Klaus Wowereit "Wir gehen gezielt auf Green Economy"

Berlin hat im Ranking der zukunftsfähigsten Städte Deutschlands kräftig aufgeholt. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit spricht im Interview mit manager magazin über die Anreize, die Politik setzen kann, über den  Wettstreit um Industriearbeitsplätze und über die Faktoren, mit denen Berlin punkten kann - nicht nur bei Werbern, Anwälten und Künstlern.
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD): "Bestimmte Fachkräfte kriege ich nur, wenn ich ihnen am Standort ein attraktives, urbanes Umfeld biete"

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD): "Bestimmte Fachkräfte kriege ich nur, wenn ich ihnen am Standort ein attraktives, urbanes Umfeld biete"

Foto: DPA

mm: Herr Bürgermeister, keine Stadt konnte in den vergangenen zwei Jahren ihre wirtschaftlichen Zukunftsaussichten so stark verbessern wie Berlin - so das Urteil des Städterankings von Hamburger Weltwirtschafts-Institut und Berenberg-Bank. Mal ehrlich: Wie viel hat die Landespolitik zu diesem Erfolg beigetragen?

Wowereit: (lacht) Na, alles natürlich.

mm: Wir meinten: ehrlich.

Wowereit: Im Ernst - Politik kann natürlich nur die richtigen Rahmenbedingungen setzen für eine positive wirtschaftliche Entwicklung. Die nötige Kreativität muss aus den Unternehmen selbst kommen. Bei den Rahmenbedingungen haben wir aber in der Tat einiges verbessert. Wir haben Schwerpunkte in der Wirtschaftsförderung gesetzt, gehen gezielt auf Themen wie Gesundheitswirtschaft oder Green Economy. Die Verbindung zwischen Wissenschaft und Unternehmen haben wir auch verbessert.

mm: Bekannt ist das Neue Berlin aber eher für seine Werbeagenturen, Anwaltskanzleien und Kunstgalerien.

Wowereit: Kein Wunder, die Berliner Industrie musste nach der Wende einen radikalen Aderlass verkraften. Sowohl die DDR-Kombinate im Osten als auch die hoch subventionierten verlängerten Werkbänke im Westteil der Stadt haben dichtgemacht. Da sehe ich es als Erfolg, dass wir inzwischen wieder 100.000 zumeist hoch wettbewerbsfähige Industriearbeitsplätze in der Stadt haben. Aber ich meine auch: Die gewohnte bundesrepublikanische Ungleichung, wonach ein Industriearbeitsplatz automatisch mehr wert ist als ein Dienstleistungsarbeitsplatz, gilt heute nicht mehr.

mm: In den ersten Jahren ihrer Amtszeit galten sie als regierender Bürgermeister, der sich vor allem um die Kreativbranchen kümmert. Sie haben beispielsweise gegen viele Widerstände das Flughafengebäude Tempelhof als Standort für eine Modemesse vermietet. Jetzt, je näher die nächste Wahl rückt, scheinen sie den Charme des produzierenden Gewerbes für sich zu entdecken. Sie haben eine industriepolitische Initiative gestartet und sich selbst an die Spitze gestellt. Woher dieser Sinneswandel?

Wowereit: Ich würde das nicht als Sinneswandel bezeichnen, und mit Wahlkampf hat es erst recht nichts zu tun. Diese Stadt wollte niemals nur in einem Bereich Arbeitsplätze schaffen. Aber in der Industrie sind in Deutschland nun einmal schon viele Messen gelesen. Da gibt es die traditionellen Standorte, meist in den alten Bundesländern, und die Unternehmen dort verkleinern tendenziell ihre Präsenz in Deutschland. Die gehen eher nach Osteuropa oder China, als dass sie nun ausgerechnet in Berlin eine neue Fabrik eröffnen. Berlin hat als Industriestandort am ehesten dann eine Chance, wenn wir eine starke Verknüpfung mit der Wissenschaftslandschaft hinkriegen, wenn wir es schaffen forschungsintensive Industrien anzuziehen, bei denen Lohnkosten nicht so die Rolle spielen. Darum wollen wir uns verstärkt bemühen.

mm: In der senatseigen Industriestrategie 2010 bis 2020, die sie kürzlich veröffentlicht haben, steht der schöne Satz: Die Dienstleistungsorientierung der Verwaltung gegenüber Unternehmen werde als ausbaufähig bewertet. Das ist ja wahrscheinlich noch wohlwollend formuliert, oder?

