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Neues Deutschland-Bild Amerikas Hype um "New Germany"

Erwacht aus dem Dornröschenschlaf und voller Innovationskraft: Amerika bringt der Bundesrepublik derzeit umso mehr Bewunderung entgegen, je schleppender es mit der eigenen Ökonomie vorangeht. Jenseits des Atlantiks entwickelt sich ein Deutschland-Hype.
Von Christine Mattauch

New York - Auf einer ganzen Seite gab die amerikanische Business Week ihren Lesern diesen Monat Nachhilfeunterricht, wie man sich in Deutschland nicht in Verlegenheit bringt: "Vermeiden Sie Übertreibungen und Redeschwälle. Bestellen Sie in Restaurants kein Leitungswasser, das ist unhöflich. Recyclen Sie stets - ordentliche Müllentsorgung ist den Deutschen sehr wichtig."

Die Ratschläge für sensible Geschäftsreisende sind durchaus ernst gemeint, wenn auch nur ein kleiner Teil der Titelgeschichte von 23 Seiten über "New Germany". Die umfassende Analyse in einem der wichtigsten amerikanischen Business-Medien ist eines von vielen Indizien, dass die USA Deutschland mit neuem Respekt begegnet.

Das Land, vor kurzem noch als kranker Mann Europas bemitleidet, schwimmt auf einer Sympathiewelle. "Deutschlands Image in Amerika ist derzeit ausgesprochen positiv", bestätigt Dr. Stephen Szabo, Direktor der Transatlantic Academy in Washington, die sich für die deutsch-amerikanische Verständigung engagiert.

Vier von fünf Amerikanern haben eine gute Meinung von Deutschland. Es gehört zu den lediglich fünf Staaten, die eine Mehrheit der Amerikaner im Kriegsfall verteidigen würde, zeigen Umfragen von Meinungsforschungsinstituten. Die New York Times verglich Deutschland jüngst mit Dornröschen: "Der Staat ist erwacht und zeigt seine ökonomische Innovationskraft und seine kulturellen Schätze."

Besonders populär ist Berlin: im ersten Halbjahr 2010 gab es dort mehr als 360.000 Übernachtungen von Amerikanern, 8,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Es ist vielleicht auch kein Zufall, dass mit Léo Apotheker ausgerechnet jetzt ein Deutscher an die Spitze des mächtigen Technologiekonzerns HP berufen wurde.

"Beeindruckt, wie Deutschland die Krise gemeistert hat"

Was ist passiert? Es ist doch noch nicht so lange her, da stand es mit den Beziehungen der beiden Länder nicht zum Besten. Für Verstimmung sorgte insbesondere ein Bundeskanzler namens Gerhard Schröder, der sich ungewöhnlich schraf vom Irak-Krieg des damaligen US-Päsidenten George W. Bush distanziert hatte. "Schroeder doesn't speak for all Germans", er spricht nicht für alle Deutschen, beeilte sich seinerzeit eine Oppositionsführerin namens Angela Merkel in der Washington Post zu versichern. In US-Umfragen sackte das Land der unloyalen Kriegsgegner trotzdem auf einen neuen Tiefpunkt. Das ist, so scheint es, vergessen.

"Viele Amerikaner sind beeindruckt, wie Deutschland die Wirtschaftskrise gemeistert hat", sagt Benno Bunse, Präsident der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in New York. Das Wachstum so kurz nach der Rezession - IWF-Prognose für 2010: 3,3 Prozent, heutige Prognose der Bundesregierung: 3,4 Prozent - wird um so mehr bewundert, als es mit der eigenen Ökonomie alles andere als zum Besten steht und insbesondere die Arbeitslosenquote von 9,6 Prozent nicht sinken will.

Dass Deutschland, anders als die USA, von der Finanzkrise nur mittelbar betroffen war und keine Häuserkrise hatte, wird dabei oft übersehen. Statt dessen suchen viele Amerikaner nach dem Erfolgsrezept und finden es zum Beispiel in der staatlich subventionierten Kurzarbeit, die den Abschwung abfedert. Etwas Vergleichbares gibt es in den USA nicht. "Der deutsche Staat ist einfach langfristiger orientiert", sagt Szabo.

