Walter Sinn

Deutschlands Geschäftsmodell Ein Update für "Made in Germany"

Walter Sinn
Ein Gastbeitrag von Walter Sinn
Drei Säulen des deutschen Geschäftsmodells – günstige Energie aus Russland, Sicherheit dank USA, Wachstum dank China – brechen derzeit weg. Will Deutschland erfolgreich bleiben, muss die Industrie in fünf Bereichen umsteuern. Ein Überblick.
Zeit, dass sich was dreht: Mehr Nachhaltigkeit bietet auch der deutschen Autoindustrie die Chance, im Ausland wettbewerbsfähiger und profitabler zu werden

Zeit, dass sich was dreht: Mehr Nachhaltigkeit bietet auch der deutschen Autoindustrie die Chance, im Ausland wettbewerbsfähiger und profitabler zu werden

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Julian Stratenschulte / DPA

Deutschland läuft Gefahr, die massivsten Wohlstandsverluste seit Generationen zu erleben. Aus früheren weltwirtschaftlichen Verwerfungen wie dem Ölpreisschock 1973, dem Platzen der Internetblase 2001 oder der Finanzkrise 2008/2009 ist Deutschland im internationalen Vergleich zwar langfristig gestärkt hervorgegangen. Doch angesichts der Vielzahl und der Schwere der aktuellen Krisen könnte es dieses Mal anders kommen.

Drei starke Säulen des deutschen Geschäftsmodells – günstige Energie aus Russland, Sicherheit und Verteidigung aus den USA, Wachstumsmärkte in China – brechen derzeit weg. Will Deutschland die im Ausland viel bewunderte Erfolgsgeschichte fortschreiben, sind tief greifende strukturelle Veränderungen nötig. Es bedarf einer ökonomischen Zeitenwende.

Ein besonderer Fokus liegt dabei auf fünf Bereichen, in denen wir umsteuern müssen, um den erreichten Wohlstand langfristig zu sichern.

Walter Sinn
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Walter Sinn verantwortet seit 2014 als Managing Partner die Aktivitäten von Bain & Company  in Deutschland und ist Mitglied im Global Board of Directors. Der studierte Ökonom verfügt über mehr als 20 Jahre Beratererfahrung in verschiedensten Bereichen des Bankgeschäfts. Seine berufliche Laufbahn begann er bei der Deutschen Bank.

Mit kraftvoller Industriepolitik den Rahmen setzen

Deutschland fehlt eine konzertierte Industriepolitik, die klare Investitionsschwerpunkte setzt, Zugang zu wichtigen Ressourcen sicherstellt und gezielt Handelspartnerschaften eingeht. Chinas Führung beispielsweise stellt Fünfjahrespläne auf, die mit erstaunlich hoher Präzision erfüllt werden. Dabei werden unter anderem enorme Kapazitäten in den Ausbau der Neuen Seidenstraße sowie in die Entwicklung technologischer Zukunftsfelder wie künstlicher Intelligenz gesteckt.

Auch sämtliche US-Regierungen unterstützen unabhängig vom Parteibuch die Interessen heimischer Konzerne rund um den Globus. Und das bisweilen mit harten Manschetten. "America First" bleibt auch nach Trumps Regierung die Leitlinie.

In einer Welt, die sich geopolitisch rasant verändert, heißt es für Deutschland, seine Attraktivität systematisch zu steigern. Dabei muss die Standortpolitik in eine europäische Vision eingebettet sein. Ansätze sind vorhanden, siehe den "Green Deal" der EU-Kommission oder den "Chip Act", in dessen Rahmen Anreize für die Industrie geschaffen werden sollen, um den Weltmarktanteil der europäischen Halbleiterindustrie bis 2030 auf 20 Prozent zu verdoppeln. Ein starker, geeinter Kontinent, auf dem in wirtschaftlichen Fragen an einem Strang gezogen wird, ist nach wie vor eine Voraussetzung für deutschen Wohlstand. Das gilt angesichts der aktuellen Knappheiten für die Energieversorgung ebenso wie für den Rohstoffsektor – insbesondere für die seltenen Erden, wo es angesichts der bestehenden Abhängigkeiten eine klare Strategie nach vorne braucht.

Den Fokus auf Innovationen und Technologien legen

Die Marke "Made in Germany" ist reformbedürftig. Gemessen an Technologiegiganten wie Microsoft oder Apple sind typische deutsche Geschäftsmodelle aus der produzierenden und verarbeitenden Industrie deutlich unterbewertet. In Verbindung mit einer kraftvollen Industriepolitik sollte Deutschland daher seine Kernstärken Innovation und Technologie ausspielen. In einer Welt der partiellen Entflechtung der globalen Wirtschaft spielt dabei vor allem Souveränität eine zentrale Rolle. Nicht nur bei Halbleitern, sondern auch bei Quantencomputern, in puncto Biotechnologie und – neuerdings wieder – Rüstung muss Deutschland im Schulterschluss mit Europa unabhängiger werden.