"In Berlin ist für jeden was dabei"

Wowereit: Es gibt sicher immer Verbesserungsbedarf. Andererseits: was ist das für ein Unternehmer, der keine Schwierigkeiten überwinden kann?

mm: Der Unternehmer kann Schwierigkeiten auch einfach vermeiden, indem er sich für einen anderen Standort entscheidet. General Electric  wollte sein deutsches Forschungszentrum in Berlin ansiedeln, jetzt steht es in Garching bei München. Ärgert Sie das?

Wowereit: Uns gegenüber hat General Electric gesagt, dass man nach München gehe, um dort Aug in Aug mit dem Hauptkonkurrenten zu sitzen ...

mm: ... mit Siemens …

Wowereit: ... aber jeder Oberbürgermeister in Deutschland kann Ihnen auch tolle Geschichten erzählen, mit welchen Methoden Unternehmen verschiedene Standorte gegeneinander ausspielen. Das ist auch okay, das ist Wettbewerb. Aber nicht hinter jeder Standortentscheidung eines Unternehmens verbirgt sich ein Versagen der anderen Standorte. Gerade in Sachen General Electric habe ich mich selbst eingesetzt, denen haben wir ein Super-Paket geschnürt.

mm: Sehen sie einen Zusammenhang zwischen der Attraktivität Berlins als Kulturmetropole und der Tatsache, dass sich neuerdings viele wissensintensive Betriebe in Berlin ansiedeln?

Wowereit: Ja ganz klar. Die Unternehmen wissen heute: Bestimmte hochbegehrte Fachkräfte kriege ich nur, wenn ich ihnen an meinem Standort ein attraktives, urbanes Umfeld biete. In Berlin ist nun wirklich für jeden was dabei. Sie können mit ihren Kindern zu bezahlbaren Preisen im Grünen wohnen, oder sie ziehen mitten in den Kiez und genießen eine in Deutschland beispiellose Kulturszene. Es gibt zahlreiche Unternehmen, die genau wegen dieser Vielfalt ihre Präsenz in Berlin ausgebaut oder erst geschaffen haben.

mm: Für gut verdienende Neubürger ist Berlin zweifellos ein attraktives Pflaster. Aber was ist mit den Menschen, die schon in der Stadt leben? Die Arbeitslosigkeit in Berlin liegt fast doppelt so hoch wie im Bundesschnitt, und 80 Prozent der Berliner Arbeitslosen beziehen Hartz IV. Das heißt, diese Menschen haben schon lange keine Arbeit mehr oder waren noch nie sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Was haben die von all den Anwaltskanzleien, Unternehmensberatungen und Galerien?

Wowereit: Jeder neue Arbeitsplatz im hoch qualifizierten Bereich schafft zusätzliche Jobs in anderen Sektoren. Sie dürfen nicht vergessen: Wenn, wie 2008 geschehen, das Pharmaunternehmen Pfizer  seine Deutschland-Zentrale von Karlsruhe nach Berlin verlagert und hier 500 neue Arbeitsplätze schafft, dann werden höchstens die Hälfte der Stellen mit Zuzüglern besetzt. Und an den 500 Arbeitsplätzen bei Pfizer hängen wiederum hunderte weitere bei Gastronomie und Einzelhandel. Wie waren in Berlin mal bei 20 Prozent Arbeitslosen, heute sind wir bei 13, das ist ein echter Fortschritt.

mm: Angesichts von so viel Fortschritt könnten Sie ja auch als Kanzlerkandidat der SPD antreten.

Wowereit: Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

mm: Um als Kanzlerkandidat glaubwürdig zu sein, muss man normalerweise eine positive Bilanz seiner politischen Arbeit vorweisen können.

Wowereit: Ach so. Also, ich kandidiere 2011 noch einmal als Regierender Bürgermeister und fühle mich damit ausgelastet.

mm: Die Bundestagswahl ist ja auch erst 2013.

Wowereit: Ich habe mich entschieden, als Regierender Bürgermeister zu kandidieren, und dieses Ziel ist schon ziemlich ambitioniert.

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