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Bis die Blase platzt

Finanzmärkte: Eisenbahn, Elektrizität, Internet - neue Technologien beflügeln die Börsenkurse. Doch längst nicht alle halten, was sich Anleger von ihnen versprechen.
aus manager magazin 9/2001

Die Welt war ein ungemütlicher Ort, damals im Jahr 1974. Richard Nixon wurde aus dem Weißen Haus vertrieben. Saigon stand kurz vor dem Fall. Die Ölkrise stürzte die Weltwirtschaft

in die tiefste Rezession seit Kriegsende. Die Aussichten 1974: düster, schwarz, schwärzer.

Kaum jemand mochte Geld auf die Zukunft wetten: Aktien waren Ladenhüter. Die Anleger bewerteten die Firmen des US-Index S&P Composite extrem niedrig - das Kurs-Gewinn-Verhältnis fiel unter zehn.

In dieser Zeit begann, von der Öffentlichkeit unbeachtet, eine technologische Revolution, die viel später einen Wirtschaftsboom auslösen und die Aktienmärkte beflügeln sollte. Die kleine Firma MITS hatte den ersten Personal Computer entwickelt: den Altair 8800. Ein Spielzeug, das als Bausatz für Hobbybastler geliefert wurde. Natürlich gab es dafür keine Software.

1974 entdeckte Bill Gates, damals 19 und Student in Harvard, den Altair und entwickelte dafür die Programmiersprache MITS Basic. Immerhin: Die kleine Gemeinde der Hobbyprogrammierer war begeistert.

Was zu einer Zeit äußerst trüber Aussichten begann, zündete eine techno-ökonomische Kettenreaktion. 1976 gründete Bill Gates Microsoft. 1986 ging die Firma an die Börse. Ohne PC kein Microsoft, ohne PC kein Internet, ohne Internet-Boom keine Dotcom-Euphorie der Jahre 1995 bis 2000. Wer 1986 für 2000 Dollar Microsoft-Aktien zum Ausgabekurs von 20 Dollar das Stück gekauft hatte, war eineinhalb Jahrzehnte später Millionär - im Jahr 2000 waren die Anteile zeitweise das 500-fache ihres Ausgabekurses wert.

Das Beispiel Microsoft zeigt: Neue Technologien haben die Macht, die Börse zu beflügeln. Vorgestern der PC, gestern das Internet - und morgen? Welche neue Technologie hat das Zeug, die Börsen zu begeistern?

Nicht jede Innovation treibt die Kurse. Schon gar nicht dauerhaft. Aber beim Aufpumpen der meisten Finanzmarkt-Blasen spielen Tech-Trends eine wichtige Rolle.

Denn sie eignen sich prächtig als Fluchtpunkt der Wünsche und Hoffnungen der Menschen. Eisenbahnen im 19. Jahrhundert, Elektrizität, Auto und Flugzeug im frühen 20. Jahrhundert, Computer und Internet im späten 20. Jahrhundert - alles Entwicklungen, deren Nutzen vielen Menschen unmittelbar einleuchtete. Weil sie selbst als Verbraucher davon profitierten, steckten sie Geld in all die neuen Firmen.

Ein großes Missverständnis. Damit eine Innovation höhere Börsenkurse rechtfertigt, muss sie nachhaltig die Unternehmensgewinne steigern. Denn darum geht es schließlich an der Börse: Ein Unternehmen ist letztlich nur so viel wert, wie die (diskontierten) Gewinne, die es vermutlich in der Zukunft erzielen wird.

In dieser Hinsicht unterscheiden sich Technologien dramatisch: Einige werden für die Unternehmen, die sie beherrschen, zu Goldadern. Andere stehen dem Gewinnmachen geradezu entgegen (siehe Kasten).

Zur zweiten Kategorie gehört das Internet. Das Netz erhöht die Markttransparenz und drückt daher Preise - was den Verbrauchern zu Gute kommt. Zudem sind Inhalte im Internet leicht zu kopieren: Eine gute Idee findet sofort Nachahmer. All das drückt auf die Gewinne.

