Augustinum-Chef Rückert Pflegeversicherung nicht reformierbar

"Das ist eine politische Scheindebatte", sagt Augustinum-Chef Markus Rückert. Er sieht keinen Spielraum für eine echte Reform der Pflegeversicherung. Der Staat sei pleite, da könne nichts kommen. In seinen 22 Wohnstiften bietet Rückert den Bewohnern eine eigene Versicherung gegen das Pflegerisiko.
Von Cornelia Knust
Horrorszenario für Deutschland: Zu viele Senioren auf der Parkbank

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Foto: DPA

München - Markus Rückert, der große Anbieter von Wohnstiften für alte Menschen in Deutschland, mag es gern handfest und polemisch. Aber er kann auch loben. Er zollt der Politik Respekt für die Einsicht, dass Pflege nicht nur Handwerk am Körper ist. Dass der Mensch auch eine Seele und ein Umfeld hat, die man in die Definition der Pflege einbeziehen sollte. "Aber wenn Sie sich etwa um Demenzkranke richtig kümmern wollen, wenn Sie die Menschen am Leben teilhaben lassen wollen, dann kostet das wahnsinnig viel Geld", sagt Rückert. "Geld, das der Staat nicht hat".

Ein Pflegegeld nach Vorbild des Elterngeldes hält Rückert für komplett unrealistisch. "Die SPD träumt von kostspieligen sozialen Wohltaten, und der Bundesfinanzminister sagt: Es gibt null. Schuldenabbau steht vornan. Und er hat recht". Insofern bringe weder der neue Pflegebegriff etwas, noch die diskutierte Umstellung von drei auf fünf Pflegestufen: "Wenn es für die ersten beiden Stufen so gut wie kein Geld gibt, dann braucht sie kein Mensch. Damit erweitert nur der Gesetzgeber seinen ohnehin schon viel zu großen Regelungsbereich".

Rückert, 59, ist evangelischer Pfarrer, führt seit 23 Jahren die Augustinum-Gruppe (290 Millionen Euro Umsatz), die sein Vater 1954 in München gegründet hatte. Man sollte erwarten, dass er mit dieser Vita ein Verfechter der Solidarität der Generationen ist: mitnichten. Eine Ausweitung der gesetzlichen Pflegeversicherung lehnt der Theologe, der auch promovierter Betriebswirt ist, ab. "Die Verlagerung der Lasten auf die arbeitenden Generationen der Zukunft ist nicht zu vertreten", sagt er.

"84 Euro für die Kostenbremse"

Rückert findet es auch falsch, die Pflegeversicherung an Lohn und Gehalt festzumachen: "Rente und Krankheit haben noch mit der Arbeit zu tun, die Pflege ja nun überhaupt nicht". Er ist für eine echte private Pflegeversicherung jedes Einzelnen, damit die arbeitende Bevölkerung sich gegen ihr persönliches Pflegerisiko im Alter absichern kann. Sollte der Gesetzgeber diesen Weg der privaten Vorsorge tatsächlich vorgeben, dann sei dies "das faktische Eingeständnis, dass die Finanzierung der Pflege über einen Kapitalstock von Anfang an, also schon 1994, richtig gewesen wäre".

Dabei zelebriert Augustinum seine eigene Form von Solidarität. Schon seit fast 30 Jahren kann man in einen internen Solidarfonds einzahlen mit dem schönen Namen "Pflegekosten-Ergänzungsregelung". Wer bei Einzug noch kein Pflegefall ist, kann gegen aktuell 84 Euro Monatsbeitrag seine späteren Pflegekosten auf 500 Euro im Monat begrenzen, sogar ohne Gesundheitsprüfung. Fast alle der 7400 Bewohner in 22 Häusern zahlten in den Fonds, sagt Rückert. Er funktioniert wohl auch deshalb, weil beim Augustinum im Schnitt nur 15 bis 24 Prozent der alten Herrschaften pflegebedürftig sind, was, wie Rückert selber sagt, ein ungewöhnlich niedriger Satz ist.

Augustinum, so könnte man lästern, ist eben Altwerden mit Goldrand, im eigenen geschmackvollen Apartment, mit gutem Essen und anspruchsvoller Kultur und mit ambulanter Pflege bis zum bitteren Ende. Auf der Bewohnerliste finden sich viele mit dem Titel Dipl.-Ing., nicht wenige Beamte, aber auch Schauspieler und sogar Ex-Politiker wie Hans-Jochen Vogel samt Ehefrau Liselotte. Diese hat ihre Entscheidung für den Wohnstift sogar in einem Buch erläutert, Titel: "Ich lebe weiter selbstbestimmt!"

