Donnerstag, 22. August 2019

Inflationsgefahr in Deutschland Die Geld-Lüge

Niedrige Zinsen in Euroland: Deutschland ist den Südländern wirtschaftlich weit enteilt. Die hoch verschuldeten Staaten können ihren Produktivitätsrückstand leichter aufholen, wenn Überschussländer wie Deutschland mehr Inflation zulassen

Es wäre ein Wunder, wenn wir in den kommenden Jahren das gewohnte Maß an Preisstabilität genießen könnten. Denn um Euro-Land aus der Krise zu ziehen, sind höhere Inflationsraten hierzulande kaum vermeidbar. Das entspricht der inneren Logik der Währungsunion.

Eins-Komma-Neun-Sieben! Jean-Claude Trichet beharrt auf dem exakten Wert: 1,97 Prozent - das war die durchschnittliche Inflationsrate im Euro-Raum, seit die gemeinsame Währung 1999 eingeführt wurde. Wir haben geliefert, diese Botschaft will der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) verbreiten. Schließlich hat sich die EZB das Ziel gesetzt, die Inflationsrate dauerhaft "unter, aber nahe zwei Prozent" zu halten. Das sei exakt gelungen, sagt Trichet.

Ziel getroffen - mission accomplished!

Und nun?

Es wäre ein Wunder, wenn das gewohnte Maß an Preisstabilität auch in Zukunft erreicht würde. Insbesondere in Deutschland dürften sich deutlich erhöhte Inflationsraten festsetzen. Bislang stiegen hierzulande die Preise nur unterdurchschnittlich - um 1,5 Prozent in den ersten zwölf Jahren der Euro-Ära. Das kann nicht so bleiben.

Warum? Weil eine deutlich erhöhte Inflation im wettbewerbsstarken Deutschland der inneren Logik der Währungsunion entspricht. Weil das Euro-Land, so wie es gebaut ist, auseinanderbrechen würde, falls in Deutschland auch weiterhin strikte Preisstabilität herrscht. Darüber redet bislang kaum jemand. Verständlicherweise. Zu unpopulär ist Inflation, gerade in Deutschland.

Aber eines nach dem anderen.

Die Schuldenkrise, die derzeit die Euro-Südstaaten erschüttert, resultiert letztlich nicht aus der Finanzkrise und der folgenden Rezession - das waren nur Symptome eines tiefliegenden Problems -, sondern aus einem nachhaltigen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Spanien und Co. sind zu teuer: Ihre Produktivität ist zu niedrig, und die Preise sind in den vergangenen zwölf Jahren schneller gestiegen als in "Kern-Europa" (vor allem: Deutschland, Benelux, Österreich).

Die "reale Abwertung" muss es richten - Leistungen kürzen, Kosten senken

Früher, vor Beginn der Währungsunion, hätten die Südstaaten einfach abgewertet. Doch innerhalb der Währungsunion ist diese Abkürzung auf dem Weg zur Wettbewerbsfähigkeit versperrt. Nun muss es eine "reale Abwertung" richten. Das ist die europäische Strategie: staatliche Leistungen kürzen, Schulden abbauen, Wettbewerbsfähigkeit gewinnen, Kosten senken - so wie es Deutschland über Jahre vorgemacht hat.

Aber "reale Abwertung" ist ein relatives Konzept: Preise und Löhne in den wettbewerbsschwachen Ländern müssen langsamer steigen als in den wettbewerbsstarken.

Umgekehrt: In wettbewerbsstarken Ländern, vor allem in Deutschland, das seit Jahren hohe Außenhandelsüberschüsse einfährt, müssen Preise und Löhne deutlich stärker steigen als im Rest des Euro-Gebiets. Wir müssen gegenüber den Euro-Partnern an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Andernfalls kommen Spanien und Co. nie auf die Beine.

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