Berechnung von Ökonomen 300 Produkte verschlingen 90 Prozent des Gasverbrauchs

Die deutsche Industrie wendet offenbar riesige Mengen Gas für die Herstellung einiger weniger Produkte auf. Diese könnten aber laut Experten auch ohne große Wohlstandseinbußen im Ausland beschafft werden.
Großverbraucher in Ludwigshafen: Das Stammwerk von BASF

Großverbraucher in Ludwigshafen: Das Stammwerk von BASF

Foto: Michael Probst / AP

Die von Russland ausgelöste Energiekrise schürt in Deutschland Sorgen, das Land könnte weite Teile der Industrielandschaft verlieren, von deren Erhalt es in den vergangenen Jahrzehnten so profitiert hat. Solche Befürchtungen sind nach Einschätzung von Ökonomen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) allerdings deutlich übertrieben.

Der Studie zufolge ist es vor allen Dingen eine kleine Minderheit von Produkten, die bei der Herstellung einen Großteil des Gasverbrauchs der deutschen Industrie verursacht – und die recht leicht auch im Ausland beschafft werden könnte.

Die Herstellung der 300 Produkte mit dem höchsten Gasverbrauch verursache knapp 90 Prozent des gesamten Gasverbrauchs der deutschen Industrie, zu diesem Schluss kommen die Ökonomen des IWH. Die Experten hatten erstmals den Gasverbrauch bei der Fertigung einzelner Produkte in Deutschland ermittelt.

Ihre Analyse entstand im Rahmen der Arbeit am Jahresgutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Die sogenannten Wirtschaftsweisen hatten ihren Bericht am Mittwoch vorgestellt.

Keine wesentlichen Unterbrechungen der Wertschöpfungsketten zu erwarten

Die Studie schätzt die erwartbaren Auswirkungen eines drastischen Anstiegs der Gaspreise auf die deutsche Industrie ab. Bei einer Vervierfachung der Kosten für industrielle Abnehmer in Deutschland würden sich die Herstellungskosten im Durchschnitt aller untersuchten 300 Produkte demnach um zwölf Cent je Euro Umsatz erhöhen. Vereinfacht gesagt: Eine Vervierfachung des Gaspreises würde Preissteigerungen um 12 Prozent nötig machen. Viele der betroffenen 300 Produkte wären dann in Deutschland aber nicht mehr wettbewerbsfähig herstellbar. Davon wäre vor allen Dingen die Chemieindustrie betroffen.

Trotz heimischer Produktionsausfälle wären dann aber keine wesentlichen Unterbrechungen der Wertschöpfungsketten in Deutschland zu erwarten. Würden Produkte mit hoher Gasintensität und hoher Importsubstituierbarkeit überhaupt nicht mehr in Deutschland hergestellt, würde die deutsche Industrie laut IWH-Studie etwa 26 Prozent ihres Gesamtgasverbrauchs einsparen, aber nur weniger als 3 Prozent ihres Umsatzes verlieren.

"Die deutsche Industrie kann sehr viel Gas bei geringen Umsatzeinbußen einsparen, wenn gasintensive Produkte nicht mehr selbst hergestellt, sondern importiert werden", sagt Steffen Müller, Leiter der IWH-Abteilung Strukturwandel und Produktivität.

beb
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