Donnerstag, 19. September 2019

Arbeitslosigkeit, Klimawandel, Wirtschaftskrise Ein paar Fakten gegen den Pessimismus

imago images / Westend61

Ob Arbeitslosigkeit, Klima- oder Wirtschaftskrise oder diffuse Ängste - viele Menschen blicken grundsätzlich pessimistisch auf die Welt, wie die Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg gerade wieder gezeigt haben. Doch echte Belege für ihre negative Weltsicht haben sie nicht. Woher auch? Die grundlegenden Fakten weisen in die entgegengesetzte Richtung. Zeit, ein wenig mehr Optimismus zu wagen.

Die Arbeitslosenquote in Deutschland liegt bei mehr als 20 Prozent, es gibt keine Jobs mehr. Das glaubt nach einer aktuellen Studie des IW Köln die Mehrheit der Deutschen - und hat damit ein völlig verzerrtes Bild von der Realität. Denn wer die Beschäftigungsstatistik Monat für Monat verfolgt, weiß, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Die Arbeitslosenquote liegt in Wahrheit bei knapp fünf Prozent und damit auf langfristig niedrigem Niveau. Fast zwei Millionen offene Stellen können laut DIHK derzeit nicht besetzt werden, weil die entsprechenden Fachleute fehlen.

Hilflosigkeit vernebelt die Wahrnehmung

Und nicht nur beim Blick auf den Arbeitsmarkt herrscht bei vielen Menschen eine durchweg zu negative Perspektive auf die Welt vor: Die Kölner Forscher fanden denselben Trend auch bei anderen wichtigen Themen wieder. So wird die Zahl der Zuwanderer oder die Kriminalitätsrate von den meisten deutlich höher geschätzt, als sie tatsächlich ist.

Guenter Gressler
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    Günter Gressler ist verantwortlich für das Europa-geschäft des Multitechnologie-konzerns 3M.

Aus ganz unterschiedlichen Gründen neigen die Deutschen - und nicht nur die - aktuell zum Zaudern und zum Pessimismus. Ein weiteres Beispiel: der Zustand der Natur. Laut einer Untersuchung des Bundesumweltministeriums und des Umweltbundesamts beurteilen 60 Prozent der Deutschen die Umwelt als intakt. Das klingt gut, aber vor zwei Jahren waren es noch 75 Prozent.

Es gibt nicht die eine Ursache, die all diesen negativen Einstellungen und Wahrnehmungen zugrunde liegt. Ein Teil der Begründung liegt sicher in den gewaltigen Herausforderungen, vor denen die Welt steht. Unbestritten ist, dass die globale Klimaerwärmung eine krisenartige Zuspitzung erlebt und es auf diesem Gebiet jede Menge zu tun gibt. Und angesichts der vielen negativen Meldungen zu diesem Thema macht sich in der öffentlichen Wahrnehmung schnell das Gefühl breit, hilflos zu sein und keine Rezepte zu haben, mit denen sich ein so gewaltiges Problem lösen ließe.

Zweifel an der Wissenschaft

Dabei gibt es für das Gefühl von Ausweglosigkeit und Pessimismus keinen realen Grund: Täglich arbeiten Forscher und Wissenschaftler weltweit an innovativen Problemlösungen, sie haben täglich mehr und bessere Ideen und finden mehr Lösungsansätze als von außen sichtbar ist. Doch dem gegenüber steht eine wachsende Zahl von Menschen, die der Wissenschaft skeptisch gegenüberstehen. Natürlich wecken Forschung und Entwicklung Hoffnungen, aber die Wissenschaft erzeugt auch diffuse Ängste.

3M untersucht jedes Jahr im State of Science Index (SOSI) in 14 Ländern, wie angesehen die Wissenschaft ist. Ergebnis: 54 Prozent der Deutschen meinen, Wissenschaft verursache genauso viele Probleme, wie sie löst. Auch gehen 32 Prozent davon aus, dass die Wissenschaft von der Politik beeinflusst wird, 37 Prozent glauben an eine Beeinflussung durch die Wirtschaft. Dabei ist besonders bemerkenswert: 85 Prozent der Befragten gaben an, wenig bis gar nichts über Wissenschaft zu wissen, 83 Prozent wünschten sich, mehr darüber zu erfahren. Der Bedarf an Aufklärung scheint mindestens genauso groß zu sein wie der an innovativen Lösungen für die Probleme der Welt.

Einfache Botschaften gegen diffuse Ängste

Dazu beitragen wollen auch die "New Optimists", eine Gruppe von Denkern und Wissenschaftlern, zu denen unter anderem der renommierte Harvard-Professor und Kognitionspsychologe Steven Pinkert sowie Microsoft-Gründer Bill Gates gehören. Sie sind der Meinung, dass die Erde "in einem viel besseren Zustand ist, als wir denken". Und sie belegen dies mit sehr einfachen und eindeutigen Statistiken. So sind Wohlstand, Demokratie und die durchschnittliche Lebensdauer im Lauf der vergangenen Jahrhunderte weltweit gestiegen. Ihr Ansatz: Einfache Botschaften sind auch einfach zu verstehen.

Auch wenn diese Bewegung nicht gänzlich unumstritten ist, verfolgt sie doch den lobenswerten Ansatz, dem Pessimismus als Grundeinstellung den Kampf anzusagen. Wer positiv und selbstbewusst an eine Sache herangeht, sieht schneller und besser mögliche Lösungen, als jemand, der immer gleich das Negative hervorhebt.

Keine schlechte Idee. Und auch nicht wirklich neu. Motivationscoaches und Vertriebsprofis arbeiten nach einem ähnlichen Prinzip und haben damit großen Erfolg. Doch dass dies nicht so einfach ist, wie es klingt, bestätigt auch die Soziologin Alison Anderson: "Es ist ein Balanceakt, Aufmerksamkeit auf ein Problem zu lenken, ohne Panik zu erzeugen - und sich trotzdem an Fakten zu halten."

Chancen sehen, nicht nur Risiken

Chancen sehen - das gilt für alle Teile der Gesellschaft. Während einige die "Fridays for Future"-Bewegung als lästig empfinden, sehen andere die positive Energie, die dort entsteht und die Kräfte freisetzt, von denen wir bisher nur ahnen können, was sie bewirken. Das liegt auch daran, dass der Narrativ hier ein anderer ist: Klimaschutz bedeutet nämlich nicht nur Verzicht auf Fleischessen, Autofahren oder die Flugreise in den Urlaub. Denn der größte Anteil an CO2-Emissionen entsteht durch Energieerzeugung.

Der Potsdamer Klimaökonom Carlo Jaeger sieht das größte Potenzial, CO2-Emissionen zu senken, in der Art, wie wir in Zukunft Häuser bauen. Mehr als ein Drittel der Treibhausgase europaweit entstehen durch das Beheizen von Räumen, die Erzeugung von warmem Wasser, durch elektrisches Licht oder das Kochen. Wenn wir diese Funktionen auf erneuerbare Energien umstellen und Gebäude noch besser und kostengünstiger isolieren, wäre dies ein effektiver Beitrag zum Klimaschutz, der nichts mit Verzicht zu tun hätte.

Doch erst wenn wir anfangen, der Wissenschaft positiv und aufgeschlossen statt pessimistisch und ängstlich zu begegnen, werden wir die Herausforderungen unserer entwickelten Welt als Chancen und nicht als Probleme begreifen können.

Günter Gressler ist verantwortlich für das Europageschäft des Multitechnologie-konzerns 3M und schreibt hier als Gastkommentator. Gastkommentare geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.

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