Sonntag, 18. August 2019

Analyse zur Frauenquote Weniger Frauen in Vorständen als Männer, die Thomas heißen

Frauen vs. Männer: Analyse der Vorstände von Dax, MDax und SDax
DPA

Zu Beginn dieser Woche veröffentlichte die "New York Times" eine bemerkenswerte Analyse: An der Spitze der großen Unternehmen in den USA, so die Zeitung, gibt es weniger Frauen als Männer, die John heißen.

Zuvor hatten die Leute bei der "New York Times" offenbar präzise gerechnet. Das Ergebnis: 5,3 Prozent aller Chefs der Unternehmen aus dem breiten US-Aktienindex S&P 1500 heißen mit Vornamen John. Dagegen seien lediglich 4,1 Prozent der CEOs weiblich, so die "New York Times".

Und das ist noch nicht alles. Auf jede Frau an der Spitze eines US-Konzerns kommen vier Männer, die entweder John, Robert, William oder James heißen, berichtet die Zeitung weiter. Der sogenannte "Glasdecken-Index" habe damit in Bezug auf die absolute Spitze der großen US-Unternehmen einen enorm hohen Wert von vier. Der Index gibt an, wie schwer es für Frauen ist, in den obersten Führungsetagen voranzukommen.

Christoph Rottwilm
manager-magazin.de
Christoph Rottwilm
Solche Berechnungen sind natürlich Wasser auf die Mühlen derer, die für die Gleichstellung der Frauen in der Wirtschaft kämpfen, und die auf diesem Gebiet noch jede Menge Handlungsbedarf sehen. Auch in Deutschland wird die Debatte seit langem geführt. Just am heutigen Freitag hat der Bundestag eine gesetzlich vorgegebene Frauenquote für die Aufsichtsräte großer deutscher Unternehmen beschlossen.

Doch wie ist die Situation in Deutschlands Führungsetagen wirklich? Angesichts der politischen Brisanz und der vielen Emotionen, mit denen dieses Thema naturgemäß aufgeladen ist, empfiehlt sich ein möglichst nüchterner Blick auf die Fakten.

manager magazin online hat daher ebenfalls eine Analyse durchgeführt. Untersucht wurden sämtliche Vorstände der insgesamt 130 deutschen Unternehmen aus den drei Aktienindizes Dax Börsen-Chart zeigen, MDax Börsen-Chart zeigen und SDax Börsen-Chart zeigen.

Die Ergebnisse sind, kurz gesagt, ernüchternd:

