehr solcher flexibler Instrumente brauchen.

"Bis 2015 könnten rund 200.000 Ingenieure fehlen"

mm: In Zukunft, so die Befürchtung vieler Ökonomen, könnte ein Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften die Leistung deutscher Unternehmen ausbremsen.

Kannegiesser: Diese Befürchtungen sind leider sehr real. Im Herbst 2010 fehlten der deutschen Wirtschaft rund 43.000 Ingenieure sowie rund 84.000 Fachkräfte aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Technik und Naturwissenschaften. Bis 2015 könnten insgesamt rund 200.000 Ingenieure fehlen, wenn nichts getan wird. Daher müssen wir noch stärker junge Menschen für technische Berufe begeistern und das Interesse an naturwissenschaftlicher Ausbildung fördern - zum Teil schon im Kindergarten und Vorschulalter sowie durch Projekte wie "Think ING". Parallel müssen wir auch die Älteren weiter qualifizieren. Zwischen 2000 und 2009 haben die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie die Zahl der älteren Beschäftigten über 60 Jahre auf rund 140.000 gesteigert, das ist ein Plus von 65 Prozent. Diesen Weg müssen wir weiter gehen.

mm: Und wie steht es mit Fachkräften aus dem Ausland?

Kannegiesser: Mittelfristig wird Deutschland ein Zuwanderungskonzept benötigen, das sich an den Notwendigkeiten unseres Arbeitsmarktes orientiert. Dazu gehört auch, dass im Ausland erworbene Kompetenzen hierzulande künftig leichter angerechnet werden.

mm: Beim Thema Qualifizierung dürften Sie mit den Gewerkschaften schnell einig werden. Beim Thema Zeitarbeit spitzt sich der Streit jedoch zu - auch innerhalb der Politik. Die Leiharbeit könnte in diesem Jahr einen Höchststand erreichen.

Kannegiesser: Inzwischen gibt es viele Regelungen in den Unternehmen und auch viel praktische Erfahrung, so dass die derzeitige Debatte auch einen hohen Anteil an politischer Opportunität und an Ideologie enthält. Qualifizierte Fachkräfte sollten über eine wirtschaftliche angemessene Zeitstrecke an den tariflichen Grundlohn herangeführt werden, während Geringqualifizierte deutlich niedriger einzustufen sind, weil andernfalls die Nachfrage nach Zeitarbeit und damit die entsprechenden Arbeitsplätze massiv verloren gehen werden.

Nach unserer Meinung sollten solche Regelungen zwischen den Tarifparteien gefunden werden, nämlich den Zeitarbeitgeberverbänden und der Gewerkschaft. Zwischen diesen Tarifparteien gibt es heute schon Tarifverträge, die naturgemäß, wie in allen anderen Branchen auch, angepasst und ergänzt werden müssen.

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