Schwächelnde Bundesanleihen Krise am Bondmarkt trifft Deutschland

Ist kein Land mehr sicher vor der Schuldenkrise? Die Unruhe am Finanzmarkt trifft selbst Deutschland, das für seine Bundesanleihen inzwischen auch höhere Zinsen zahlen muss. Der Schuldendienst wird teurer - auch wenn dahinter eigentlich gute Nachrichten stehen.
Bundesadler unterm Pleitegeier: Muss Deutschland für acht Billionen Euro Staatsschulden in Europa einstehen?

Bundesadler unterm Pleitegeier: Muss Deutschland für acht Billionen Euro Staatsschulden in Europa einstehen?

Foto: DDP

Hamburg - Die Angst geht um in Deutschland. Müssen die hiesigen Steuerzahler die fast acht Billionen Euro Staatsschulden, die sich in der Euro-Zone angesammelt haben, am Ende allein schultern? Ganz zu schweigen von den wesentlich größeren Schulden privater Haushalte, Unternehmen und Banken, die sich im Krisenfall - siehe Irland - ganz schnell in öffentliche Schulden verwandeln können, weil sie sonst niemand begleichen würde?

Schon die Debatte über eine von Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker vorgeschlagene europäische Gemeinschaftsanleihe schade Deutschland, konstatiert Ökonom Nicolaus Heinen von der Deutschen Bank. Denn selbst die Bundesanleihe, bislang das beliebteste Fluchtziel für internationales Kapital auf der Suche nach Sicherheit und damit Hauptprofiteur der Euro-Krise, wird plötzlich von Anlegern gemieden.

Seit Ende August mit dem historischen Tief von 2,1 Prozent Rendite für Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit ist die am Markt verlangte Verzinsung bis auf 3 Prozent gestiegen. Das ist zwar immer noch weit entfernt von den 11,5 Prozent, die Investoren für Schuldenpapiere von Griechenland verlangen, 8 Prozent von Irland, 6 Prozent von Portugal oder 5 Prozent von Spanien. Aber der Abstand verringert sich, wenn auch nur leicht. Selbst Musterschuldner Deutschland muss mehr für seinen Schuldendienst zahlen.

"Dies spiegelt die Erwartungen von Investoren hinsichtlich einer Transferunion wider", meint Heinen. Er schätzt, dass die Mithaftung über Gemeinschaftsanleihen allein schon die Zinskosten für das deutsche Defizit jährlich um 8,5 Milliarden Euro nach oben treiben würde. Das hänge natürlich von den konkreten Regeln ab, die künftig gelten. "Auf jeden Fall wird es teuer für Deutschland."

Gute Konjunktur bringt höhere Zinsen

Doch es gibt noch andere Gründe für den Kursverfall und den damit einhergehenden Zinsanstieg. Die Entwicklung betrifft nämlich längst nicht mehr Deutschland und die Euro-Zone. Zugleich legten auch US-Treasuries und japanische Staatsanleihen, die beiden anderen wichtigen "sicheren Häfen" am Bondmarkt zu, in beiden Fällen sogar noch etwas stärker als die Bunds. Die USA müssen für zehnjährige Titel bereits deutlich mehr als 3 Prozent Rendite bieten.

"3 Prozent sind immer noch niedrig", sagt Anleihenexperte Rainer Guntermann von der Commerzbank. "Das Renditetief war unter dem fairen Wert." Erst seit der Griechenland-Rettung Anfang Mai rentierten Bundesanleihen mit weniger als 3 Prozent. Dass die Titel anschließend noch begehrter wurden, führt Guntermann auf Panik der Anleger zurück. "Viele sorgten sich, dass die westliche Welt in Richtung japanische Verhältnisse abdriften könnte", in eine lange Phase schwacher Wirtschaft mit fallenden Preisen und Niedrigzinsen also.

"Das ist ein extremes Szenario, das sehr niedrige Renditen rechtfertigt", sagt Guntermann. 2 Prozent für Bundesanleihen sei der Preis für eine wirtschaftliche Katastrophe. Inzwischen seien "diese Argumente aber alle relativiert". Zuletzt seien gute Konjunkturnachrichten vor allem aus den USA gekommen, wovon auch die Bewegung auf dem deutschen Rentenmarkt ausgehe.

Prophezeiungen vom Ende der Ära billigen Kapitals

Besonders der Steuerdeal von Präsident Barack Obama mit den Republikanern habe viele am Markt überrascht, die eher von einer handlungsunfähigen Regierung ausgegangen seien. "Die Gefahr eines Double Dips scheint gebannt", sagt Guntermann, "der Staat stimuliert die Konjunktur und nimmt Druck von der Geldpolitik".

So sinke die Wahrscheinlichkeit, dass die US-Zentralbank Federal Reserve nach ihrem 600-Milliarden-Dollar-Programm zum Anleihenkauf noch weiter nachlegt, um die Wirtschaft zu stützen. Die Aussichten, dass die Fed in absehbarer Zeit den Leitzins wieder anhebe, seien besser. Und darauf stelle sich der Markt jetzt schon ein. Wenn Fed, Europäische Zentralbank und vielleicht sogar die Japaner in absehbarer Zeit ihre Kredite verteuern würden, wäre es nur logisch, dass Anleihenkäufer schon jetzt mehr Geld für ihre Investition sehen wollen.

Manche sehen schon das Ende einer Ära billigen Kapitals gekommen, nicht nur für die Finanzierung von Staaten. Marc Ostwald vom Londoner Broker Monument Securities unkt, der "30-jährige Abwärtstrend der Anleihenrenditen" könne gebrochen sein, und das bedeute den "Auftakt zu einem langfristigen Bärenmarkt nicht nur in den USA, sondern in den meisten G7-Staaten und der Euro-Zone".

Die Währungsstrategen der französischen Großbank BNP Paribas ziehen eine ganz andere Erklärung heran, sie sprechen von der "Japanisierung des Bondmarkts". Immer mehr Investoren, allen voran Japaner, die nun zwei Jahrzehnte Erfahrung mit einer deflationären Wirtschaft haben, stellten sich auf eine längere Niedrigzinsperiode ein. Deshalb hätten sie bei sinkenden Renditen Bunds und Treasuries gekauft, die sie seit Erreichen des Tiefpunkts auf den Markt werfen, was kurzfristig die Kurse drücke und die Renditen treibe. Doch wenn diese Investoren Recht behielten, würden die Renditen nicht mehr viel weiter steigen, und es gäbe nun wieder Kaufgelegenheiten.

Aber was treibt nun wirklich den Bondmarkt: die Angst vor der Schuldenlast, vor einer strafferen Geldpolitik, die Freude über die bessere Konjunktur? Selbst Insidern fällt ein Urteil schwer. "Es ist eine Kombination aus allem", meint Commerzbank-Stratege Guntermann. Auch die Marktprofis seien von den Billionensummen, die in der Krise hin- und herbewegt werden, so beeindruckt, "dass der Markt hin- und herschwankt".

Und die besonders schweren Kursausschläge dieser Tage seien auch ganz profan zu erklären: "Wir stehen kurz vor Weihnachten, da haben sich viele schon aus dem Handel verabschiedet und der Markt ist dünner", sagt Guntermann. Deshalb könnten kleine Impulse die Kurse gewaltig bewegen.

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