Samstag, 25. Januar 2020

Strukturkrisen Deutschland, ein Wirtschaftsmärchen

2004/05 war Deutschland am Ende des europäischen Wachstumszugs, der "kranke Mann" Europas. Stimmung und Wirtschaft waren am Boden. Droht nun wieder so ein Szenario?

Die gewärtige Eintrübung der wirtschaftlichen Lage weckt Erinnerungen an die letzte deutsche Dauerkrise: Vor anderthalb Jahrzehnten schien der Abstieg unausweichlich. Können wir aus diesen Erfahrungen etwas lernen?

Am Ende einer langen Strukturkrise lag das deutsche Selbstbewusstsein am Boden. Die Mehrheit der Bundesbürger war pessimistisch: Mehr als 80 Prozent gingen davon aus, dass sich ihre persönliche wirtschaftliche Lage nicht bessern oder gar verschlechtern würde. Optimisten waren eine kleine Minderheit: Nur ein Siebtel glaubten an eine Verbesserung ihrer Situation.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Deutschland war das dunkle Herz Europas, damals im Herbst 2005. Nirgendwo in den westlichen EU-Ländern war der Pessimismus derart tief verwurzelt, nirgendwo sonst gab es so wenige Optimisten, wie die Eurobarometer-Umfragen zeigten.

14 Jahre ist das her. Die Bundesrepublik hatte eine lange Durststrecke hinter sich: wirtschaftliche Stagnation, hohe Arbeitslosigkeit, schwache Lohnentwicklung, Kürzungen von Sozialausgaben, steigende Staatsschulden.

Deutschland - das war das "Land mit der roten Laterne" am Ende des europäischen Wachstumszugs, der "kranke Mann" Europas, um zwei populäre Metaphern jener Jahre zu nennen. Populäre Wirtschaftsbücher trugen Titel wie "Ist Deutschland noch zu retten?" (Hans-Werner Sinn) oder gar "Abstieg eines Superstars" (etwas voreilig: Gabor Steingart).

"Lachnummer Deutschland" titelte der SPIEGEL im Februar 2004. Zu sehen waren lauter deppert dreinblickende Politiker - eine offensichtlich unfähige Elite. Der Zeitgeist war rabenschwarz.

Es war ein mächtiges Narrativ, das auf die Volksseele drückte: Diese Nation sei am Ende ihrer Kräfte, nichts gehe mehr voran - warum also solle man versuchen, irgendwelche Chancen zu nutzen?

Viele Bundesbürger verließen damals das Land, weil anderswo die Chancen besser schienen. Mitte der 2000er Jahre erlebte die Bundesrepublik eine kleine Auswanderungswelle.

Was Deutschland ab Mitte der 1990er Jahre durchmachte, war die Implosion des nationalen Selbstbewusstseins. Auf die Wiedervereinigung folgte eine Art kollektive Dauerdepression. Die Bundesrepublik schien ihre besten Zeiten hinter sich zu haben.

Die ökonomische Leistungsfähigkeit war derart angegriffen, dass die Bundesregierung sich, zusammen mit Frankreich, daran machte, den Stabilitäts- und Wachstumspakt zu schwächen: Berlin war nicht mehr in der Lage, die Defizitregeln der EU einzuhalten. Aus Rücksicht auf die Schwäche Deutschlands hielt die Europäische Zentralbank damals die Zinsen niedrig - und nährte damit einen Boom in Südeuropa, der später in die Eurokrise mündete. Man vergisst das heute gern, bei all dem Gerede über die "schwarze Null" und die angebliche "Enteignung der deutschen Sparer".

Ist es denkbar, dass uns ein ähnlicher Stimmungseinbruch bevorsteht wie damals?

Die Leiden der Industrie

Das Jahr 2019 stellt einen Wendepunkt dar. Es war das Jahr des Erwachens aus einem Wirtschaftsmärchen.

Seit 2006 genoss Deutschland einen langen Aufschwung, nur kurz unterbrochen von der Großen Rezession 2008/09, die hierzulande eine Episode blieb. Getragen wurde der Wiederaufstieg von der stolzen Industrie, die immer neue Märkte erschloss, zunächst im übrigen Europa und in Nordamerika, später in den Schwellenländern, zumal in China.

Diese Ära ist vorbei. Die Industrie schrumpft. Diverse Konzerne haben angekündigt, Jobs zu streichen. Mehr als 15 Prozent der Industrieunternehmen erwarten, in den kommenden Monaten Kurzarbeit einführen zu müssen; in besonders stark betroffenen Branchen sind es bis zu 40 Prozent, so eine Umfrage des Ifo-Instituts.

Dahinter steckt mehr als ein zyklischer Abschwung. Deutschland steht am Beginn eines Strukturwandels: Die Autoindustrie - mit Abstand die wichtigste Branche im Land - braucht Alternativen zu Verbrennungsmotoren. Der Maschinenbau muss die Digitalisierung meistern. Große Datenkonzerne à la Google, Facebook oder Alibaba gibt es hierzulande nicht. Quer durch alle Branchen wird der Ausstoß von klimaschädlichen Gasen rapide sinken müssen.

Es wird nicht damit getan sein, einfach auf den nächsten konjunkturellen Aufschwung zu warten. Dass die deutsche Industrie ihre außergewöhnliche bisherige Größe behält, ist unwahrscheinlich. Bislang ist der Industrieanteil an der deutschen Wertschöpfung und Beschäftigung deutlich höher als in vergleichbaren Ländern.

