Wolfgang Hirn

Narendra Modis große Ziele Indien - das neue China?

Kanzlerin Merkel, Indiens Premier Narendra Modi: Indien war in diesem Jahr Partnerland der Hannover Messe

Kanzlerin Merkel, Indiens Premier Narendra Modi: Indien war in diesem Jahr Partnerland der Hannover Messe

Foto: DPA

Gerade war Indiens Ministerpräsident Narendra Modi auf Staatsbesuch in Deutschland. Er eröffnete zusammen mit Angela Merkel die Hannover Messe, wo Indien dieses Jahr Gastland war. Eine Werbekampagne "Make in India" begleitete ihn. In Anzeigen und auf Plakaten war ein Löwe zu sehen.

Indien wirbt nicht mehr mit dem Elefanten. Elefanten sind träge und langsam, Löwen hingegen sind dynamisch und immer auf dem Sprung. So sieht sich Indien unter dem seit einem Jahr regierenden Modi - und so will es künftig auch draussen in der Welt wahrgenommen werden.

Seit Modi seinen zuletzt doch sehr zaudernden und altersschwachen Vorgänger Manmohan Singh abgelöst hat, herrscht - zumindest in der Wirtschaft - wieder Optimismus im Lande, aber auch unter den internationalen Investoren. Der wirtschaftsfreundliche Modi will 100 sogenannte smart Cities errichten, die Bürokratie abbauen und in die Infrastruktur investieren.

Wolfgang Hirn
Foto: Christian O. Bruch

Wolfgang Hirn ist Reporter beim manager magazin. Er reist seit 1986 regelmäßig nach China. Er schreibt seitdem über die Entwicklung des Landes. Er ist Autor des Bestsellers "Herausforderung China" . Sein aktuelles Buch hat den Titel "Der nächste Kalte Krieg - China gegen den Westen"  (erschienen bei S. Fischer).

Und mit der Kampagne "Make in India" will er Investoren aus aller Welt ins Land locken. Sein großes ehrgeiziges Ziel: Indien soll zur Fabrik der Welt werden, und damit China ablösen.

Stolz weisen die Inder darauf hin, dass ihre Wirtschaft mit 7,5 Prozent dieses Jahr (vermutlich) stärker wachsen wird als die Chinas (7 Prozent). Symbolisch vielleicht bedeutend, aber ökonomisch wegen des Basiseffekts nicht. Und ebenso stolz verkünden Modis Macher, dass Indien bald mehr Einwohner haben werde als China und dann mit über 1,4 Milliarden Menschen das bevölkerungsreichste Land der Welt sein werde.

Die größten Hindernisse: Schikanöse Bürokratie, marode Infrastruktur

Eine riesige industrielle Reservearmee stünde also - theoretisch - zur Verfügung. Aber was nützt diese Masse Mensch, wenn sie als Folge eines miserablen Bildungssystems schlecht bis gar nicht ausgebildet ist. Die Analphabetenrate in Indien liegt immer noch sehr hoch. Außerdem hat Indien keine industrielle Tradition. Das Land ist eher im Dienstleistungssektor - siehe die Hochburg Bangalore - stark.

Die freilich größten Hindernisse beim Ausbau Indiens zu einem wettbewerbsfähigen Produktionsstandort sind die schikanöse Büroratie und vor allem die marode Infrastruktur des Landes. Ob Bahnen, Strassen oder Flughäfen - sie halten keinen Vergleich mit China stand. Während in Indien jahre-, manchmal jahrzehntelang diskutiert und prozessiert wird, ob dieses oder jenes Projekt gebaut wird, handelt China sofort.

Wie China Städte baut - und warum Indien so etwas nicht schafft

Und damit wären wir bei einem ganz heiklen Thema: Ist Indiens - bei weitem nicht lupenreine - Demokratie ein Standortnachteil, vor allem gegenüber dem großen Nachbarn China? Der hat ein effizienteres politisches System. Im autoritären Einparteinstaat China entscheiden ein paar wenige Herren im Politbüro, ob man mal eben 50 neue Flughäfen oder ein paar tausend Kilometer neue Bahntrassen für Hochgeschwindigkeitszüge, im Bundesstaat Indien hingegen wird in den Parlamenten debattiert und oft nicht entschieden.

Die indische Wirtschaftszeitung The Economic Times  brachte auf ihrer Online-Seite eine Foto-Slideshow unter dem Titel How China builds these, and why India never does . In der Galerie der Vorzeigeprojekte Chinas ist unter anderem die 42-Kilometer-Brücke in der Hafenstadt Qingdao zu sehen. In Indien werden dagegen nicht einmal Straßen fertiggebaut. Beispiel Ganga Expressway. Achtspurig sollte er den bevölkerungsreichsten Bundesstaat Uttar Pradesh mit der Hauptstadt Delhi verbinden. Bereits 2008 wurde der Grundstein gelegt, doch viel ist seitdem nicht passiert.

All die Beispiele zeigen, dass zwischen China und Indien nicht nur das Himalaya-Gebirge liegt, sondern dass zwischen den beiden asiatischen Giganten noch Welten liegen. Ob Modi die Lücke wenigstens etwas schließen kann, gilt abzuwarten.

Bislang hat er lediglich viel angekündigt. Gut gebrüllt, Löwe.