Jeffrey Himmel, CEO der Artco Group in White Plains nahe New York, lobt die Innovationskraft der Deutschen. Er fährt regelmäßig nach Deutschland, um Stahl zu kaufen. "Amerika hat seine industrielle Basis preisgegeben, während sich deutsche Unternehmen immer wieder neu erfunden haben", meint er. Für die Washington Post hingegen erklärt das neue deutsche Wirtschaftswunder mit China. "Von den Deutschen wird es als Kunde hofiert, während wir es verunglimpfen und für unsere Schwierigkeiten verantwortlich machen", analysierte das Blatt.

"Patriotismus, der mir Spaß macht"

Die Sympathiewelle befördert hat, ausgerechnet im Football- und Baseball-Land Amerika, die Fußballweltmeisterschaft. Mit Erstaunen und Begeisterung reagierte die US-Presse auf das multikulturelle deutsche Soccer-Team.

"Das ist ein Zeichen, dass sich die Vorstellung von dem, was es bedeutet, deutsch zu sein, fundamental geändert hat", schrieb die New York Times. Deutschland sei heute offener und freundlicher, findet auch Unternehmer Himmel, der in den 70er Jahren in Freiburg studierte: "Damals war alles sehr streng und reguliert, und an manchen Stammtischen wurden abends noch Armeelieder gesungen." Heute freut er sich, wenn er auf deutschen Straßen neben weißen auch braune und schwarze Gesichter sieht und im Stadion schwarz-rot-goldene Fahnen wehen: "Das ist ein Patriotismus, der mir Spaß macht."

Die Bewunderung für "New Germany" geht Hand in Hand mit Selbstkritik - Deutschland als Porjektionsfläche für die Veränderungswünsche im eigenen Land. "'Green Germany' ist Wallfahrtsort für alle jungen Leute, die die Energiewende wollen; 'Austere Germany' ist Wunderland aller Konservativen, die fiskalische Disziplin wollen", sagt Thomas Kleine-Brockhoff vom German Marshall Fund in Washington.

Die Großmacht hat viel von ihrem Selbstbewusstsein eingebüßt. US-Erfolgsautor Thomas Geoghegan preist Deutschland in seinem neuen Buch "Were you born on the wrong continent?" gar als Vorbild für die USA. An die Stelle der traditionellen Überzeugung, alles richtig zu machen, ist Verunsicherung getreten. "Die Stimmung in den USA ist so gedrückt, wie ich es noch nie erlebt habe", sagt Handelskammerchef Bunse. Für deutsche Exporteure muss das nicht schlecht sein: "Erfolgreiche Unternehmen sind bevorzugte Handelspartner." Wenn die Kammer zu Informationsveranstaltungen über Solar- und Windenergie einlädt, kommen mehrere hundert amerikanische Geschäftsleute.

"Aufstieg Deutschlands unbehaglich"

Freilich, es gibt auch kritische Stimmen. Investor George Soros warf den Deutschen in einem Vortrag an der Columbia University kürzlich vor, die Euro-Zone in eine deflatorische Abwärtsspirale zu treiben. Die populistische Graswurzelbewegung Tea Party stellt alles, was europäisch anmutet, unter den Generalverdacht sozialistischen Denkens.

Und schließlich sind nicht bei allen Amrikanern die Erinnerungen an Nazi-Deutschland verblasst. Der Artikel in der New York Times über das neue deutsche Selbstbewusstsein initiierte nicht weniger als 97 Online-Kommentare. "Der Aufstieg Deutschlands bleibt mir unbehaglich, insbesondere wenn das Land anfängt, sich überlegen zu fühlen", schrieb ein Leser aus Long Beach. Doch die meisten äußerten sich positiv. Tenor: "Die Vergangenheit ist Vergangenheit"; "Endlose Entschuldigungen sind weder gut für Deutschland noch für die Welt".

Viele Amerikaner sind sich darüber im Klaren, dass die Potenz Deutschlands auch ein Ergebnis der US-Politik nach dem Zweiten Weltkrieg ist. "Die USA erlaubten Deutschland, das Modell einzuführen, das es wirtschaftlich erfolgreich machte", meint Szabo. Deutschland sei heute "genau so, wie wir es immer haben wollten: stabil, demokratisch und wirtschaftlich blühend", sagte der frühere US-Botschafter in Berlin, John Kornblum, der Business Week. Der Grafiker des Magazins sah das nicht so gelassen. Zu dem Vergleich des gesetzlichen Mindesturlaubs - in Deutschland 24 Tage, in Amerika gibt es keinen -, setzte er einen traurigen Smiley.

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