Tarifabschluss Chemie-Beschäftigte bekommen deutlich mehr Geld

580.000 Beschäftigte in der Chemie- und Pharmaindustrie können sich freuen: Arbeitgeber und Gewerkschaften haben sich auf einen großzügigen Tarifabschluss geeinigt. Treiber für Lohnsteigerungen und Einmalzahlungen waren Inflation und Energiekrise.
BASF-Werk in Ludwigshafen: Die Chemiebranche gehört zu den wichtigsten Energieverbrauchern im Lande

BASF-Werk in Ludwigshafen: Die Chemiebranche gehört zu den wichtigsten Energieverbrauchern im Lande

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Thomas Lohnes / Getty Images

Gewerkschaft und Arbeitgeber haben sich mitten in der Energiekrise auf ein neues Tarifpaket für die 580.000 Beschäftigten der Chemieindustrie geeinigt. Das Tarifpaket sieht der IG BCE zufolge Sonderzahlungen von insgesamt 3000 Euro pro Kopf vor, zudem greifen zum Januar 2023 und 2024 Entgelterhöhungen von je 3,25 Prozent. Wie die Gewerkschaft am Dienstag in Wiesbaden mitteilte, macht das in Summe 6,5 Prozent. "Dieser Abschluss hat Signalwirkung über die Branche hinaus", sagte IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis: "Beweist er doch, dass gut gemachte Tarifpolitik zentraler Baustein eines gesamtgesellschaftlichen Bollwerks gegen Inflation und Energiekrieg sein kann."

Die Tariferhöhungen könnten von den Unternehmen aber aus wirtschaftlichen Gründen mittels Betriebsvereinbarung um bis zu drei Monate verschoben werden, für die Sonderzahlung gilt dies aber nicht, hieß es weiter. Mit dem "tariflichen Inflationsgeld" werde das Angebot der Bundesregierung, zur Entlastung der Menschen Zahlungen der Arbeitgeber von bis zu 3000 Euro steuer- und abgabenfrei zu stellen, voll ausgenutzt, teilte die Gewerkschaft weiter mit.

Im April hatten sich Arbeitgeber und Gewerkschaft wegen der wachsenden Unsicherheiten infolge des Ukraine-Kriegs zunächst auf eine siebenmonatige Brückenlösung mit einer einmaligen Zahlung von 1400 Euro geeinigt. Unternehmen in Schwierigkeiten hatten die Möglichkeit, die Zahlung auf 1000 Euro zu verringern. Die IG BCE war in die dritte Verhandlungsrunde ohne eine konkrete Forderung gegangen, hatte aber auf eine nachhaltige Erhöhung der Entgelte gepocht.

Chemiebranche ist größter industrieller Energieverbraucher in Deutschland

Ursprünglich hatte die Gewerkschaft einen Tarifabschluss oberhalb der Teuerungsrate angestrebt. Zum Zeitpunkt der Forderung war die Inflation aber noch deutlich niedriger, bevor sie infolge des Ukraine-Kriegs auf neue Höchstwerte geklettert war. Im September war die Inflation in Deutschland mit 10,0 Prozent so hoch wie seit 1951 nicht mehr. Die Bundesregierung prognostiziert eine durchschnittliche Inflationsrate von 8,0 Prozent in diesem Jahr und 7,0 Prozent 2023.

Die Chemiebranche ist als größter industrieller Energieverbraucher in Deutschland von den explodierten Energiepreisen massiv betroffen. Für die Unternehmen ist Gas nicht nur der wichtigste Energieträger, sondern wird auch in großen Mengen zur Herstellung ihrer Produkte benötigt. Ihnen fällt es immer schwerer, steigende Kosten durch höhere Preise an die Kunden abzuwälzen. Der weltgrößte Chemiekonzern BASF schrieb im dritten Quartal in Deutschland rote Zahlen und kündigte in der vergangenen Woche ein neues Sparprogramm an, das auch Stellenstreichungen vorsieht.

Die Chemiebranche mit 1900 Betrieben ist Deutschlands drittgrößter Industriezweig nach der Automobilindustrie und dem Maschinenbau. In der letzten Tarifrunde Ende 2019 hatten Arbeitgeber und IG BCE Einkommenserhöhungen im Gesamtvolumen von bis zu 6 Prozent vereinbart.

cr/Reuters
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