"Jahrhundertrezession" wegen Corona Deutsche Wirtschaft bricht um mehr als 10 Prozent ein

Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal so stark geschrumpft wie seit 50 Jahren nicht mehr. Jetzt kann die "Aufholjagd" beginnen, sagen Ökonomen. Es sei denn, eine zweite Corona-Welle bricht herein.
Elektromotorenwerk in Bitterfeld-Wolfen (Sachsen-Anhalt): Die Wirtschaftsleistung in Deutschland ist im zweiten Quartal in historischem Ausmaß eingebrochen

Elektromotorenwerk in Bitterfeld-Wolfen (Sachsen-Anhalt): Die Wirtschaftsleistung in Deutschland ist im zweiten Quartal in historischem Ausmaß eingebrochen

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Waltraud Grubitzsch/ DPA

Die deutsche Wirtschaft hat auf dem Höhepunkt der Corona-Krise einen noch nie da gewesenen Einbruch erlebt. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 10,1 Prozent, teilte das Statistische Bundesamt am Donnerstag in einer ersten Schätzung mit. Es war der stärkste Rückgang seit Beginn der vierteljährlichen BIP-Berechnungen im Jahr 1970. Bereits zum Jahresanfang war die Wirtschaftsleistung deutlich gesunken.

Da Europas größte Volkswirtschaft bereits im ersten Quartal wegen der beginnenden Pandemie um 2,0 Prozent geschrumpft ist, befindet sie sich nun auch offiziell in einer Rezession. Davon sprechen Ökonomen, wenn das Bruttoinlandsprodukt mindestens zwei Quartale in Folge gesunken ist. "Nun ist sie amtlich - die Jahrhundertrezession", sagte Dekabank-Ökonom Andreas Scheuerle. "Was bislang weder Börsencrashs noch Ölpreisschocks geschafft haben, vollbrachte ein 160 Nanometer kleiner Winzling namens Corona."

Im Vergleich zum Vorjahresvergleich brach die Wirtschaftsleistung sogar um 11,7 Prozent ein. Auch das ist ein historischer Rekord. Nach Angaben der Statistiker sind im zweiten Quartal die Exporte und Importe von Waren und Dienstleistungen erheblich eingebrochen sowie die privaten Konsumausgaben und die Investitionen der Unternehmen in Ausrüstungen wie Maschinen. Der Staat erhöhte dagegen seine Konsumausgaben während der Krise.

"Aufholjagd" im zweiten Halbjahr - wenn die zweite Corona-Welle ausbleibt

Volkswirte gehen davon aus, dass die Konjunktur im zweiten Halbjahr anzieht, vorausgesetzt, die Infektionszahlen steigen nicht wieder deutlich an. Die wegen des Virus verhängten Einschränkungen für Wirtschaft und Gesellschaft wurden seit Mai zunehmend gelockert. Nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) stehen die Zeichen "eindeutig auf Erholung". Es werde aber wohl zwei Jahre dauern, bis der historische Einbruch vom Frühjahr wettgemacht sei. Für das laufende dritte Quartal sagte das DIW ein Plus von 3 Prozent voraus.

"Für den Rest des Jahres erwarten wir jetzt eine Aufholjagd", zeigte sich auch LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert optimistisch. "Wie kräftig die wird, hängt weniger von der Wirtschaftspolitik ab. Vielmehr gilt es, die weitere Entwicklung der Infektionszahlen zu verfolgen." Die steigen in vielen Ländern wieder, was die Sorge vor einer zweiten Welle schürt. 

Konjunkturpaket zeigt positive Effekte

Die Bundesregierung hat für die Jahre 2020 und 2021 ein insgesamt 130 Milliarden Euro schweres Konjunkturpaket aufgelegt. Unter anderem wurde die Mehrwertsteuer vom 1. Juli an für ein halbes Jahr gesenkt: von 19 auf 16 Prozent beziehungsweise 7 auf 5 Prozent. Das soll den Konsum als wichtige Stütze der Konjunktur ankurbeln.

Nach Auffassung der GfK-Konsumforscher zeigen sich bereits erste Effekte. "Die Anschaffungsneigung ist sehr stark angestiegen", sagte Konsumforscher Rolf Bürkl bei der Vorstellung der Konsumklima-Studie für Juli. "Die Verbraucher beabsichtigen offenbar, geplante größere Anschaffungen vorzuziehen, was dem Konsum in diesem Jahr hilft." Auch in den Unternehmen hat sich die Stimmung aufgehellt. Der Ifo-Geschäftsklimaindex stieg im Juli den dritten Monat in Folge.

Die Bundesregierung rechnet trotz der erwarteten Erholung im Gesamtjahr mit der schwersten Rezession seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Sie ging zuletzt von einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts von 6,3 Prozent aus. Ähnlich düster sind andere Vorhersagen. In der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise 2009 war das deutsche BIP um 5,7 Prozent geschrumpft.

Zahl der Arbeitslosen steigt im Juli leicht

Zugleich teilte die Bundesagentur für Arbeit mit: Die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland ist im Juli gestiegen. Im Juli waren 2,91 Millionen Menschen ohne Job, 57.000 mehr als im Juni und 635.000 mehr als vor einem Jahr. Die Arbeitslosenquote stieg binnen Monatsfrist um 0,1 Prozentpunkte auf 6,3 Prozent, teilte die Bundesagentur für Arbeit am Donnerstag in Nürnberg mit.

Im Juli steigt die Arbeitslosigkeit üblicherweise. Der Anstieg sei nicht auf die Corona-Krise zurückzuführen, teilte die Behörde mit. Vor den Sommerferien stellen weniger Betriebe neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein und Ausbildungsverhältnisse enden. "Der Arbeitsmarkt steht wegen der Corona-Pandemie nach wie vor unter Druck, auch wenn sich die deutsche Wirtschaft auf Erholungskurs befindet", sagte der Vorstandschef der Bundesagentur, Detlef Scheele. "Der massive Einsatz von Kurzarbeit hat stärkere Anstiege der Arbeitslosigkeit und Beschäftigungsverluste verhindert."

Im Mai erhöhte sich die Zahl der Menschen in Kurzarbeit auf 6,7 Millionen. Im April hatte die Zahl noch bei 6,1 Millionen gelegen. Damit war im Mai nach Hochrechnungen die höchste jemals ermittelte Zahl von Kurzarbeitern in der Bundesrepublik erreicht. Im März waren 2,46 Millionen Menschen in Kurzarbeit.

Im Juli zeigten Unternehmen für 190.000 Menschen Kurzarbeit an. Damit sei die Zahl nach dem massiven Anstieg in März und April weiter deutlich zurückgegangen, berichtete die Bundesagentur. Die Zahl der tatsächlichen Kurzarbeiter liegt erfahrungsgemäß niedriger, weil Unternehmen Kurzarbeit zum Teil vorsorglich anzeigen.

rei/dpa-afx
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