Gerade Industrie 4.0 ist ein Schlüsselthema, bei dem hiesige Unternehmen – vom Mittelstand bis hin zum Konzern – ihre Weltklasse unter Beweis stellen können und müssen. Mit Blick auf künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge und auch Quantencomputer gilt es im industriellen Sektor den Kampf um die Wettbewerbsfähigkeit der Zukunft zu gewinnen. Das Metaverse wird ebenfalls Chancen bieten. Beim Ausbau der notwendigen Infrastruktur, dazu zählt zum Beispiel das 5G-Netz, liegt Deutschland im globalen Vergleich allerdings noch im Mittelfeld. Wo der Anschluss verpasst wurde, geht es jetzt darum, umso intensiver auf die nächste Technologiegeneration zu setzen – und dafür die eine oder andere Entwicklungsstufe zu überspringen.

Um ein Schwergewicht etwa im traditionell bedeutenden Automobilsektor zu bleiben, ist die Vorreiterrolle in der Batterietechnologie essenziell, denn sie macht rund 40 Prozent der Wertschöpfung von E-Fahrzeugen aus. Mindestens genauso wichtig ist es, neue Softwarestandards zu setzen. Die Lücken zum Hauptangreifer Tesla sind in diesen Feldern zum Teil groß, lassen sich aber (noch) schließen. Deutschland und Europa verfügen über die nötigen Kompetenzen. Entscheidend sind aber auch Partnerschaften und Beteiligungen. Hersteller wie BMW, Mercedes-Benz und VW zeigen beispielsweise beim Aufbau der Ladeinfrastruktur mit dem Netzwerk "Ionity", wie es gehen kann.

Gründergeist und Unternehmertum fördern

Apropos Voranschreiten: Für die langfristige Transformation der deutschen Volkswirtschaft ist eine florierende Gründerkultur – gepaart mit mehr Risikobereitschaft – von elementarer Bedeutung. Um Wachstum zu finanzieren, braucht es jedoch Liquidität. Trotz aller Start-up-Erfolge der vergangenen Jahre ist der deutsche Markt für Venture-Capital vergleichsweise bieder. So entfielen von den rund 500 Milliarden Euro, die 2020 weltweit an Wagniskapital in Start-ups flossen, knapp 300 Milliarden Euro auf die USA, 100 Milliarden auf Europa – und davon wiederum nur ein vergleichsweise niedriger Anteil auf Deutschland. Die Folge: Von den 1.370 Unicorns, die Bain 2021 rund um den Globus gezählt hat, waren 687 in den USA beheimatet, in Deutschland gerade mal 37.

Schwer wiegt, dass auch der IPO-Markt in Europa und in Deutschland eher unterentwickelt ist. 2021 betrug das weltweite Emissionsvolumen rund 600 Milliarden US-Dollar, hierzulande sammelten Erstemittenten lediglich ein Sechzigstel ein. Deshalb nutzen junge Unternehmen und aufstrebende Unicorns wie BioNTech oft die US-Börsen. Entscheidende Rahmenbedingungen für Wagniskapitalinvestitionen müssten hierzulande neu gestaltet werden – etwa was die steuerliche Behandlung oder die Möglichkeit für Mitarbeiterbeteiligungen angeht –, um diejenigen Summen für die Start-up-Szene zu mobilisieren, die für die Erneuerung der deutschen Wirtschaft nötig wären.

Nachhaltigkeit im gesamten Unternehmen priorisieren

Die große Aufgabe heutiger und künftiger Generationen, unseren Planeten als Lebensraum für Milliarden von Menschen zu erhalten, ist auch für das deutsche Geschäftsmodell der Zukunft von Belang. Unternehmen werden von Stakeholdern zunehmend danach bewertet, ob es ihnen gelingt, verantwortungsvoll zu wirtschaften.

Entsprechend steht Nachhaltigkeit bei neun von zehn CEOs in Deutschland ganz oben auf ihrer strategischen Agenda für die kommenden fünf Jahre – und ist damit mindestens genauso wichtig wie die Digitalisierung. Für nahezu die Hälfte der im Rahmen der Bain-Studie "Von Haltung zu Handlung – Wie Deutschlands CEOs ihre Unternehmen auf Nachhaltigkeitskurs bringen " aus dem Jahr 2021 befragten Firmenchefs ist sie sogar bedeutender. Grüne Technologien können somit klassische Produkte wie Autos oder Maschinen als Exportmodell der Zukunft ablösen. Damit geht es für die Unternehmen um eine grundlegende Transformation und die langfristige Entwicklungsrichtung, aber letztlich auch um eine Verhaltensänderung. Und das erfordert wiederum starke Führung seitens des Topmanagements.

