Städteranking Vorsprung durch Technik, Talent und Toleranz

Die Zukunft sieht nicht für alle deutschen Städte grau in grau aus. Manche, längst abgeschriebenen Metropolen verbessern ihre Lage überraschend. Das Ergebnis schlägt sich in der Hitliste der zukunftsfähigsten deutschen Großstädte nieder - und aktuell in einem unerwarteten Ost-Süd-Gefälle.
Flashmob in Berlin: "Man" muss jetzt einfach in Berlin sein, weil die anderen auch da sind

Flashmob in Berlin: "Man" muss jetzt einfach in Berlin sein, weil die anderen auch da sind

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Hamburg - Der Beruf des Stadtplaners bietet nicht die beste Voraussetzung, um Popstar zu werden. Richard Florida hat es dennoch geschafft. 2002 veröffentlichte der US-Amerikaner, der an der Universität Toronto lehrt, sein Konzept der "Kreativen Klasse".

Demnach hängen die wirtschaftlichen Zukunftsaussichten von Städten entscheidend davon, ob sie ein attraktives Umfeld für einen bestimmten Menschenschlag bilden: Ebenjene "Kreative Klasse", die für Florida nicht nur Künstler und Wissenschaftler umfasst, sondern auch Anwälte, Ärzte, Ingenieure. Das Konzept der kreativen Klasse machte Florida zum Stargast im weltweiten Kongresszirkus. Unzählige Stadtmarketingbeauftragte und Wirtschaftsförderer orientieren sich inzwischen an seinen Ratschlägen.

Zum zweiten Mal nach 2008 hat das Hamburger Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) jetzt im Auftrag der Berenberg Bank die wirtschaftlichen Zukunftsaussichten der 30 größten deutschen Städte untersucht. Die Ergebnisse liefern ein deutliches Indiz dafür, dass Florida mit seinen Thesen richtig liegt. Sowohl der Aufstieg von Berlin, das sich innerhalb von zwei Jahren von Rang 24 auf Rang 8 verbessern konnte, als auch die anhaltende Misere im Ruhrgebiet lassen sich mit Floridas Konzept der Kreativen Klasse erklären.

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Ranking: Die zukunftsfähigsten Städte Deutschlands

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Berlin hat seine wirtschaftlichen Zukunftsaussichten vor allem deshalb aufhellen können, weil die Stadt binnen weniger Jahre "zum Magneten für kluge Köpfe aus ganz Deutschland, ja aus ganz Europa geworden ist", wie es Berenberg-Immobilienexperte Karsten Saft formuliert. Diese "klugen Köpfe" schaffen mit ihrer hohen Produktivität weitere Jobs in anderen Branchen und sorgen so dafür, dass Berlin zurzeit nicht nur das höchste Wachstum aller Bundesländer verzeichnen kann, sondern auch die Arbeitslosigkeit von zeitweise 20 auf (immer noch hohe) 13 Prozent senken konnte.

Die "Klugen Köpfe", die hochproduktiven Wissensarbeiter der kreativen Klasse fühlen sich laut Florida vor allem von drei Faktoren angezogen: Technologie, Talent und Toleranz. Technologie steht dabei für die in einer Stadt ansässigen Institutionen, die der kreativen Klasse gutdotierte Arbeitsmöglichkeiten bieten. In Berlin leistet dies vor allem die Bundesregierung mit ihrem Rattenschwanz aus Verbänden, Agenturen und Kanzleien. Ganz unabhängig von der Hauptstadtfunktion haben sich in den vergangenen 20 Jahren in Berlin zudem zahlreiche Wissenschaftsorganisationen angesiedelt, die der kreativen Klasse ebenfalls als Nist- und Brutplätze dienen.

