Samstag, 19. Oktober 2019

Spanien in der Krise "Man wirft uns raus!"

Wissenschaftler protestieren im Madrid: Buletten braten mit Uni-Abschluss

Man nennt sie Spaniens verlorene Generation: Jene jungen Erwachsenen, die gut ausgebildet sind und trotzdem keinen Job finden. Immer mehr von ihnen fliehen ins Ausland - wo sie ausgebeutet werden.

Madrid - "Ich spüre viel Wut." Als Sara González in einer Madrider Kneipe ihren Gemütszustand beschreibt, muss sie schlucken. Ihre braunen Augen werden feucht. Trotz ausgezeichneter Ausbildung hat die 28-jährige Journalistin und Kulturmanagerin noch nie einen richtigen Arbeitsvertrag bekommen. Seit sechs Jahren schlägt sie sich mit Forschungsstipendien sowie mit Gelegenheitsjobs in Kleiderläden durch. "Einmal tausend Euro im Monat zu verdienen, ist inzwischen fast zum Traum geworden", erzählt die wortgewandte Spanierin.

Dabei waren die "Mileuristas", jene gut ausgebildeten, jungen Arbeitnehmer mit magerem 1000-Euro-Monatslohn, in Spanien noch vor ein paar Jahren heftig bemitleidet worden. Heute gelten sie bereits nahezu als Privilegierte. Seit Beginn der Wirtschaftskrise im Jahr 2008 kletterte die Arbeitslosenquote unter Jugendlichen (16- bis unter 25-Jährige) im Euroland nämlich von 20 auf über 55 Prozent. Inzwischen reißen sich auch Höherqualifizierte mit Erfahrung um Aushilfsjobs und Praktika, die in Wirklichkeit nicht der Ausbildung dienen, sondern auf die Erbringung von Arbeitsleistung ohne oder nur mit geringer Bezahlung gerichtet sind. Schlechter Ausgebildete werden derweil aus dem Arbeitsmarkt gedrängt.

Kein Wunder, dass immer mehr ins Ausland oder auch mit 30 oder 35 zurück ins elterliche Nest fliehen. Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie des Nationalen Jugendrates CJE wohnt fast jeder dritte Spanier (knapp 30 Prozent) zwischen 25 und 34 Jahren bei den Eltern. Bei den unter 30-Jährigen sind es sogar knapp 80 Prozent. Viele andere verlassen ihre Heimat. Nach Angaben der Statistikbehörde INE haben zwischen 2008 und 2012 knapp 400 000 Spanier ihrem Land den Rücken gekehrt - mehrheitlich 25- bis 35-Jährige mit guter bis sehr guter Ausbildung.

In London werde derzeit eine "Überschwemmung" von spanischen Einwanderern verzeichnet, so die Zeitung "El País". Viele müssten dort lange kämpfen, um gute Jobs zu bekommen. Es gebe an der Themse Läden einer Fast-Food-Kette, in denen bis zu sieben Spanier - oft Ökonomen oder Journalisten - Buletten braten und verkaufen. Aber: "Selbst wenn du hier in London ausgebeutet wirst, bist du besser dran als daheim", so Marketingfachfrau Lucía Navarro (26) zu "El País".

Regierungsangehörige hatten in den vergangenen Monaten beteuert, die Auswanderungswelle sei nicht nur auf die Krise, sondern auch auf den "Abenteuergeist" der jungen Spanier zurückzuführen. Das war den fern der Heimat um eine bessere Zukunft kämpfenden Wirtschaftsexilanten dann doch zu viel. Sie gründeten im April eine grenzübergreifende Bewegung mit den Namen "Wir gehen nicht weg, man wirft uns raus!". Bei Demos in verschiedenen Städten Europas, Nord- und Südamerikas trugen sie Plakate wie "Man stiehlt uns das Leben". Eine falsche Regierungspolitik sei an allem schuld, meinen sie.

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