Nachhaltigkeit muss künftig für alle Funktionsbereiche eines Unternehmens gelten, sei es das Lieferkettenmanagement, sei es die Produktion, sei es die Vermarktung der Produkte und Dienstleistungen. Und Nachhaltigkeit muss sich lohnen, was durchaus möglich ist. Bei Automobilzulieferern beispielsweise können mithilfe von Dekarbonisierungsprojekten bis zu 50 Prozent der Emissionen mit einem positiven Return on Investment eingespart werden. Damit wird Nachhaltigkeit für die deutsche Industrie zum entscheidenden Differenzierungsfaktor. Und bietet im Idealfall zugleich die Chance, international wettbewerbsfähiger und profitabler zu werden.

Mit "Smart Resilience" allen Unwägbarkeiten trotzen

Während weltweite Absatzmärkte für die deutsche Wirtschaft unverzichtbar bleiben, schließt sich das Zeitfenster der grenzenlosen Globalisierung. Bereits die Corona-Pandemie hat Unternehmen und Volkswirtschaften gezeigt, dass sie widerstandsfähiger gegenüber Krisen werden müssen. Jetzt zeichnet sich insbesondere angesichts des Ukraine-Kriegs und Chinas Drohgebärden in Richtung Taiwan ab, dass die geopolitische Situation auf absehbare Zeit komplex bleibt.

Vor diesem Hintergrund ist ein Konzept erforderlich, das Bain als "Smart Resilience" bezeichnet. Abhängigkeiten und fragile Lieferketten sind dabei grundsätzlich zu überdenken. Auf der strategischen Ebene geht es um die langfristige Ausrichtung des Geschäftsportfolios und um Investitionen in Produktionsstandorte. Auf der operativen Ebene sollen Lieferketten und -prozesse nicht nur schlank und effizient, sondern vor allem auch robust gestaltet werden. Voraussetzung dafür ist eine durchgängige Transparenz über mehrere Stufen und Unternehmen hinweg, vom Vorprodukt bis hin zum Endkunden.

Das Zauberwort in diesem Zusammenhang heißt "Traceability", wobei es sich natürlich um eine digitalisierte "Rückverfolgbarkeit" handeln muss. Noch aber stehen die meisten Unternehmen rund um den Globus in dieser Hinsicht ziemlich am Anfang, wie 2021 eine Bain-Befragung für das Weltwirtschaftsforum zutage gebracht hat. Moderne Technologien und Datennutzung machen Prozesse rund um die Lieferkette intelligenter und ressourcenschonender. So lassen sich genauere Vorhersagen treffen und bessere Szenarien entwickeln, die beispielsweise auf geopolitische Veränderungen schneller einzahlen. Auch in puncto Nachhaltigkeit ist eine erhöhte Traceability unabdingbar, wenn Unternehmen ihren CO2-Fußabdruck inclusive Scope 3 sauber quantifizieren und sie sich für das neue Lieferkettengesetz adäquat aufstellen wollen.

Herausforderung meistern, Wohlstand sichern

Tatsache ist: Das deutsche Geschäftsmodell benötigt ein Update, eingebettet in ein starkes Europa. Doch wenn die wirtschaftliche Neuausrichtung erfolgreich sein soll, muss sie gesellschaftlich breit verankert sein. Dies setzt die Bereitschaft voraus, die notwendigen Veränderungen vorzunehmen, braucht aber auch Offenheit für die besten Talente aus aller Welt und ein exzellentes Bildungsniveau insbesondere im Hinblick auf die digitalen Schlüsselindustrien. Dass es ein Kraftakt ist, daran besteht kein Zweifel. Doch gelingt er, wird die deutsche Wirtschaft auch künftig international Wettbewerbsvorteile haben und die Gefahr anhaltender Wohlstandsverluste abwenden können.

Walter Sinn verantwortet seit 2014 als Managing Partner die Aktivitäten von Bain & Company in Deutschland und ist Mitglied im Global Board of Directors. Der studierte Ökonom verfügt über mehr als 20 Jahre Beratererfahrung in wichtigen strategischen Fragestellungen, wie Wachstumsstrategien, strategische Neuausrichtung, Effizienzsteigerungs- und Transformationsprogramme sowie Reorganisation und Post-Merger-Integrationen.

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