Talent, der zweite Faktor, bezeichnet, wie viele andere Angehörige der kreativen Klasse bereits in einer Stadt leben. Noch stärker als andere Professionen suchen die Wissensarbeiter nämlich Netzwerke, in denen sie mit Gleichgesinnten kooperieren können: Ob als Werber, Journalist oder Galerist - "man" muss jetzt einfach in Berlin sein, weil all die anderen auch da sind.

Toleranz schließlich bezeichnet das Lebensgefühl in einer Stadt, das bunte Nebeneinander verschiedener Kulturen und Lebensstile, gepaart mit einem reichhaltigen und bitte nicht zu braven Kulturangebot. In solch einem Habitat fühlt sich die kreative Klasse wohl, und auch diese Bedingung erfüllt Berlin.

Sind alle drei Faktoren gegeben, dann kommt ein sich selbst verstärkender Prozess in Gang, der die wirtschaftlichen Zukunftsaussichten einer Stadt umso deutlicher verbessert, je weiter man in die Zukunft blickt. In Berlin erleben wir gerade den Anfang eines solchen Prozesses, abzulesen an wachsender Bevölkerung, zunehmender Zahl der Arbeitsplätze und vor allem steigender Produktivität. Auch in Leipzig und Dresden sind Aufholprozesse in Gang gekommen, ganz anders als in Chemnitz, der dritten ostdeutschen Stadt im Ranking.

Nicht nur in Chemnitz offenbart sich: Wenn es nicht gelingt, die drei "T" zu aktivieren, dann entfachen selbst milliardenschwere Förderprogramme bestenfalls ein Strohfeuer. Das zeigt auch das Beispiel des Ruhrgebiets, das im aktuellen Ranking gegenüber 2008 noch weiter zurückgefallen ist. In Bochum etwa, so Silvia Stiller, Ranking-Verantwortliche beim HWWI, gebe es deutlichen Aufholbedarf in den Bereichen Internationalität, Bildung und Innovationsfähigkeit.

Eine Sonderstellung nehmen im Ranking die Städte Stuttgart und Mannheim ein. Beide sind weit zurückgefallen, Stuttgart von Platz 3 auf Platz 16, Mannheim von 13 auf 23. Übertriebenen Anlass zur Sorge müssen sich die Bürger dort aber nicht machen: Der Abstieg liegt vor allem an der zurückliegenden Rezession, von der die vielen exortorientierten Industriebetriebe in Stuttgart und Mannheim überproportional schwer getroffen wurden. Eine Scharte, die beide Städte im derzeitigen Aufschwung sicherlich wieder auswetzen werden - und die garantiert nichts mit Floridas Thesen zu tun hat.

Das Städteranking 2010

Gesamtranking

2010 2008 Stadt Standort Demografie Trend
1 1 Frankfurt am Main 1 4 8
2 2 München 2 2 5
3 11 Düsseldorf 3 3 4
4 9 Bonn 7 5 1
5 7 Köln 8 6 14
6 4 Wiesbaden 5 7 20
7 7 Hamburg 10 9 11
8 24 Berlin 6 11 10
9 5 Dresden 26 1 7
10 15 Hannover 17 10 9
11 25 Leipzig 28 8 2
12 14 Aachen 9 14 17
13 6 Karlsruhe 12 18 12
14 17 Nürnberg 20 16 6
15 21 Münster 24 19 3
16 3 Stuttgart 4 12 28
17 21 Duisburg 15 24 13
18 16 Bremen 13 26 19
19 12 Augsburg 22 15 18
20 10 Dortmund 21 20 16
21 19 Essen 14 25 24
22 20 Braunschweig 25 17 22
23 13 Mannheim 11 21 27
neu 24 - Kiel 29 13 15
25 28 Gelsenkirchen 23 28 21
26 18 Mönchengladbach 19 22 25
27 23 Bielefeld 27 23 23
28 29 Wuppertal 16 27 29
29 27 Bochum 18 30 30
30 30 Chemnitz 30 29 26
Quelle: HWWI / Berenberg
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