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Putsch in der Türkei: Die Bilder der Nacht

Foto: HUSEYIN ALDEMIR/ REUTERS

Viele Tote und Verletzte nach Putschversucht Die Türkei stürzt ins Chaos

In der Türkei hat es einen Putschversuch aus Reihen des Militärs gegeben. Nach gewaltsamen Konflikten in Ankara und Istanbul mit Dutzenden von Toten und einer über Stunden unklaren Entwicklung erklärte die Regierung am frühen Samstagmorgen, sie habe die Situation weitgehend unter Kontrolle.

Ein Putschversuch von Teilen der Armee hat die Türkei ins Chaos gestürzt. Nachdem eine Gruppe von Militärs am Freitagabend die Übernahme der Macht verkündet, das Kriegsrecht verhängt und eine Ausgangssperre ausgerufen hatten, rief Präsident Recep Tayyip Erdogan seine Anhänger auf, zu Gegendemonstrationen auf die Straße zu gehen. In Istanbul eröffneten Soldaten das Feuer auf Regierungsanhänger, in Ankara wurde das Parlament bombardiert - wer die Macht im Land hatte, war zunächst unklar.

Ein "Rat für den Frieden im Land" verkündete am Freitagabend im Fernsehen, die Armee habe "die Macht im Land in ihrer Gesamtheit übernommen". Damit sollten "die verfassungsmäßige Ordnung, die Demokratie, die Menschenrechte und die Freiheiten" im Land gewährleistet werden, hieß es in der Erklärung. Auch die öffentliche Ordnung solle wiederhergestellt werden.

Erdogan sprach in einer Videoübertragung per Smartphone von einem "Aufstand einer Minderheit in der Armee" und kündigte "sehr starke Gegenmaßnahmen" an. Die "Putschisten" würden keinen Erfolg haben, sagte Erdogan dem Sender CNN-Türk. Der Staatschef rief die Bevölkerung auf, sich auf öffentlichen Plätzen und an den Flughäfen zu versammeln, um sich der versuchten Machtübernahme entgegenzustellen.

Samstagmorgen: Präsident Tayyip Erdogan gibt eine Pressekonferenz, in deren Verlauf er die Aufständischen des Hochverrats beschuldigt und harte Strafen ankündigt

Samstagmorgen: Präsident Tayyip Erdogan gibt eine Pressekonferenz, in deren Verlauf er die Aufständischen des Hochverrats beschuldigt und harte Strafen ankündigt

Foto: HUSEYIN ALDEMIR/ REUTERS

An einer der beiden teilweise gesperrten Bosporus-Brücken in Istanbul eröffneten Soldaten wenig später das Feuer auf demonstrierende Regierungsanhängern. Mehrere Menschen wurden verletzt. Auch am Atatürk-Flughafen und auf dem Taksim-Platz versammelten sich hunderte Anhänger Erdogans, während zugleich auch Befürworter des Staatsstreichs auf die Straße ging.

Im Zentrum von Ankara waren heftige Explosionen und Schüsse zu hören, während Kampfflugzeuge und Militärhelikopter über der Stadt kreisten. Medienberichten zufolge wurde das Parlament bombardiert. Aus dem Umfeld des Präsidialamts verlautete, Kampfflugzeuge hätten einen Helikopter der Putschisten abgeschossen. Medienberichten zufolge wurden in Ankara 42 Menschen getötet, darunter auch Zivilisten.

"Ein idiotischer Versuch, der zum Scheitern verurteilt war"

Während in Ankara noch Explosionen zu hören waren, meldete der Militärgeheimdienst MIT bereits eine Rückkehr zur Normalität. Praktisch zur gleichen Zeit versicherte auch Ministerpräsident Binali Yildirim, die Lage sei wieder "weitgehend unter Kontrolle". Er sprach von einem "idiotischen" Versuch, der "zum Scheitern verurteilt" gewesen sei.

Am frühen Morgen landete dann das Flugzeug von Präsident Erdogan am Atatürk-Flughafen in Istanbul, wo er von einer jubelnden Menschenmenge empfangen wurde. Er war im Urlaub in Marmaris an der Mittelmeerküste, als der Putsch begann. Bei einer Pressekonferenz warf er den Putschisten vor, kurz nach seiner Abreise sein Hotel bombardiert zu haben.

Lesen Sie hier das Protokoll aus der Nacht

Erdogan machte die Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen für den Putsch verantwortlich und drohte, sie würden "einen hohen Preis für diesen Verrat zahlen". Die Gülen-Bewegung distanzierte sich jedoch von dem Putschversuch. "Wir verurteilen jede militärische Intervention in die Innenpolitik der Türkei", schrieb die Bewegung in einer Erklärung an die Nachrichtenagentur AFP.

Gülen-Bewegung distanziert sich vom Putschversuch

Ministerpräsident Yildirim wies das regierungstreue Militär an, die von den Putschisten gekaperten Flugzeuge und Hubschrauber abzuschießen. Medienberichten zufolge wurde der Generalstabschef Hulusi Akar von den Putschisten als Geisel genommen. Erdogan sagte, er wisse nicht, wo sich der Armeechef befinde.

US-Präsident Barack Obama stellte sich hinter Erdogan und rief zur Unterstützung der demokratisch gewählten Regierung auf. Er appellierte an alle Seiten, "Gewalt und Blutvergießen zu vermeiden". Auch die Bundesregierung sicherte der Regierung ihre "Unterstützung" zu. "Die demokratische Ordnung in der Türkei muss respektiert werden", betonte Regierungssprecher Steffen Seibert.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte die schnelle und friedliche Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung. Eine "militärische Einmischung in die Angelegenheiten eines Staates ist nicht akzeptabel", erklärte Ban. Die EU-Führung betonte in einer gemeinsamen Erklärung, sie unterstütze uneingeschränkt die demokratisch gewählte Regierung, die Institutionen und die Rechtsstaatlichkeit in der Türkei.

Das türkische Militär hat in der Vergangenheit bereits mehrfach die Macht an sich gerissen, um die säkularen Grundlagen des Staates zu verteidigen. Erdogan wurde 2003 Ministerpräsident und ist seit 2014 Staatsoberhaupt der Türkei. Er strebt eine größere Machtfülle für das Präsidentenamt an.

rei/AFP/Reuters
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