Dienstag, 25. Februar 2020

Kapitalismus pur Wenn zwei Millionen Menschen gemeinsam eine Yacht kaufen

180-Meter-Yacht "Azzam": 2153 Milliardäre haben so viel wie die 60 ärmsten Prozent der Weltbevölkerung
Lürssen / Klaus Jordan
180-Meter-Yacht "Azzam": 2153 Milliardäre haben so viel wie die 60 ärmsten Prozent der Weltbevölkerung

Es ist doch wirklich ein Kreuz mit dem Kapitalismus. Kaum einer will ihn, aber er ist offenbar dennoch gekommen um zu bleiben. Erst in diesen Tagen wurde anlässlich des Weltwirtschaftsforums in Davos wieder eine Umfrage veröffentlicht, wonach die Mehrheit von weltweit Tausenden Befragten der Ansicht ist, der Kapitalismus richte mehr Schaden an, als dass er nutze. In Deutschland schaut demnach nicht einmal jeder Vierte optimistisch in seine ökonomische Zukunft.

Christoph Rottwilm
Christoph Rottwilm

Ein Grund für die Unzufriedenheit vieler Menschen mit dem herrschenden Wirtschaftssystem ist die Tatsache, dass nur sehr wenige davon wirklich zu profitieren scheinen. Auch dazu gibt es Zahlen: Die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam veröffentlichte ebenfalls im Umfeld von Davos eine Statistik, derzufolge die weltweit gezählten 2153 Milliardäre genauso viel Geld besitzen wie die ärmsten 60 Prozent der Weltbevölkerung.

Um das deutlich zu machen: 60 Prozent der Weltbevölkerung, das sind ungefähr 4,6 Milliarden Menschen. Während also jeder der 2153 Milliardäre weltweit gemütlich auf seiner eigenen 100-Meter-Superyacht durch die Südsee schippert, müssen sich im breiteren Bereich der Vermögenspyramide ziemlich genau 2.136.553 arme Schlucker zusammentun, um sich so ein Luxusboot überhaupt leisten zu können. Jedenfalls, wenn man den Zahlen von Oxfam glauben schenken darf. Von der Frage, wer von den vielen Eigentümern die Yacht dann wann und wie lange nutzen darf, wollen wir gar nicht erst anfangen.

Es wundert also nicht, dass dem besonders betuchten Teil der Weltbevölkerung mitunter mit einem gewissen Groll begegnet wird. Was jedoch schon eher überraschen kann: Auch unter den Superreichen regt sich inzwischen der Unmut über die wirtschaftlichen Zustände. Ray Dalio, Gründer des weltgrößten Hedgefonds Bridgewater, Marc Benioff, Chef des US-Tech-Unternehmens Salesforce, und wie sie alle heißen - immer mehr Millionäre und Milliardäre (und bald wohl auch Billionäre) kritisieren die wachsende Ungleichheit auf der Welt, die, so der Tenor, über kurz oder lang in nicht weniger als einen kompletten Systemcrash führen werde.

Wie gut ist es da doch, dass in einem großen Teil der Welt inzwischen nicht nur das kapitalistisch geprägte, sondern auch das demokratische Gesellschaftssystem vorherrschend ist. Die Mehrheit entscheidet also - ist sie gegen den Kapitalismus, kann sie ihn ändern.

Damit ist eine Stelle im Text erreicht, an der sich gut eine Umfrage ansprechen lässt, die das Meinungsforschungsinstitut Emnid im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung durchgeführt hat. 88 Prozent der Deutschen, so das Ergebnis, wünschen sich eine "neue Wirtschaftsordnung". Der Kapitalismus sorge weder für einen "sozialen Ausgleich in der Gesellschaft" noch für den "Schutz der Umwelt" oder einen "sorgfältigen Umgang mit den Ressourcen".

Warum gerade diese Umfrage an dieser Stelle? Nun, die Erhebung wurde bereits 2010 durchgeführt, vor ziemlich genau zehn Jahren also - geändert hat sich seither bekanntlich nichts.

Christoph Rottwilm auf Twitter

Was lehrt uns das? "Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen", hat John Lennon einmal gesagt, und diese Erfahrung machen eben nicht nur Milliarden Menschen weltweit Tag für Tag, sondern offenbar auch ganze Gesellschaften.

Donald Trump beispielsweise würde wohl sagen: Klimawandel ist das, was entsteht, wenn ein Teenager die Schule schwänzt. Und für Hedgefonds-Milliardär Dalio und Co gilt eben: Geldberge sind das, was entsteht, während du eifrig dabei bist, das System zu kritisieren.

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