Mittwoch, 20. November 2019

Digitaler Papierkorb Die Weltbank produziert Studien, die niemand liest

Viel Wissen über die Welt - wen interessiert das schon? Eine interne Untersuchung der Weltbank ergab: Kaum jemanden

Die Weltbank soll die Welt retten. Dafür erstellt sie Hunderte fachkundiger Studien und stellt sie als PDF-Dateien auf ihre Website. Eine interne Untersuchung ergab nun: Rund ein Drittel der Reports wird niemals abgerufen.

Hamburg - Nach eigenen Angabe investiert die Weltbank rund ein Viertel ihres Budgets für Länderdienste in Wissenserzeugnisse - Studien und Reports, die sie auf ihrer Website als PDFs zur Verfügung stellt. Die gute Nachricht: Jeder kann, gratis und unkompliziert, auf diesen reichen Wissensschatz zugreifen.

Die schlechte: Kaum jemand tut es.

Wie die "Washington Post" unter Berufung auf eine interne Untersuchung der Weltbank berichtet, werden nahezu ein Drittel all dieser aufwendigen Studien niemals abgerufen, in Zahlen: Null Mal. 40 weitere Prozent weniger als 100 Mal. Wie die "Post" treffend titelt: "Die Lösung all unserer Probleme könnte in PDFs stecken, die niemand liest."

Auch die Untersuchung der Weltbank über das PDF-Problem ist allgemein zugänglich - ironischerweise in einem 34 Seiten langen, mit komplizierten Grafiken und Tabellen gespickten PDF-Dokument.

Offenbar steht die Weltbank aber nicht alleine vor der Mauer aus Desinteresse. Auch staatliche Stellen und große Think Tanks erstellen umfangreiche Analysen, die oft ungelesen verstauben - obwohl sie wahrscheinlich voller guter Ideen stecken, die nur mal jemand lesen müsste.

Natürlich sind viele der Weltbank-Reports spezialisierte Datenanalysen. Dass ein Ratgeber für Kleinbetriebe auf Barbados oder eine Untersuchung über die Fortschritte der Nutztierhaltung in Kirgisien weltweit ein weitaus kleineres Publikum finden als beispielsweise Forbes-Listen bestverdienender Schauspieler, die zehn besten Abnehm-Tricks oder Geheimtipps für Traumstrände, liegt in der Natur der Sache. Aber dass manche Untersuchungen nicht einen einzigen Abruf bekommen, ist schwer nachzuvollziehen.

Vor einiger Zeit kursierte mal eine Liste im Internet: Es wurde dazu aufgerufen, zu beschreiben, was an der heutigen Technologie wohl Menschen früherer Generationen am meisten verblüffen würde - und eine sehr schlüssige Antwort lautete: "Ich habe ein kleines, tragbares Gerät, mit dem ich jederzeit und überall Zugriff auf das gesamte Weltwissen habe, und ich benutze es, um Katzenfotos anzuschauen."

Es ist wohl an der Zeit, sich nicht nur grundlegend über den möglichst ungehinderten Zugang zum Weltwissen Gedanken zu machen - sondern auch darüber, wie man Leute dafür interessiert, es zu nutzen; oder wie man die richtigen Leute überhaupt erst findet, die mit dem Wissen etwas anzufangen wüssten.

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