Dienstag, 21. Mai 2019

Notenbank hebt Zins nicht an und folgt Erdogan Türkische Lira erholt sich vom Absturz kaum

Türkische Lira: Die Währung hat im Vergleich zu anderen Währungen rasant an Wert verloren

Investoren haben nach der Entscheidung der türkischen Notenbank der türkischen Lira den Laufpass gegeben. Die Währung kann sich am Mittwoch nur leicht von den Absturz des Vortags erholen.

Die türkische Lira hat sich am Morgen nur in sehr geringem Umfang von den deutlichen Vortagesverlusten erholt. Die türkische Notenbank hatte am Dienstag trotz einer extremen Schwäche der Landeswährung Lira und einer galoppierenden Inflation überraschend von einer weiteren Leitzinsanhebung abgesehen.

"Gar nichts zu tun war Wasser auf die Mühlen derjenigen, die die Unabhängigkeit der Zentralbank bereits beschädigt sehen", kommentierte Commerzbank-Devisenexperte Ulrich Leuchtmann. Die Abwertung am Dienstag sei daher nicht übertrieben gewesen, sondern als moderat anzusehen.

Die Notenbank hatte mit ihrer Entscheidung, den Schlüsselzins bei 17,75 Prozent zu belassen, Forderungen von Präsident Recep Tayyip Erdogan entsprochen. Der türkische Präsident ist ein erklärter Gegner der hohen Zinsen.

Der geldpolitische Entscheid hatte am Dienstag Schockwellen an den türkischen Finanzmärkten ausgelöst. Die Landeswährung und die Istanbuler Börse stürzten ab. Der Dollar verteuerte sich um bis zu 4,3 Prozent auf 4,9373 Lira. Der Aktienleitindex steuerte mit einem Minus von mehr als fünf Prozent auf den größten Tagesverlust seit zwei Jahren zu.

"Zwar ist die Zentralbank nominell unabhängig, aber es ist unwahrscheinlich, dass diese Entscheidung nicht politisch beeinflusst wurde", sagte Paul McNamara, der beim Vermögensverwalter GAM Investments in London für Schwellenländer zuständig ist. Der Schaden durch eine schwächere Lira sei viel größer als es eine Zinsanhebung gewesen wäre.


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Devisenstratege Piotr Matys von der Rabobank sagte, der Beschluss sei angesichts der beschleunigten Inflation enttäuschend. Die Lira gerate damit wieder unter Verkaufsdruck.

Die Zinssitzung der Notenbank war die erste seit der Wiederwahl von Erdogan. Volkswirte hatten mit einer Anhebung gerechnet. Denn die Inflation lag im Juni mit etwa 15,4 Prozent so hoch wie seit 14 Jahren nicht mehr. Der türkische Finanzminister Berat Albayrak, ein Schwiegersohn des Präsidenten, kündigte am Dienstag entschlossene Schritte zur Bekämpfung der Inflation an.

Staatspräsident Erdogan hatte angekündigt, eine stärkere Kontrolle über die Zentralbank auszuüben, und den hohen Leitzinsen den Kampf angesagt. Seine wiederholte Kritik an der Zinspolitik hatte bei Investoren Sorgen ausgelöst, die Unabhängigkeit der Notenbank könnte ausgehebelt werden. Mit den nun geltenden Verfassungsänderungen hat Erdogan mehr Macht als je ein Staatschef in der Türkei vor ihm. So kann er beispielsweise mit Dekreten teilweise das Parlament umgehen.

rei/Reuters

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