Montag, 1. Juni 2020

Autoverkehr steigt wieder stark an Wie Städte sich gegen die Autokalypse nach Corona wappnen

Lastenrad auf neu markierter Fahrradspur in Paris
Christophe Ena / AP Photo
Lastenrad auf neu markierter Fahrradspur in Paris

Volle Züge gehörten vor der Corona-Krise zum Alltag in den Städten: Ohne einen Massentransport per Bahn ist eine Rückkehr der Metropolen zum Normalbetrieb undenkbar. Doch in Zukunft "werden viele Kunden die Wahl ihres Transportmittels nicht nur auf Basis von Preis und Komfort treffen, sondern auch anhand der wahrgenommenen Infektionsgefahr", heißt es in einer neuen Analyse der Beratungsfirma McKinsey.

Die Passagierzahlen im öffentlichen Nahverkehr hätten während des Lockdown besonders gelitten, rund um die Welt seien sie in den größten Städten um 70 bis 90 Prozent eingebrochen, heißt es in der Studie - noch stärker als beispielsweise die Mikromobilitätsdienste, die mit einem Minus von 60 bis 70 Prozent auch schon um ihre Existenz kämpfen.

Zumindest bis zum Jahr 2025 erwarten die Berater ein Szenario einer "neuen Normalität", in der "Menschen, die ein privates Fahrzeug besitzen, dieses zunehmend benutzen". Zwar steckt auch die Autobranche in einer tiefen Krise, relativ aber könnte sie trotz aller ökologischen Bedenken dank des Coronavirus mittelfristig Marktanteile gewinnen.

Autoverkehr steigt deutlich wieder an

Von der Investmentbank UBS ausgewertete Daten zeigen, dass rund um die Welt die Passagierzahlen im öffentlichen Verkehr seit dem Einbruch Mitte März stagnieren oder sogar weiter nach unten weisen. Die Verkehrsdichte an Autos hingegen zeige leichte Erholungstendenzen mit fortschreitender Dauer des Lockdown oder beginnender Lockerung. In Deutschland ist sogar eine klare V-Form mit deutlichem Anstieg des Autoverkehrs zu erkennen, inzwischen gerät das Normalniveau wieder in Sicht.

Nur könnten gar nicht alle mit dem Auto zu ihrem Büroarbeitsplatz fahren, wenn eines Tages alle Homeoffices aufgegeben werden - dafür reicht in den Metropolen schlicht nicht der Platz. U- und S-Bahnen waren vor Corona die Voraussetzung, dass der Nahverkehr in den Städten nicht zusammenbrach.

"Wir müssen die Autos aus den Städten holen", sagt selbst der frühere Opel-Chef Karl-Thomas Neumann im Interview mit dem "Handelsblatt". Man dürfe nicht in alte Denkmuster zurückfallen, es brauche intelligente Konzepte für die Zeit nach Corona.

Individualverkehr: Neuer Raum für Radfahrer und Fußgänger

Wie die aussehen können, zeigen Städte wie Paris, Mailand oder Madrid, wo die noch leeren Straßen genutzt werden, um neuen Raum für Radfahrer und Fußgänger zu schaffen. "Strade Aperte" (offene Straßen) heißt das vielbeachtete Programm in Mailand, wo beispielsweise auf der Hauptachse Corso Buenos Aires während des Sommers beidseitig Autospuren umgewidmet werden.

"Wir haben jahrelang gearbeitet, um Autoverkehr zu begrenzen", zitiert der "Guardian" Mailands Vizebürgermeister Marco Granelli. "Wenn jeder Auto fährt, gibt es keinen Platz für Menschen, keinen Platz sich zu bewegen, keinen Platz für Handel außerhalb der Läden. Natürlich wollen wir die Wirtschaft wieder öffnen, aber wir denken, wir sollten das auf einer anderen Basis als zuvor tun." Mailand müsse sich "neu erfinden". Was man vorher als neue Mobilität für 2030 erdacht habe, werde jetzt eben 2020 umgesetzt.

"Wenn alle wieder Auto fahren, wird das ein Albtraum"

In Paris ist es unter anderem die zentrale Ost-West-Verbindung Rue de Rivoli, wo Radfahrer und Fußgänger mehr Platz bekommen, Autofahrer sich aber mit je einer Spur pro Fahrtrichtung begnügen müssen. Neben der Symbolik dient das auch der Virusbekämpfung - auf engen Rad- und Fußwegen lässt sich kaum der nötige Abstand einhalten.

"Wenn alle wieder Auto fahren, wird das ein Albtraum", sagte Chefstadtplaner Jean-Louis Missika der "Financial Times". Erstmal würden die Autospuren nur temporär gesperrt. Doch "unser geheimer Traum ist, dass das Temporäre permanent wird", sagte Missika gar nicht so geheim.

Für die Bahnfahrer haben die Franzosen die Öffnung unter die Bedingung strikter Abstandsregeln gestellt. Jeder zweite Sitzplatz etwa muss freigehalten werden - gegen den Protest der Bahnbetriebe, die mit dauerhaft noch höheren Verlusten als ohnehin schon rechnen. Auch die Deutsche Bahn kämpft um mehrere Milliarden neuer Zuschüsse, allein um die vielen fast leeren Fahrten zu finanzieren - von neuen Investitionen in die Verkehrswende ganz zu schweigen.

Das Beispiel Paris zeigt aber auch: Im Zentrum gelingt es zwar weitgehend, die Metro mit Abstand zu benutzen, weil viele mit dem Rad fahren oder weiterhin von zu Hause arbeiten. Für die Vorstadtpendler aber bedeutet Öffnung zwangsläufig, dass sie sich eng in die Schnellzüge pressen müssen. Coronavirus hin oder her.

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