  • Von den 130 Unternehmen wird lediglich eins von einer Frau geführt. Dabei handelt es sich um die RTL Group mit Anke Schäferkordt an der Spitze.
  • Von insgesamt 550 Vorstandsmitgliedern der 130 Unternehmen sind lediglich 30 und damit 5,5 Prozent Frauen. Das ist nicht viel mehr als der Anteil der Männer in diesen Vorständen, die mit Vornamen Thomas heißen (3,8 Prozent).
  • Die Vornamen Thomas und Andreas kommen in den Vorständen aller drei Indizes zusammen auf einen Anteil von 7,1 Prozent, also mehr als die Frauen insgesamt. Der von der "New York Times" berechnete "Glasdecken-Index" beträgt also in deutschen Vorstandsetagen in Bezug auf diese beiden Männervornamen etwa 1,3, was nicht gerade niedrig erscheint.
    Die Recherche von manager magazin online ergab: In deutschen Vorständen gibt es mehr Frauen als Männer, die Thomas heißen. Aber nicht viel mehr.
    manager magazin online
    Die Recherche von manager magazin online ergab: In deutschen Vorständen gibt es mehr Frauen als Männer, die Thomas heißen. Aber nicht viel mehr.
  • Der Vorname John kommt in hiesigen Vorständen zwar deutlich seltener vor, als in US-amerikanischen. So gibt es in den Vorständen von Dax, MDax und SDax lediglich drei Johns, nämlich John Gilbert (Deutsche Post), John Leahy (Airbus) und John Stephenson (Norma Group).
  • Zieht man die hiesigen Abwandlungen des Vornamens John hinzu, also Johannes, Johann sowie Hans, so sieht es allerdings signifikant anders aus: Insgesamt kommt diese Namensgruppe dann auf einen Anteil von 3,6 Prozent, womit sie hinter den Frauen und den Thomassen den dritten Platz im Ranking belegt.
  • Wenn wir berücksichtigen, dass in den USA üblicherweise jeder Mann zwei Vornamen hat, und wenn wir dieses Modell hypothetisch auf die deutsche Wirtschaft übertragen, so erhalten wir ein anderes Ergebnis.
    Hätte nämlich jeder männliche Deutsche zwei Vornamen, so würde beispielsweise auch der Vorname Thomas noch viel häufiger vorkommen, etwa in den Kombinationen Klaus-Thomas, Karl-Thomas oder Thomas-Maria.
  • Die Quote des Vornamens Thomas läge also deutlich höher als tatsächlich gemessen. Bei einem angenommenen, durchaus nicht unrealistisch erscheinenden Faktor von 1,5 beispielsweise ergäbe sich für diesen Vornamen bereits eine Quote von 5,7 Prozent.
  • Im Klartext heißt das: Ein Ceteris-Paribus-Vergleich USA vs. Deutschland ergibt, dass es in Deutschland gegenwärtig eigentlich bereits ... weniger Frauen in den Vorständen gibt als Männer mit dem Vornamen Thomas.
  • Im Maschinenbau- und Industrie-lastigen MDax sind solche Rechenspielchen gar nicht nötig. Dort sieht es für das weibliche Geschlecht auch so schon besonders düster aus. In dem Index, der immerhin jene 50 Unternehmen zählt, die gerne als das Herz der deutschen Wirtschaft bezeichnet werden, finden sich auf Vorstandsebene lediglich fünf Frauen. Die Frauenquote dort beträgt damit 2,6 Prozent.
    Im Mittelwerte-Index MDax sieht es für Frauen schlecht aus: Mehrere männliche Vornamen kommen auf Vorstandsebene häufiger vor als das weibliche Geschlecht
    manager magazin online
    Im Mittelwerte-Index MDax sieht es für Frauen schlecht aus: Mehrere männliche Vornamen kommen auf Vorstandsebene häufiger vor als das weibliche Geschlecht
  • Damit gibt es in MDax-Vorständen weniger Frauen als Männer mit den Vornamen Thomas (4,7 Prozent), Klaus/Claus (4,7 Prozent) Stefan/Stephan (4,1 Prozent) oder Michael (3,2 Prozent).
  • Im von der Öffentlichkeit stark wahrgenommenen Leitindex Dax gibt es in 30 Unternehmen 15 weibliche Vorstandsmitglieder. Herausragend sind dabei Siemens Börsen-Chart zeigen, die Munich Re Börsen-Chart zeigen sowie vor allem die Lufthansa Börsen-Chart zeigen (die im Vergleich zu den beiden anderen einen recht kleinen Gesamtvorstand hat) mit jeweils zwei Frauen im Vorstand.
  • Die Frauenquote in Dax-Vorständen ist mit 7,9 Prozent dreimal so hoch wie im MDax (2,6 Prozent).

  • Im SDax, dem 50 Werte zählenden Index für die kleineren Unternehmen (Small Caps), haben wir unter 170 Vorstandsmitgliedern zehn Frauen gezählt. Damit hat dieser Index eine Quote von 5,9 Prozent und liegt zwischen Dax und MDax.
  • Die Vornamen Anke, Claudia und Susanne kommen als einzige Frauennamen jeweils zweimal in den Vorständen der 130 Aktiengesellschaften vor. Legt man "Susann" als Variante von "Susanne" aus, so ist diese Namensgruppe mit drei Erscheinungen sogar alleine führend.
  • Unzählige Vornamen kommen in den Vorständen der Unternehmen des Dax, des MDax und des SDax überhaupt nicht vor, darunter beispielsweise Hildegunde, Bertram-Bärbel oder Lattjeslaff.

Soweit die Analyseergebnisse. Doch was lässt sich daraus nun folgern? Zunächst ganz klar: Frauen sind in deutschen Vorstandsetagen gegenüber Männern dramatisch unterrepräsentiert, das muss sich ändern.

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.
Das ist allerdings nichts Neues. Deshalb lohnt ein genauerer Blick, und der führt zu innovativen Ansätzen, wie das Gender-Problem gelöst werden könnte.

Erstens: Vergessen Sie die zurzeit gängigen Mädchenvornamen wie Anna, Emily, Emma oder Hannah. Sie sollten Ihre Tochter lieber Anke, Claudia oder Susanne nennen. Oder noch besser: Nehmen Sie einen hübschen Doppelnamen, wie zum Beispiel Anke-Thomas oder Claudia-Andreas.

Zweitens: Frauen, die sich für die Gleichberechtigung stark machen wollen, sollten auch beim männlichen Nachwuchs Obacht geben. Von Vornamen wie Thomas, Andreas oder auch Klaus/Claus ist dringend abzuraten. Nur so lässt sich deren Dominanz auf Dauer zurückdrängen.

Keinesfalls sollten Sie Ihren Sohn auch John, Johannes, Johann oder Hans nennen.

Wie wäre es dagegen mit Karl-Maria? Wie, der Name gefällt ihnen nicht? Seien Sie gewarnt: Was bei diesem Thema nicht freiwillig geschieht, wird am Ende des Tages per Gesetz verordnet.

Die Analyseergebnisse im Überblick: Dax, MDax und SDax-Vorstände im Frauen-Check

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