Allerdings: Das Auftauchen neuer Technologien genügt nicht, um Kursblasen - jene typisch übereuphorischen Phasen an den Börsen - auszulösen. Weitere Faktoren müssen hinzukommen: Eine positive gesellschaftliche Grundhaltung gegenüber Unternehmertum und Gewinnstreben; expansive Impulse seitens der Politik, am besten Steuersenkungen und niedrige Notenbankzinsen; und die letzte Krise muss so lange her sein, dass eine neue Generation von Geldmanagern am Ruder ist.

In der zweiten Hälfte der 90er Jahre kam all das zusammen, vor allem in den USA. Die Internet-Millenium-Bubble war eine der größten Kursblasen der Börsengeschichte. Zeitweise bewerteten die Anleger die Unternehmen, die im S&P-Composite-Index vereint sind, rund 30 Prozent höher als kurz vor dem großen Crash von 1929 (siehe Grafik).

Seit die Kursblase im März 2000 platzte, sacken die Kurse schubweise. Aber auch in diesen für Anleger deprimierenden Zeiten entsteht Neues - Innovationen, der plötzliche Durchbruch eines Produkts zur Marktreife. Heute genauso wie 1974.

Doch selbst wenn der Anleger die gewinnträchtigen Technologien geortet hat, bleibt die Frage: Welche Firma wird sie am profitabelsten anwenden?

1974 hätte niemand erwartet, dass ausgerechnet der 19-jährige Student Bill Gates ein Weltimperium aufbauen würde. Wenn überhaupt, hätten die Kenner auf MITS gesetzt, den Produzenten des ersten PC.

Es wäre ein schlechtes Geschäft gewesen: MITS geriet wenig später in eine finanzielle Schieflage. Die Firma wurde 1977 aufgekauft - und ging ein in die ewigen Jagdgründe der Wirtschaftsgeschichte.

Die Tech-Trends stellen Anleger vor schwierige Fragen. Aber hat irgend jemand behauptet, es sei einfach, reich zu werden?

Henrik Müller

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Checkliste für Anleger

Welche ökonomischen Eigenschaften Technologien aufweisen müssen, um zu Börsenrennern zu werden

Können einzelne Unternehmen mit der Technologie ordentliche Gewinne machen?

Die Frage mag banal klingen. Aber zu Zeiten des Dotcom-Hype hat sie kaum jemand gestellt. Entscheidend für den dauerhaften Börsenerfolg ist, ob technologische (Größenvorteile) oder rechtliche (effektiver Patentschutz) Markteintrittsbarrieren bestehen. Nur dann können Innovatoren längere Zeit höhere Gewinne erzielen als der Durchschnitt. Nur dann sind hohe Aktienkurse gerechtfertigt.

Begünstigt die neue Technologie das Entstehen marktweiter Standards?

Bei manchen Technologien bildet sich unter den Nutzern ein gemeinsamer Standard heraus.

Ein Unternehmen, das einer ganzen Branche seine Technologie verkaufen kann, ist in der Poleposition beim großen Geldverdienen. Für Anleger heißt das: Kaufen.

Leicht gesagt. Das Problem ist nur: In Phasen, in denen neue Technologien aufkommen, gibt es regelmäßig verschiedene Unternehmen, die darum konkurrieren, ihre Methode als Standard zu etablieren. Siehe Beta, VHS, Video 2000 bei Videorecordern in den 80er Jahren. Wer am Ende gewinnt, ist oft nicht a priori erkennbar.

"Netzwerkeffekte" begünstigen das Entstehen von Standards: Je mehr Leute die entsprechende Technologie nutzen, desto interessanter wird sie für weitere Konsumenten. Ein Effekt, der bei digitaler Information oder auch beim Telefon auftaucht. Die Existenz komplementärer Produkte ("Lock-in") stabilisiert einen Standard. Wer einen CD-Player hat, muss CDs kaufen, wenn er Musik hören will. Umgekehrt: Wer sich überlegt, welches Abspielgerät er erwerben soll, richtet sich nach Auswahl, Qualität und Preis der für das Gerät passenden Tonträger.

Wie groß ist der Bedarf an Produkten, die mit Hilfe der neuen Technologie hergestellt werden können?

Noch so eine simple, aber häufig übersehene Frage. Eine tolle Technologie ist nichts wert ohne effektive (!) Nachfrage nach den daraus entstehenden Produkten.

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