Deutschlands Industrie lebt vom Absatz in alle Welt. Doch die rapide Industrialisierung in Asien und anderswo flaut ab. Parallel dazu greift der Protektionismus um sich: In der abgelaufenen Woche hat der US-Handelsbeauftragte Robert Lightizer angekündigt, nach einer vorläufigen Beilegung des Zollkonflikts mit China wolle sich Präsident Donald Trump dem Handelsüberschuss der EU zuwenden. Eine Ankündigung, die für Deutschlands exportlastiges Geschäftsmodell nichts Gutes erwarten lässt.

Die wirtschaftliche Lage bleibt wacklig. Glücklicherweise ist von einem gravierenden kollektiven Stimmungseinbruch bislang wenig zu sehen. Die große Frage ist, ob das so bleiben wird.

Wirtschaftsfaktor Patriotismus

Die deutsche Wirtschaft mag derzeit eine schwierige Phase durchlaufen, aber der großen Mehrzahl der Bürger geht es finanziell so gut wie nie, ermittelte kürzlich das Institut für Demoskopie Allensbach. Die Beschäftigung ist nach wie vor auf Rekordhöhe. Was die Zukunft angeht, breitet sich allerdings Skepsis aus: 47 Prozent der Bundesbürger gaben in der letzten Eurobarometer-Umfrage vom Frühjahr an, sie glaubten, Deutschland entwickle sich in die falsche Richtung. Eine Mehrheit der Bürger sagt, sie misstraue der Regierung.

Deutschland steckt noch nicht in einem mentalen Tief. Aber die Stimmung trübt sich ein.

Der deutsche Blues zwischen Mitte der 90er bis Mitte der 2000er ging tiefer. Das nationale Selbstbewusstsein war angegriffen. Deutschland - jene Nation, die sich im späten 19. Jahrhundert zunächst als Wirtschaftsnation verstanden und ihren Stolz aus der Stärke der Industrie und deren Exporterfolgen bezogen hatte, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg als westdeutsche D-Mark-Republik neu gefunden und abermals Fleiß und Wettbewerbsfähigkeit zu nationalen Attributen überhöht hatte - diese Nation hatte ein Stückweit den Glauben an sich selbst verloren.

2006 erschien mein Buch "Wirtschaftsfaktor Patriotismus", das den Zusammenhang zwischen gesellschaftlicher Identität und volkswirtschaftlicher Leistungs-, vor allem aber politökonomischer Anpassungsfähigkeit sezierte. Meine Schlussfolgerung: Eine Nation, deren nationale Erzählung sich vor allem um wirtschaftliche Erfolge dreht, bekommt in tiefen Strukturkrisen Probleme, weil sie möglicherweise die Kraft nicht aufbringt, ihre Probleme zu überwinden. Sie läuft Gefahr, sich im Defätismus des scheinbar unweigerlichen Niedergangs einzuigeln und notwendigen Veränderungen auszuweichen.

Damals überwand Deutschland die mentale Krise, weil der große Boom der 2000er Jahre irgendwann auch die hiesige Wirtschaft erfasste. Dazu kam ein außerökonomisches Ereignis, das das nationale Selbstbild nachhaltig beeinflusst hat: die "Sommermärchen"-Fußball-WM 2006, die dank eines historischen Zufalls nicht nur mit einem überfälligen Aufschwung zusammenfiel, sondern auch mit einer herrlich sonnigen Schönwetterphase. Die Bilder und Geschichten jenes Sommers, die überschäumende nationenübergreifende Feierstimmung, das (erstmals) ungezwungen und selbstverständlich getragene Schwarzrotgold - da wurde ein neues, offeneres Deutschland sichtbar. Bilder, die zur Verschönerung des Selbst- und des Fremdbilds dieser Gesellschaft beitrugen.

Stärken, Schwächen und der Blues

Inzwischen sind 13 Jahre vergangen. Aus meiner Sicht gibt es vor allem zwei Lehren aus dem deutschen Blues rund um die Jahrtausendwende:

Erstens, eine Nation sollte ein realistisches Bild von sich selbst in Relation zu ihren Nachbarn, Partnern und Konkurrenten haben. Man muss seine Stärken und Schwächen kennen, um angemessen handeln zu können und nicht in Abstiegspanik zu verfallen. In dieser Hinsicht hat Deutschland deutliche Fortschritte gemacht: Seit damals ist eine Generation ist herangewachsen, die sich selbstverständlicher als Deutsche betrachten, die auch, weil vielgereist, andere Länder kennengelernt haben und differenzieren können: Hier ist nicht alles schlecht, dort ist nicht alles gut - und umgekehrt. Deutschland ist zum Einwanderungsland geworden. Auch das ist ein Beleg für die Attraktivität der eigenen Gesellschaft.

Zweitens, politische Führung spielt eine wichtige Rolle für das Empfinden nationaler Handlungsfähigkeit. Wer die eigenen wirtschaftlichen Schwächen frühzeitig erkennt und gegensteuert, hat die Chance, zugespitzte Anpassungskrisen zu vermeiden. Damals wurde die Bundesrepublik von Regierungen geführt, die die Reformnotwendigkeiten zunächst nicht sahen - oder nicht sehen wollten. Helmut Kohl interessierte sich nicht großartig für Wirtschaft. Auch Rotgrün unter Gerhard Schröder startete ohne wirtschaftliche Reformambitionen. Erst in seiner zweiten Amtszeit wurden die Probleme so unabweisbar, dass die "Agenda 2010" ein später Befreiungsschlag sein sollte.

Eine untätige Regierung trägt zur kollektiven Frustration bei, weil viele Probleme nun mal nicht individuell oder auf betrieblicher Ebene gelöst werden können, sondern politischer Antworten bedürfen. Politische Realitätsverweigerung kann Lähmungsgefühle hinterlassen.

Wegen der Feiertage erscheint "Müllers Memo" diese Woche ohne Terminkalender.

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