100 Milliarden Euro Investitionen Welche Firmen von der Aufrüstung der Bundeswehr profitieren

Der russische Krieg gegen die Ukraine gilt als Zeitenwende. Ganz besonders trifft das auch für die Bundeswehr zu, die in diesem Jahr 100 Milliarden Euro mehr investieren kann. Ein Überblick über die möglichen Profiteure aus der Rüstungsbranche.
Ein alter Tornado der Bundeswehr: Die Erneuerung der Luftwaffenflotte ist eines der dringendsten Projekte

Ein alter Tornado der Bundeswehr: Die Erneuerung der Luftwaffenflotte ist eines der dringendsten Projekte

Foto: A3446 Patrick Seeger/ dpa

Bundeskanzler Olaf Scholz sprach am Sonntag von einer Zeitenwende in der deutschen Außen- und Sicherheitspolitik. Über ein Sondervermögen erhält die Bundeswehr 100 Milliarden Euro. Das Geld hierfür soll mit dem ausstehenden Haushalt für 2022 bereitgestellt werden, voraussichtlich sind dafür hohe Schulden nötig. Die Bundesregierung hat deshalb die Vorlage des Bundeshaushalts um eine Woche auf den 16. März 2022 verschoben. Mit den Milliardeninvestitionen erreicht die Bundesregierung das Nato-Ziel, mindestens 2 Prozent der Wirtschaftsleistung in Verteidigungsausgaben zu stecken, bereits zwei Jahre früher als bislang geplant.

Was ändert sich grundsätzlich bei der Bundeswehr?

Nach dem Ende des Kalten Kriegs wurde die Bundeswehr massiv verkleinert. In den vergangenen Jahren gehörten daher internationale Missionen in Krisengebieten außerhalb des Bündnisses zu den Haupteinsätzen. Doch diese Zeit scheint vorbei zu sein, nach dem Abzug der Truppe aus Afghanistan könnte nun auch der Rückzug aus Mali erfolgen. Stattdessen steht die Bundeswehr jetzt – maßgeblich durch das russische Vorgehen beeinflusst – vor einer grundlegenden strategischen Neuausrichtung, in der wieder stärker die Verteidigung Deutschlands und der Nato-Länder in den Vordergrund rücken. Um diese Aufgaben innerhalb des Bündnisses zu bewältigen, braucht die Bundeswehr jedoch eine bessere Ausrüstung.

Wofür sollen die 100 Milliarden Euro verwendet werden?

Zunächst soll die bislang oft kritisierte Unterfinanzierung der Bundeswehr beendet werden. Zu konkreten Beschaffungsprojekten wurden bislang jedoch noch keine offiziellen Angaben gemacht. Doch offenbar gibt es bei der Bundeswehr Probleme in den Bereichen Fahrzeuge, Schiffe, Flugzeuge sowie bei der Munition und den Ersatzteilen. Ein großer Teil der nun zur Verfügung gestellten Summe könnte in die neue Flotte der Luftwaffe fließen. Hinzu kommen neue schwere Transporthubschrauber und anstehende Weiterentwicklungen beim Eurofighter oder in der Boden-Luft-Verteidigung. Doch auch vermeintliche Kleinigkeiten wie Funkgeräte, Kälteschutzanzüge oder Gehörschutz müssen erneuert oder beschafft und die Digitalisierung der Bundeswehr vorangetrieben werden. Und nicht zuletzt sind die in der Politik umstrittenen bewaffneten Drohnen im Gespräch.

Welche Unternehmen werden in Deutschland profitieren?

Die bekannten deutschen Rüstungskonzerne gehören auch zu den Hauptprofiteuren. So hat das Unternehmen Rheinmetall der Bundesregierung am Montag laut einem Medienbericht eine umfassende Lieferung von Rüstungsgütern wie Hubschrauber, Panzer und Munition angeboten. Aufträge liegen laut Rheinmetall auch aus anderen Nato-Ländern, vor allem aus Osteuropa, vor.

Auch Unternehmen wie Hensoldt, ein Anbieter von innovativen Technologien von der Rüstungselektronik bis hin zur Cyber-Sicherheit, sollte die zu investierende Milliardensumme die Auftragsbücher füllen. Hensoldt könnte dabei auch von neuen Aufträgen beim Eurofighter und dem Aufklärungssystem Pegasus profitieren.

Mit seiner Sparte "Thyssenkrupp Marine Systems" dürfte ThyssenKrupp ebenso zu den Profiteuren gehören. Von der Herstellung konventioneller U-Boote und Marineschiffe bis zur Entwicklung von Über- und Unterwassertechnologien reichen die Schwerpunkte des Konzernbereichs.

Hinzu kommen Unternehmen mit vielen Kunden in der Sicherheits- und Wehrtechnik, wie zum Beispiel der Technologiekonzern Jenoptik.

Welche europäischen Unternehmen profitieren?

Als deutsch-französisches Unternehmen wird Airbus sicherlich zu den Gewinnern der Nato-Aufrüstung in Europa gehören. Denn neben der zivilen Luftfahrt ist Airbus auch ein Rüstungskonzern, der unter anderem militärische Flugzeuge wie den Eurofighter, kommerzielle Trägerraketen und Lenkflugkörper herstellt. Hinzu kommen Kommunikationstechnologie und Verteidigungssysteme.

In Europa werden darüber hinaus vor allem so breit aufgestellte Rüstungsunternehmen wie der britische Konzern BAE Systems und die französische Thales Group profitieren.

Welche Unternehmen könnten außerhalb Europas profitieren?

Einer der wichtigsten Punkte im Nato-Konzept der "nuklearen Teilhabe" sieht vor, dass Deutschland im Ernstfall amerikanische Atomwaffen transportieren soll. Diese Aufgabe müssten dann die Tornados erfüllen. Ein beträchtlicher Teil der Finanzspritze dürfte deshalb in diesen zu modernisierenden Bereich fließen. Bis mit den europäischen Bündnispartnern jedoch eigene neue Kampfjets entwickelt sind, könnten übergangsweise F-35-Jets des US-Herstellers Lockheed Martin angeschafft werden.

Wie reagieren die Börsen?

Die Aktien von Rüstungsfirmen legten am Montag an der Börse kräftig zu. Nach Bekanntgabe der Entscheidung der Bundesregierung, 100 Milliarden Euro zusätzlich in die Bundeswehr zu stecken, gewann Rheinmetall knapp 24 Prozent, die Aktien von Hensoldt schnellten um 40 Prozent hoch, die Titel von Thyssenkrupp stiegen mit knapp 9 Prozent. Auch europäische Rüstungsfirmen wie Thales oder BAE Systems verbuchten an einem insgesamt schwachen Börsentag Kursgewinne.

Rüstungsindustrie als neue Zukunftsbranche?

Unklar ist die Reaktion von Investoren, die bislang aus ESG-Gründen ein Engagement in Rüstungsfirmen ausgeschlossen haben. Vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine galten Rüstungsfirmen als Unternehmen, in die viele Staats- oder Pensionsfonds nicht mehr investierten. Wenn es nun aber zu einer neuen Blockbildung "West gegen Ost" kommt, wird die verbesserte Ausrüstung der eigenen Streitkräfte zu einer Überlebensfrage. Offen ist damit, ob Investoren die lange gemiedenen Unternehmen wieder in den Kreis ihrer Investitionsziele aufnehmen.