Konjunktur Deutsche Wirtschaft stagniert, BIP in Eurozone wächst stärker als erwartet

Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal nicht mehr gewachsen. In der Eurozone fiel das Wirtschaftswachstum dagegen kräftiger aus als erwartet.
Produktion bei Renault: In Frankreich ist die Wirtschaft noch leicht gewachsen, in Deutschland stagniert sie

Produktion bei Renault: In Frankreich ist die Wirtschaft noch leicht gewachsen, in Deutschland stagniert sie

Foto: LUDOVIC MARIN/ AFP

Angesichts der Folgen des Ukraine-Krieges stottert der deutsche Konjunkturmotor. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stagnierte im Frühjahr gegenüber dem Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) am Freitag mitteilte. Von Reuters befragte Ökonomen hatten mit einem kleinem Plus von 0,1 Prozent gerechnet. Deutschland bildet in Sachen Wachstum unter den vier größten Volkswirtschaften der Euro-Zone nunmehr das Schlusslicht. Denn das BIP legte in Frankreich (plus 0,5 Prozent), Italien (plus 1,0) und Spanien (plus 1,1 Prozent) zu. In der Wirtschaft wachsen unterdessen hierzulande die Sorgen vor einer Talfahrt.

"Mit der BIP-Stagnation im zweiten Quartal wird eine Rezession immer wahrscheinlicher", warnte Wolfgang Niedermark, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Den Firmen setzen die Folgen des Ukraine-Kriegs, ein langfristig andauernder Gasmangel und die Auswirkungen der Covid-Pandemie zu. Die Risiken für die deutsche und europäische Konjunktur durch fehlende Energierohstoffe bleiben laut dem BDI sehr hoch: "Die Reduzierung russischer Gasexporte besorgt uns."

Auch DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben ist skeptisch: "Die Zeichen stehen auf Stagnation. Es könnte aber noch schlimmer kommen." Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck sprach jüngst von der "größten Energiekrise in Deutschland" - ausgelöst durch die starke Abhängigkeit von Russland. Die offene Frage, ob Moskau den Gashahn gänzlich zudrehen könnte, drückt auf die Stimmung. Insbesondere den Industrieunternehmen treibt dies laut dem Münchner Ifo-Institut die Sorgenfalten auf die Stirn, weil Planungen für die kommenden Monate immer schwieriger würden.

Tourismusboom stützt Italien und Spanien

Anfang des Jahres war die Wirtschaft hierzulande allerdings weit besser gelaufen als gedacht: Destatis revidierte das BIP-Plus für das erste Quartal auf 0,8 Prozent von zunächst genannten 0,2 Prozent nach oben. Gestützt wurde die Konjunktur im zweiten Quartal vor allem von den privaten und staatlichen Konsumausgaben, während der Außenbeitrag das Wirtschaftswachstum dämpfte. "Die schwierigen weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit anhaltender Corona-Pandemie, gestörten Lieferketten, steigenden Preisen und dem Krieg in der Ukraine schlagen sich deutlich in der konjunkturellen Entwicklung nieder", erklärten die Wiesbadener Statistiker.

Mit den jüngsten Zahlen werde klar, dass sich die Wirtschaft in einer Stagflation befinde – also stagnierender Wirtschaftsleistung bei hoher Inflation, meint DZ Bank-Experte Jan Holthusen. Die hohe Inflation und die Angst vor einer Gaskrise hätten die Stimmung der Verbraucher und Unternehmen einbrechen lassen, ergänzt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer: "Das Rezessionsrisiko steigt."

Privater Konsum hat weiterhin Nachholbedarf

Gegen eine Rezession spricht aus Sicht des Ökonomen Nils Jannsen vom IfW Kiel, dass sich der private Konsum noch aus den seit Beginn der Pandemie hohen zusätzlichen Ersparnissen speisen kann und bei den privaten Haushalten nach den eingeschränkten Konsummöglichkeiten weiterhin Nachholbedarf bestehe. Zudem verfügen die Unternehmen über hohe Auftragsbestände, die es ihnen erlauben auch bei einer vorübergehenden Auftragsflaute ihre Produktion auszuweiten, wenn die Lieferengpässe nachlassen. "Trotz Pessimismus ist eine Rezession nicht ausgemacht", so das Fazit des Ökonomen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) traut der hiesigen Wirtschaft in diesem Jahr nur noch ein vergleichsweise mageres Wachstum von 1,2 Prozent zu. Für die Euro-Zone erwartet er ein weit höheres BIP-Plus von 2,6 Prozent. Im zweiten Quartal entwickelte sich die Wirtschaft im Euro-Raum weit besser als gedacht: Das BIP legte zum Vorquartal um 0,7 Prozent zu. "Das lässt sich doch sehen! Nach Aufhebung der meisten Corona-Beschränkungen kam es im zweiten Quartal zu kräftigen Nachholeffekten", erläuterte VP Bank-Chefvolkswirt Thomas Gitzel. Insbesondere in den Urlaubsregionen läuft das Geschäft wieder: "Die Mittelmeerregion war bereits ab Mai gut gebucht. Die Tourismusindustrie frohlockte und kann sich auch über den Spätsommer und Herbst hinweg über eine hohe Auslastung freuen."

Wirtschaft in Eurozone wächst stärker als erwartet

Die Wirtschaft in der Eurozone ist im Frühjahr dagegen deutlich stärker als erwartet gewachsen. Im zweiten Quartal wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der 19 Euroländer zum Vorquartal um 0,7 Prozent, wie das Statistikamt Eurostat am Freitag mitteilte. Volkswirte hatten im Schnitt mit 0,2 Prozent gerechnet. Im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum wuchs die Wirtschaft der Eurozone um 4 Prozent. In der gesamten EU war die Entwicklung ähnlich.

Das deutlichste Wachstum im Euroraum verzeichnete von den Ländern, die bereits Daten veröffentlicht haben, Spanien. Hier wuchs die Wirtschaft zum Vorquartal um 1,1 Prozent. In Italien stieg das BIP um 1 Prozent und in Frankreich um 0,5 Prozent.

la/reuters
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