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Kommentar Chronisch unglaubwürdig

Die Inflation gerät außer Kontrolle - viele Staaten sind unfähig, sie zu bekämpfen.
aus manager magazin 8/2008

INZWISCHEN GIBT ES keinen Zweifel mehr: Die Welt steht vor der größten Geldwertkrise seit einer Generation. Zentralbanker und Ökonomen fühlen sich an die Phase der "großen Inflation" erinnert: Die begann mit den Ölkrisen in den 70er Jahren und geriet so weit außer Kontrolle, dass es erst nach einem langen und schmerzhaften Lernprozess gelang, den Teufelskreis aus Währungskrisen, Preis- und Kostensteigerungen zu durchbrechen. Mancherorts kehrte erst in den 90er Jahren wieder eine relative Stabilität des Geldwerts ein.

Hier ist eine düstere Vorhersage: Diesmal könnte es noch schlimmer kommen. Warum? Weil viele inzwischen bedeutende Volkswirtschaften gar nicht in der Lage sind, gegenzusteuern. Und das wird auf absehbare Zeit leider so bleiben.

WIR HABEN ES DERZEIT mit einer weltweiten Inflationsdynamik zu tun. Über Jahre ist die Weltwirtschaft so schnell gewachsen, dass sie jetzt an natürliche Kapazitätsgrenzen stößt. Praktisch alle Rohstoffe sind knapp, Energie, Nahrungsmittel, Metalle. Entsprechend steigen ihre Preise. Weltweit.

Allmählich werden auch andere Güter teurer, die Lohnforderungen fallen höher aus - eine Inflationsdynamik beginnt.

Die entscheidende Rolle in diesem Szenario spielen schnell wachsende Schwellenländer, voran die neue Megavolkswirtschaft China und Rohstoffexporteure wie Russland und die arabischen Golfstaaten. Sie müssten eigentlich längst einen restriktiven Kurs steuern: Die Zinsen müssten steigen, die Währungen hätten längst stark aufwerten sollen.

Anders gewendet: Diese Länder sind inzwischen so große, so einflussreiche Volkswirtschaften, dass sie ihre eigene stabilitätsbewusste Geldpolitik betreiben müssten. Damit würden sie nebenbei auch die globale Inflationsdynamik bremsen.

Warum tun sie es nicht? Weil sie es nicht können.

Um einen eigenständigen geldpolitischen Kurs zu steuern, brauchten sie eine unabhängige Zentralbank. Eine Institution, die geschützt ist vor den kurzfristigen Interessen der Politik, die unpopuläre Entscheidungen treffen kann, ohne die sich die Inflation nun mal nicht eindämmen lässt. Dies ist eine der Lehren aus der Ära der "großen Inflation": Zentralbanken müssen unabhängig und glaubwürdig sein, um dauerhaft wertstabiles Geld produzieren zu können.

Genau das ist die Krux: Eigenständige Notenbanken kann es nur in funktionierenden Demokratien geben. Viele der derzeit überhitzten Volkswirtschaften sind aber autoritär regierte Staaten, wo behördliche Willkür an der Tagesordnung ist. Natürlich könnten sie ihre Notenbanken für unabhängig erklären. Nur vertrauen würde darauf niemand.

Also verfallen sie auf einen Trick: Sie borgen sich Glaubwürdigkeit bei den Währungen der großen demokratischen Volkswirtschaften - beim Dollar und beim Euro. Indem sie den Wert ihres nationalen Geldes an eine Weltwährung koppeln, versuchen sie, Vertrauen zu importieren.

Eine globale Tendenz ist erkennbar: Je weniger Legitimität die Institutionen eines Staates genießen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die nationale Währung an eine fremde gebunden ist. Deshalb haben sich China, Vietnam und die meisten Ölexporteure mit festen ("peg") oder gleitenden ("crawling peg") Wechselkursen an den Dollar gebunden, deshalb manipulieren Russland und andere ex-sowjetische Staaten ständig die Devisenmärkte ("kontrolliertes Floating"). Nur in der Gruppe der Länder mit freien Wechselkursen und eigenständiger Geldpolitik sind die Demokratien in der Mehrheit (siehe Grafik).

DIE VERBREITETE Unselbstständigkeit der Notenbanken schürt die Inflation. Statt die Zinsen anzuheben, folgen sie dem Niedrigzinskurs der amerikanischen Fed. In China, Russland und am Persischen Golf sind die Zinsen real (nach Abzug der Inflation) negativ, was die Überhitzung noch anfacht. Um soziale Verwerfungen einzudämmen, behelfen sich diese Staaten mit administrativen Maßnahmen - Preiskontrollen, Subventionen für Energie und Nahrungsmittel -, die die Lage auf mittlere Sicht weiter verschlimmern.

Aus dieser Situation gibt es keinen schnellen Ausweg. Schon in den 80er Jahren fiel es westlichen Ländern schwer, ihre Notenbanken in die Unabhängigkeit zu entlassen und ihre Währungen zu stabilisieren. Und das waren etablierte Demokratien. u

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