TV-Interview zur Ukraine-Krise Putin nennt Sanktionen des Westens "völlig inadäquat"

Im ersten Interview mit einem deutschen Fernsehsender seit langem hat Wladimir Putin das Vorgehen Russlands in der Ukraine verteidigt. Die Reaktion des Westens nannte er "völlig inadäquat".
Wladimir Putin mit ARD-Reporter Hubert Seipel (r.): "Wenn wir Vorwürfe hören, Russland hätte gegen das Völkerrecht verstoßen, dann empfinde ich nur eins - Verwunderung."

Wladimir Putin mit ARD-Reporter Hubert Seipel (r.): "Wenn wir Vorwürfe hören, Russland hätte gegen das Völkerrecht verstoßen, dann empfinde ich nur eins - Verwunderung."

Foto: Mikhail Klementyev/ dpa

Hamburg - Der russische Präsident Wladimir Putin bezeichnet die Sanktionen des Westens gegen Russland als "völlig inadäquat". In einem Interview mit der ARD  sagte er: "Wenn wir Vorwürfe hören, Russland hätte gegen das Völkerrecht verstoßen, dann empfinde ich nur eins - Verwunderung."

Das russische Vorgehen auf der Krim sei vergleichbar mit der Unabhängigkeit des Kosovo: In Fragen der Selbstbestimmung sei nicht die Regierung zu fragen, sondern das Volk selbst, sagte Putin. "Und nichts anderes, als das, was auch im Kosovo passierte, passierte auch auf der Krim. Ich bin fest davon überzeugt, dass Russland gegen das Völkerrecht in keiner Weise verstoßen hat."

Putin rechtfertigte außerdem das militärische Vorgehen in der Ukraine: "Unsere Streitkräfte, sagen wir es offen, haben die ukrainischen Streitkräfte blockiert, die auf der Krim stationiert waren." Dies sei geschehen, "um Blutvergießen zu vermeiden", sagte er, trotz der inzwischen mehreren tausend Toten des Konflikts.

Waffenlieferungen räumte Putin nicht ein: "In der modernen Welt werden Menschen (...) immer Waffen finden." Stattdessen bezichtigte er die ukrainische Armee, im Osten des Landes Raketen einzusetzen.

Putin spricht von Tendenzen zum "Neonazismus" in der Ukraine

Die Ukraine sei "ein großes europäisches Land mit einer europäischen Kultur", sagte Putin - deutete dann jedoch an, es könne Tendenzen zum "Neonazismus" geben: "Wir sind sehr besorgt, dass der Wunsch aufkommen könnte, dort ethnische Säuberungen durchzuführen." Auf Helmen von Kampfeinheiten seien SS-Symbole gesehen worden, behauptete Putin.

Ähnliche Vorwürfe hatte es in der Ukraine-Krise immer wieder gegeben. Beide Seiten warfen sich gegenseitig Gräueltaten vor. Mittlerweile haben Menschrechtler Beweise dafür zusammengetragen, dass beide Konfliktparteien Kriegsverbrechen begangen haben. Die Arbeit der Aktivisten entlarvte die Propaganda aus Moskau und Kiew.

Das Interview war vor einigen Tagen geführt, aber erst an diesem Sonntag in voller Länge ausgestrahlt worden.

Erneut warnte Putin darin den Westen vor Sanktionen gegen Russland: "Das wird früher oder später nicht nur bei uns, sondern auch bei Ihnen Auswirkungen haben." Zu eng seien die russische und die deutsche Wirtschaft miteinander verflochten, sagte Putin. Würden die finanziellen Möglichkeiten der russischen Banken eingeschränkt, könnte Unternehmen in Russland das Geld für ihre Kooperation mit deutschen Unternehmen fehlen.

Den G20-Gipfel in Brisbane hatte Putin am Sonntag vorzeitig verlassen. Schon im Vorfeld hatte er sich kritisch geäußert: "Die Entscheidungen, Diskussionen auf diesen Foren sind nicht verbindlich und werden oft leider nicht eingehalten." Russische Medien berichteten, dass der Präsident mit dem Verlauf des Gipfels unzufrieden sei.

Gleichzeitig gab sich Putin im ARD-Interview optimistisch. Die Einschränkungen würden Russland Anreize schaffen, betroffene Waren selbst zu produzieren. "Es lebt sich so bequem, wenn wir nur verkaufen, wenn wir nur daran denken müssen, mehr Öl und Gas zu fördern, und man den Rest kaufen kann. Dieses Leben gehört teilweise jetzt schon der Vergangenheit an." Technisch sei Russland bereit.

ts/isa
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