Deutscher Expat in Shanghai rastet aus "Dieses System ist lächerlich und eine Schande"

Der Corona-Lockdown in Shanghai stürzt Millionen Menschen ins Chaos. Ein deutscher Expatriate lässt seine Wut an einer chinesischen Übersetzerin aus, die ihn in ein Quarantäne-Camp schicken will: neun Minuten geballter Zorn von einem, der sich lautstarken Protest leisten kann.
Shanghai im Lockdown: Die Corona-Maßnahmen treffen Millionen Menschen hart, bei einigen entladen sich Frust und Zorn lautstark

Shanghai im Lockdown: Die Corona-Maßnahmen treffen Millionen Menschen hart, bei einigen entladen sich Frust und Zorn lautstark

Foto: Alex Plavevski / EPA

Die Bilder aus Shanghai sind bedrückend und beängstigend. Große Teile der 26-Millionen-Metropole sind seit drei Wochen zu einer Geisterstadt mutiert, die Menschen entweder in ihren Wohnungen oder in den gefürchteten Quarantäne-Camps isoliert. Die Stadtverwaltung war auf den Corona-Ausbruch schlecht vorbereitet: Ihr gelingt es nicht, die Eingeschlossenen regelmäßig mit Essen, Medikamenten und Corona-Tests zu versorgen.

Die Folge: Menschen leiden Hunger, warten tagelang auf Medizin und haben Angst davor, in die riesigen Quarantäne-Sammelhallen gebracht zu werden. Wer in seiner Wohnung bleiben darf, muss seine Versorgung meist selbst via Handy organisieren. Die gefilmten Szenen, die in den sozialen Medien kursieren, zeigen menschliche Not und das Bild einer Regierung, die die Situation nicht unter Kontrolle hat . Hunderte Menschen, die von den Balkonen ihrer Hochhäuser herunterschreien. Ältere Bürger, die von Polizisten in Schutzanzügen weggezerrt werden. Verhungerte Katzen auf der Straße. Drohnen, die über Wohnblöcken kreisen. Und kleine Roboter auf der Straße, die immer wieder "Bleib zu Hause. Desinfiziere deine Hände" rufen.

German Guy schimpft lauthals los

Vor diesem Hintergrund sorgt aktuell der Mitschnitt eines Telefongesprächs für Aufmerksamkeit im Netz, das ein deutscher Staatsbürger in Shanghai mit einer chinesischen Übersetzerin führt. Auf Youtube zum Beispiel ging der Mitschnitt des German Guy in Shanghai viral. Die Entstehung des Mitschnitts lässt sich derzeit nicht abschließend klären.

Der Deutsche und seine Familie leben offenbar bereits seit 15 Tagen in häuslicher Quarantäne, da der Mann am 3. April positiv getestet wurde. Nun will ihn die Übersetzerin in eines der großen Quarantäne-Camps schicken, doch der Mann weigert sich. So lange die CDC (Center for Disease Control, die Gesundheitsbehörde in Shanghai) nicht vorbeikomme und ihn positiv teste, werde er nirgendwohin gehen. Er sei "definitiv nicht mehr positiv". Wenn es die CDC es nicht organisiert bekomme, ihn zu testen, sei es schlicht nicht sein Problem: "Get the CDC over here, take a test, and then we can talk."

"Eine Schande. Lächerlich. Ein Witz."

Soweit der sachliche Teil. Der rund neunminütige Mitschnitt des auf Englisch geführten Telefongesprächs ist vor allem ein lautstarker Wutausbruch und eine Dauerbeschimpfung. Der Mann entlädt seinen Frust und seinen Zorn über der Übersetzerin, die am Anfang noch bestimmt aufzutreten versucht ("if the government says you have to go to the camp, you have to go"), am Ende aber kaum noch zu Wort kommt. Es fallen Worte wie "Schande für China", das Handeln der chinesischen Regierung sei "ein einziger Witz", die Stadtverwaltung in Shanghai sei schlechter organisiert als ein Kindergarten und greife zu "lächerlichen" Maßnahmen. Die Menschen in Shanghai hätten keine Angst vor einer Covid-Infektion, sondern vor allem davor, sich in die Hände der CDC begeben zu müssen. Die genaue Identität des Mannes konnte manager magazin bis Donnerstagnachmittag nicht verifizieren.

Sich in China lautstark zu beschweren, ist ein Privileg für Ausländer

Der Mitschnitt zeigt, dass auch unter den ausländischen Bewohnern in Shanghai die Wut über Chinas Corona-Management groß ist. Er zeigt aber vor allem, dass ausländische Fachkräfte das Privileg haben, dieser Wut lautstark Ausdruck zu verleihen. Ein chinesischer Bewohner Shanghais dürfte sich derart massive Kritik an der Regierung keineswegs erlauben, erst recht nicht in diesem Ton. Er oder sie würde riskieren, sofort von der Polizei abgeholt und eingesperrt zu werden. Diese Tatsache verleiht dem Wutausbruch am Telefon eine weitere, traurige Dimension.

Das Gespräch ist ein weiterer Beleg dafür, dass sich der Exodus der immer noch privilegierten Expats aus China in den kommenden Monaten noch beschleunigen dürfte. Viele ausländische Fachkräfte kehren China derzeit den Rücken  – sie geben ihre einst attraktiven Jobs in Shanghai oder Peking auf und kehren nicht mehr zurück. Der Rückzug stellt viele deutsche Unternehmen mit starkem China-Geschäft vor neue Probleme – auch dann, wenn der Corona-Lockdown in Shanghai vorüber ist.

la/mmo