Sonntag, 22. September 2019

Mehr Teilhabe statt Feiertag Weltfrauentag - so nötig wie der Tag der Blockflöte

Weltfrauentag in den USA

Vielleicht braucht Berlin einen Tag der Staatssekretärin - einen Tag der Frau braucht es ganz bestimmt nicht.

Es gibt den Weltgebetstag. Den Tag des deutschen Schlagers. Den des Puppenspiels. Den der Poesie. Den Tag der Migranten und Flüchtlinge. Den Tag der Kranken im Allgemeinen und den Welt-Lepra-Tag im Besonderen. Wir kennen den Tag der Blockflöte, sogar den Internationalen Tag der Jogginghose. Und es gibt den Weltfrauentag. Der ist jetzt sogar gesetzlicher Feiertag im Bundesland Berlin. Genauso wie in Afghanistan, Georgien und auf Kuba.

Heiner Thorborg
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    Michael Dannenmann
    Heiner Thorborg gehört zu den profiliertesten Personalberatern in Deutschland. Nach zehn Jahren als Partner bei Egon Zehnder Int. gründete er die Heiner Thorborg GmbH & Co. KG, die Heiner Thorborg & Co. (Zürich) sowie die Initiative "Generation CEO".

Im Allgemeinen geht es bei solchen Tagen um etwas, das auszusterben droht (das Gebet zum Beispiel, das Puppenspiel oder die Poesie), um etwas, das Geschmacksfragen auslöst (Jogginghosen oder das Blockflötenspiel) oder gar um etwas, das es zu bekämpfen gilt (Lepra, seltene Krankheiten oder den deutschen Schlager). Und dann gibt es noch Tage, die kranke, zurückgesetzte, behinderte, benachteiligte, verfolgte oder gefährdete Gruppen unterstützen. Den Tag der Migranten und Flüchtlinge. Den internationalen Kiffertag. Den Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung.

Und dann gibt es den Weltfrauentag, der 1910 von der deutschen Sozialistin Clara Zetkin auf dem zweiten Kongress der Sozialistischen Internationalen initiiert wurde, um das Wahlrecht für Frauen zu fordern. Im damaligen Europa war der Urnengang nämlich nur den Finninnen erlaubt. Einen Feiertag gab es in Berlin deswegen aber noch lange nicht.

Den gibt es erst im Jahr 2019, in dem Frauen eigentlich alle Türen offen stehen. Nicht nur dürfen Frauen wählen, sie werden auch zur Bundeskanzlerin gekürt. Sie sitzen im Cockpit der Lufthansa-Flieger, sie werden Fußballweltmeisterinnen, tragen Boxkämpfe aus, fahren Rallys, dienen als Soldatinnen bei der Bundeswehr und erringen Nobelpreise. Dass sie in den meisten Unternehmen auf der Chefetage nicht nur erwünscht sind, sondern oft auch händeringend gesucht werden, ist an dieser Stelle schon hinlänglich oft erörtert worden.

Frauen haben jetzt schon oft die Nase vorn

In vielen Bereichen haben Frauen inzwischen die Nase vorn. Frauen machen heute häufig bessere und schnellere Abschlüsse als ihre männlichen Kommilitonen in den Ingenieur- und Naturwissenschaften. Das "Ärzteblatt" fragt: "Sind Frauen die geschickteren Chirurgen?" und verweist auf eine Studie aus Großbritannien, der zufolge von Frauen operierte Patienten ein geringeres Risiko tragen. Frauen sind auch oft die erfolgreicheren Anleger, laut einer US-Studie schaffen sie bis zu fünf Prozent mehr Rendite als Männer. Immer wieder heißt es zudem, sie seien die besseren Führungskräfte. Nach der Studie "Women Matter" der Unternehmensberatung McKinsey erwirtschaften Firmen mit vielen Frauen in den Führungsetagen deutlich mehr Umsatz als rein männlich geführte.

Frauen leben länger und sind deutlich seltener selbstmordgefährdet als Männer. In vielen Bereichen ist ihre Lobbyarbeit ausgezeichnet; Gesetze zur Gleichstellung in allen Feldern sorgen dafür, dass die Frauen nicht zu kurz kommen. In vielen Bereichen werden sie gar bevorzugt: In der Krebsforschung zum Beispiel wird heute das meiste Geld für die Bekämpfung von Brustkrebs ausgegeben, einen typisch weiblichen Krebs. Männer erkranken am häufigsten an Lungenkrebs, für dessen Erforschung jedoch deutlich geringere Summen aufgewendet werden.


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Das einzige, was Frauen offenbar immer noch nicht so gut hinbekommen wie die Männer, ist das Selbstbewusstsein. Hätten sie das nämlich in ähnlichem Ausmaß wie die Kerle, würde ein Aufschrei durch Berlin gehen: Wir in Deutschland brauchen keinen Feiertag zum Weltfrauentag! Weder sterben wir aus, noch sind wir eine besonders schützenswerte Spezies. Rein statistisch stellen wir 52 Prozent der Bevölkerung im Land und sind übrigens genauso gut, wenn nicht besser als die Männer.

Frauen sind genauso gut wie Männer, wenn nicht gar besser

Sollte die Politik unbedingt ein erneutes Zeichen dafür setzen wollen, wie sehr ihr die Frauen am Herzen liegen, wäre es nett, sie würde sich mit dem eigenen Koalitionsbeschluss beschäftigen, der bis 2025 eine "gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in Leitungsfunktionen des öffentlichen Dienstes" erreicht sehen will. Der Anteil der beamteten Staatssekretärinnen zum Beispiel betrug im Juli 2018 nur 16,7 Prozent - genauso viel wie im Jahr zuvor. In der Privatwirtschaft sind inzwischen fast 30 Prozent der Chefs weiblich. Vielleicht braucht Berlin einen Tag der Staatssekretärin - einen Tag der Frau braucht es ganz bestimmt nicht.

Heiner Thorborg ist Personalberater und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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