Spanien in der Krise "Man wirft uns raus!"

Man nennt sie Spaniens verlorene Generation: Jene jungen Erwachsenen, die gut ausgebildet sind und trotzdem keinen Job finden. Immer mehr von ihnen fliehen ins Ausland - wo sie ausgebeutet werden.
Wissenschaftler protestieren im Madrid: Buletten braten mit Uni-Abschluss

Wissenschaftler protestieren im Madrid: Buletten braten mit Uni-Abschluss

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Madrid - "Ich spüre viel Wut." Als Sara González in einer Madrider Kneipe ihren Gemütszustand beschreibt, muss sie schlucken. Ihre braunen Augen werden feucht. Trotz ausgezeichneter Ausbildung hat die 28-jährige Journalistin und Kulturmanagerin noch nie einen richtigen Arbeitsvertrag bekommen. Seit sechs Jahren schlägt sie sich mit Forschungsstipendien sowie mit Gelegenheitsjobs in Kleiderläden durch. "Einmal tausend Euro im Monat zu verdienen, ist inzwischen fast zum Traum geworden", erzählt die wortgewandte Spanierin.

Dabei waren die "Mileuristas", jene gut ausgebildeten, jungen Arbeitnehmer mit magerem 1000-Euro-Monatslohn, in Spanien noch vor ein paar Jahren heftig bemitleidet worden. Heute gelten sie bereits nahezu als Privilegierte. Seit Beginn der Wirtschaftskrise im Jahr 2008 kletterte die Arbeitslosenquote unter Jugendlichen (16- bis unter 25-Jährige) im Euroland nämlich von 20 auf über 55 Prozent. Inzwischen reißen sich auch Höherqualifizierte mit Erfahrung um Aushilfsjobs und Praktika, die in Wirklichkeit nicht der Ausbildung dienen, sondern auf die Erbringung von Arbeitsleistung ohne oder nur mit geringer Bezahlung gerichtet sind. Schlechter Ausgebildete werden derweil aus dem Arbeitsmarkt gedrängt.

Kein Wunder, dass immer mehr ins Ausland oder auch mit 30 oder 35 zurück ins elterliche Nest fliehen. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des Nationalen Jugendrates CJE wohnt fast jeder dritte Spanier (knapp 30 Prozent) zwischen 25 und 34 Jahren bei den Eltern. Bei den unter 30-Jährigen sind es sogar knapp 80 Prozent. Viele andere verlassen ihre Heimat. Nach Angaben der Statistikbehörde INE haben zwischen 2008 und 2012 knapp 400 000 Spanier ihrem Land den Rücken gekehrt - mehrheitlich 25- bis 35-Jährige mit guter bis sehr guter Ausbildung.

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In London werde derzeit eine "Überschwemmung" von spanischen Einwanderern verzeichnet, so die Zeitung "El País". Viele müssten dort lange kämpfen, um gute Jobs zu bekommen. Es gebe an der Themse Läden einer Fast-Food-Kette, in denen bis zu sieben Spanier - oft Ökonomen oder Journalisten - Buletten braten und verkaufen. Aber: "Selbst wenn du hier in London ausgebeutet wirst, bist du besser dran als daheim", so Marketingfachfrau Lucía Navarro (26) zu "El País".

Regierungsangehörige hatten in den vergangenen Monaten beteuert, die Auswanderungswelle sei nicht nur auf die Krise, sondern auch auf den "Abenteuergeist" der jungen Spanier zurückzuführen. Das war den fern der Heimat um eine bessere Zukunft kämpfenden Wirtschaftsexilanten dann doch zu viel. Sie gründeten im April eine grenzübergreifende Bewegung mit den Namen "Wir gehen nicht weg, man wirft uns raus!". Bei Demos in verschiedenen Städten Europas, Nord- und Südamerikas trugen sie Plakate wie "Man stiehlt uns das Leben". Eine falsche Regierungspolitik sei an allem schuld, meinen sie.

Leben auf Kosten der Eltern und Großeltern

Nicht weniger als 82 Prozent aller jungen Spanier suchen zurzeit eine Stelle im Ausland, ermittelte das Arbeitsvermittlungsportal Trabajando.com in einer Umfrage unter 2300 Arbeitslosen und Beschäftigten. Víctor stand bereits mit gepackten Koffern auf dem Madrider Barajas-Flughafen, wollte einem Freund nach Berlin folgen, entschied sich aber in letzter Minute für eine bequemere Alternative: "Ich bin wieder bei meinen Eltern eingezogen, die freuen sich doch", beteuert der 34-Jährige im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Er war 2010 zusammen mit Dutzenden Kollegen von einer Bank gefeuert worden, dann erlitt er mit einer Tapas-Bar in Madrid Schiffbruch - und nun steht er ohne Job und mit 45 000 Euro Schulden da.

"Ich habe auch viele Freunde und Studienkollegen, die heute vor allem in Berlin und London leben oder wieder zu den Eltern, die nicht selten in kleinen Kaffs auf dem Lande leben, gezogen sind", erzählt Sara. Sie selbst habe im Frühsommer nach einem Masters-Abschluss und dem Ende eines Stipendiums erwogen, bei Papa und Mama in Galicien Zuflucht zu suchen. "Wenn du Hunderte Lebensläufe abschickst oder persönlich abgibst, und kaum eine Antwort kommt, wirfst du schnell das Handtuch", sagt sie. Inzwischen habe sie aber ein neues Stipendium erhalten, mit dem sie sich die WG leisten könne. Die Hälfte ihres Einkommens geht allein für das Zimmer drauf. "Ich habe Glück, dass meine Eltern und Opa mich finanziell unterstützen", räumt sie ein.

Wie die meisten ihrer Generation muss Sara die Ausgaben für Freizeit, wie sie sagt, "deutlich zurückschrauben". Da ist es nur logisch, dass der Bierkonsum in Kneipen und Restaurants Spaniens in den ersten sechs Monaten 2013 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 20 Prozent zurückging. Der Besuchereinbruch bei Kinos und Restaurants war ähnlich stark. Discos und Bars machten zu Zehntausenden dicht. "Low-Cost"-Bars und -Konzerte feiern dafür Hochkonjunktur. Partytyp Víctor sagt: "Früher bin ich viermal die Woche ausgegangen, heute ist nur ab und zu mal die (Billig-)Cervecería "100 Montaditos" drin."

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Während die konservative Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy in der Sparwelle auch die Mittel für Stipendien und Bildungseinrichtungen kürzt, fürchten viele um die Zukunft des Landes. "Junge Menschen haben bei uns keine Zukunft mehr. Wenn nicht schnell eine Lösung gefunden wird, werden wir eine verlorene Generation beweinen müssen", klagte die Biochemikerin Margarita Salas, Mitglied des staatlichen Forschungsorgans CSIC im Interview der Zeitung "El Mundo". Man müsse befürchten, dass viele der jungen Auswanderer nie wieder nach Spanien zurückkehren würden.

Emilio Rappold, dpa

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