Widerstand gegen TTIP Gefährliche Selbstzufriedenheit der Deutschen
Besucher des Biergartens im Englischen Garten: Bemerkenswert für eine exportabhängige Volkswirtschaft
Foto: iamgoNoch ist alles in Ordnung: Die Wirtschaft wächst, die Beschäftigung ist hoch, die Unternehmen liefern anständige Zahlen ab (achten Sie auf die Halbjahresergebnisse diverser Konzerne diese Woche). Nirgends in Europa halten so viele Menschen die wirtschaftliche Lage für gut (86 Prozent). Und besser noch: Bemerkenswerte 91 Prozent der Bundesbürger sind mit ihrem persönlichen Leben zufrieden. Die Bundesrepublik - ein glückliches Land. Dieses Bild lässt sich aus den Ergebnissen der aktuellen Eurobarometer-Umfrage herauslesen.
Alles gut also? Unter der behaglichen Oberfläche kommt satte Selbstzufriedenheit zum Vorschein. Lieber keine Veränderungen, bloß keine Experimente, lieber alles lassen, wie es ist. Ein heikler Trend, der vor allem bei drei Themen sichtbar wird: bei der Zuwanderung, beim internationalen Handel und der Einstellung zu großen Unternehmen.
Zu jedem der drei Themen ein paar Zahlen:
- In keinem anderen EU-Land (außer in Malta) rangiert die Zuwanderung im nationalen Problembewusstsein so weit oben, wie die Eurobarometer-Befragung zeigt. Für die Deutschen ist Migration das mit Abstand größte gesellschaftliche Problem - dabei geben nur acht Prozent an, davon persönlich betroffen zu sein. Sogar in Ländern wie Italien und Griechenland, die als Erstaufnahmeländer für Flüchtlinge derzeit deutlich stärker gefordert sind, ist die Stimmung nicht so ablehnend. Inzwischen sieht eine Mehrheit der Deutschen den Zuzug von Menschen von außerhalb der EU als problematisch an. Immer weniger Bundesbürger finden, dass Zuwanderer einen "großen Beitrag" fürs Land leisten.
Bemerkenswert in einem Land, das ohne Zuwanderung in den kommenden Jahrzehnten einen beispiellosen Niedergang erleiden wird.
- In keinem anderen EU-Land (außer in Österreich) ist eine wachsende Mehrheit gegen das geplante Handels- und Investitionsabkommen mit den USA (TTIP). 51 Prozent der Bundesbürger sind dagegen, deutlich mehr als noch vor einem halben Jahr; Unterstützung findet das Abkommen bei nur 31 Prozent. Überall sonst in der EU gibt es breite Pro-TTIP-Mehrheiten: in Frankreich, in Italien, in Spanien, auch in prosperierenden Nordstaaten wie Schweden und Großbritannien sowie in aufstrebenden Ost-Ländern wie Polen und Tschechien. Die übrigen Europäer sehen vor allem die Chancen einer vertieften ökonomischen Integration mit den USA. Nicht so in den deutschsprachigen Ländern: Dort überschatten die Risiken alles.
Bemerkenswert für exportabhängige Volkswirtschaften, die auf dem Weltmarkt außerhalb der EU große Erfolge feiern - und die ohne die bislang blühenden Geschäfte mit Amerika und China längst in den Sog der Eurokrise gerissen worden wären.
- In keinem anderen EU-Land ist die Stimmung gegenüber großen Unternehmen derart kritisch. Während Konzerne woanders oft das Vertrauen stattlicher Mehrheiten der Bürger genießen, herrscht hierzulande ausgeprägte Skepsis, wie Umfragen vom vorigen Herbst zeigen.
Bemerkenswert in einem Land, wo so viele international aktive Großunternehmen beheimatet sind wie nirgendwo sonst in Europa.
Um nicht missverstanden zu werden: Es geht nicht darum, Zuwanderung als uneingeschränkt unproblematisch, TTIP als risikolos und Multis als rundum segensreiche Einrichtungen zu verklären. Doch in der Summe zeigt sich eine problematische Grundhaltung: Hier hockt eine Nation, die ihren Wohlstand als gesichert und ihre eigenen Erfolge auf den Weltmärkten als gegeben ansieht.
Und die glaubt, sich nicht um weitere Integrationsschritte bemühen zu müssen. Weder bei der Öffnung der Gesellschaft für Zuwanderer. Noch beim internationalen Handel. Noch in Europa, wo die Bundesregierung im Zuge der Griechenland-Hängepartie eine Spaltung der Eurozone risikiert und eine Bevölkerungsmehrheit hinter sich weiß.
Dabei wird das Ringen um Wohlstand künftig härter. Denn der wichtigste Treiber des seit 2006 andauernden zweiten deutschen Wirtschaftswunders verliert seine Kraft: Der Boom der Schwellenländer ist vorerst zu Ende. China ächzt unter zurückgehendem Wachstum und den Folgen einer schuldenfinanzierten Spekulationsblase (achten Sie auf aktuelle Zahlen zur chinesischen Industrieproduktion am Mittwoch). Russland und Brasilien stecken in tiefgreifenden Krisen. Wichtige Exportmärkte drohen zu schrumpfen.
Veränderungen einfach bräsig abzulehnen ist keine Option. Die Bundesrepublik wird nur prosperieren können, wenn sie Dreierlei tut: erstens den europäischen Heimatmarkt mit allen Mitteln stabilisiert, zweitens die Wirtschaftsbeziehungen zu den USA intensiviert, drittens die heimische Basis durch großzügige Zuwanderung und gezielte Integrationsstrategien stärkt.
Gefordert sind Offenheit und Experimentierfreude - gesellschaftlich, technisch, politisch, kulturell, wirtschaftlich. Wer sich globalisierungssatt zurücklehnt, lebt gefährlich.
Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche
Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche
Montag
Washington - Wann steigen die Zinsen? - Veröffentlichung des Berichts zur Verfassung des Arbeitsmarkts: Gelesen wird er vor allem mit Blick auf nächste Schritte der US-Notenbank Fed.
Dienstag
Mannheim - Konjunkturtest der Börsenprofis - August-Werte des ZEW-Indikators
Hamburg/Jena/Nürnberg - Zahlen, Zahlen I - Ergebnisse aus der zweiten Reihe: Deutsche Industriekonzerne (Jungheinrich, Jenoptik, Leoni) berichten vom Geschäft im zweiten Quartal.
Mittwoch
Peking - Nach dem Boom - Neue Erkenntnisse zur Industrieproduktion in China.
Düsseldorf - Zahlen, Zahlen II - Der gebeutelte Energiekonzern E.on und der Persil-und-Pattex-Produzent Henkel legen Ergebnisse des zweiten Quartals vor.
Donnerstag
Essen/Kassel/Berlin/Hannover/Montabaur - Zahlen, Zahlen III - Quartalsergebnisse von RWE, ThyssenKrupp, K+S, Zalando, Air Berlin, Tui, United Internet
Freitag
Wiesbaden/Paris/Luxemburg - Europa-Aktivität - Die Statistikämter Deutschlands, Frankreichs und der EU legen Schätzungen für das Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal vor.