Personalprobleme in den Ballungsräumen

Ins Augustinum flüchtet man sich nicht mit letzter Kraft, sondern man gewährt dem Haus rechtzeitig ein üppiges Wohndarlehen, das mit 4 Prozent verzinst wird und die Verfügbarkeit einer Wohnung zum gewünschten Zeitpunkt sichert. Die Auslastung der Häuser beträgt 95 Prozent, wie Rückert sagt; im katholischen Süddeutschland sei sie allerdings höher als im protestantischen Norden der Republik.

Die Gruppe betreibt auch zwei Häuser für Demenzkranke, eine Klinik sowie Schulen und Einrichtungen für Behinderte, und sie ist nicht primär auf Gewinnerzielung ausgerichtet. Mehrere gemeinnützige GmbH und zwei nicht gemeinnützige für Küche und Reinigung gruppieren sich unter dem Dach der Augustinum-Stiftung, die Mitglied im Diakonischen Werk ist, also im Wohlfahrtsverband der evangelischen Kirche.

"Polinnen pflegen ganz wunderbar"

Die Diakonie war zwar an der Ausgestaltung des Mindestlohns für Pflegeberufe beteiligt, verhandelt aber ihre eigenen Tarifverträge am runden Tisch und liegt bei der Bezahlung deutlich über dem Mindestlohn. Allerdings beschaffen Mitgliedsfirmen der Diakonie auch preiswerte Servicekräfte über Zeitarbeitsfirmen, wogegen die Gewerkschaft Verdi gerade Stimmung macht. Rückert zeigt sich erbost, dass die Gewerkschaft versuche, den Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital in die kirchliche Dienstgemeinschaft hereinzutragen, die doch nur den Menschen im Auge habe. Er versichert, mit Zeitarbeitern würden bei ihm nur Engpässe abgedeckt.

Das Augustinum habe vor allem Bedarf an Fachkräften: "Wir kriegen ein Personalproblem in den Ballungsräumen", sagt Rückert. Schuld daran sei die "überflüssige" gesetzliche Vorgabe, dass in jeder Schicht mindestens 50 Prozent Vollpflegekräfte arbeiten müssten, also ausgebildetes Fachpersonal. "Und was ist mit den Polinnen in all diesen deutschen Seniorenhaushalten?", poltert Rückert. "Die haben etwas ganz anderes oder vielleicht gar nichts gelernt und pflegen ganz wunderbar".

Und obwohl das Augustinum bei den Pflegenoten, die die Krankenkassen vergeben, hervorragend abschneidet, ist Rückert auch mit diesem Pflege-TÜV nicht glücklich: "Was wird denn wirklich geprüft? Dokumentation und Prozesse. - Für mich ist doch nur wichtig, welche Noten uns die Bewohner geben".

Die scheinen gut zu sein, wie der Expansionsdrang der Gruppe zeigt. In den letzten Jahren wurde der Stift im Münchener Westen für 20 Millionen Euro um zwei Wohntürme erweitert. Auf dem Stuttgarter Killesberg wird ein nagelneues Haus betrieben, und in Meersburg am Bodensee beginnen gerade die Bauarbeiten für ein weiteres. Die Hälfte der insgesamt 22 Immobilien besitzt das Augustinum selbst, die andere Hälfte gehört Investoren.

"Barmherziger Sozialstaat"

Rückert ist wirklich ein Mann der Marktwirtschaft, und er hat auch noch das Glück, unter seinen sechs Kindern einen Sohn zu haben - bis vor Kurzem Berater bei Bain - der sich bereit macht, in ein paar Jahren seine Nachfolge anzutreten. Im Augustinum-Aufsichtsrat sitzt mit Bernd Raffelhüschen ein angesehener Finanzwissenschaftler, der die Horrorszenarien für die Versorgung der alternden Deutschen genau durchgespielt hat und die gesetzliche Pflege gerne komplett abgeschafft sähe.

Rückert klagt: Der Sozialstaat wollte sich doch eigentlich zurückziehen, aber er baut ganz im Gegenteil seinen Einfluss immer weiter aus. Der Protestant Rückert, der im Jahr ein Dutzend mal in seiner Gemeinde Predigt hält, bemüht das Gleichnis vom Samariter: "Wir als der 'Wirt', der sich letztlich um den armen Menschen kümmert, profitieren zwar vom barmherzigen Sozialstaat - aber wir profitieren unter Schmerzen".

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