Türkei Proteste lassen Börsen abstürzen

In der Türkei gehen die Massenproteste gegen Recep Tayyip Erdogan weiter. In Ankara riegelte die Polizei den Amtssitz des Regierungschefs ab, in der Hafenstadt Izmir brannten Büros der Regierungspartei AKP. Die türkischen Börsen stürzten ab.
Barrikaden: In Istanbul lieferten sich Demonstranten und Polizei Straßenschlachten

Barrikaden: In Istanbul lieferten sich Demonstranten und Polizei Straßenschlachten

Foto: GURCAN OZTURK/ AFP

Istanbul/Ankara - Die Massenproteste in der Türkei schickten die türkischen Börsen auf Talfahrt. Der Istanbuler Aktienindex fiel um bis zu 8,1 Prozent auf ein Drei-Monats-Tief von 79.047,74 Punkten. Anleger trennten sich auch von türkischen Staatsanleihen und der Währung des Landes. Die Renditen der zehnjährigen Bonds stieg daraufhin auf 7,12 Prozent von 6,84 Prozent am Vortag. Ein Dollar war mit 1,9005 Lira zeitweise so teuer wie zuletzt im Dezember 2011.

Die Türkei erlebt die schwersten Proteste seit gut einem Jahrzehnt. In der Nähe des Amtssitzes von Ministerpräsident Erdogan ging die Polizei übereinstimmenden Agenturberichten zufolge bis Montagfrüh mit Wasserwerfern und Tränengas gegen rund 1000 Demonstranten vor. In einer nahe gelegenen Moschee versorgten angehende Ärzte verletzte Protestierende.

Ein Demonstrant steuerte nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters mit einem Kleinbagger auf Polizisten zu, die die Straße zu Erdogans Amtssitz abriegelten. Im Stadtzentrum durchkämmte die Polizei ein Einkaufszentrum, in dem Regierungsgegner vermutet wurden. Hunderte Menschen wurden festgenommen.

AKP-Büros brennen

In der Millionenmetropole Istanbul versammelten sich Demonstrationen in der Nähe von Erdogans Büro und riefen: "Diktator, tritt zurück! Wir wehren uns, bis wir gewinnen." Protestierende errichteten Barrikaden aus Bushaltestellen und Straßenschildern. Das Straßenpflaster wurde aufgerissen. Die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein. Auch auf dem mehrere Kilometern entfernten Taksim-Platz gingen die Proteste weiter.

In der Hafenstadt Izmir setzten Protestierer Büros der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP in Brand.

Die Proteste hatten ursprünglich am Dienstag mit Kundgebungen gegen ein Bauprojekt in einem Park unweit des Taksim-Platzes begonnen. Nach einem als unverhältnismäßig kritisierten Einsatz der Polizei nahmen sie inzwischen aber eine allgemein regierungskritische Wendung und weiteten sich auf das ganze Land aus.

Nach Angaben von Innenminister Muammer Güler wurden seit Dienstag 235 Kundgebungen in 67 Städten registriert. Seit Freitag wurden demnach mehr als 1700 Menschen festgenommen, von denen aber ein Großteil nach kurzer Zeit wieder freikam. Laut Güler wurden 58 Zivilisten und 115 Sicherheitskräfte verletzt. Die Ärztegewerkschaft von Ankara sprach dagegen von hunderten Verletzten.

Erdogan will Moschee bauen lassen

Außenminister Ahmet Davutoglu rief zu einem Ende der Proteste auf. Sie könnten das "Ansehen" des Landes in der Region und der Welt beschädigen, warnte er auf dem Internet-Kurznachrichtendienst Twitter.

Erdogan räumte am Wochenende ein, dass die Polizei in einigen Fällen "extrem" reagiert habe. Gleichzeitig aber bekräftigte er, an dem Bauvorhaben in Istanbul festhalten zu wollen. Zudem kündigte der Regierungschef, dem die Demonstranten auch eine "Islamisierung" der Gesellschaft vorwerfen, den Bau einer Moschee auf dem Taksim-Platz an. "Ja, wir werden eine Moschee bauen. Und dafür werde ich weder die Opposition noch eine paar Plünderer um Erlaubnis fragen", sagte er am Sonntag. Diese habe er bereits von seinen Wählern, fuhr er fort.

Die Europäische Union verurteilte das gewaltsame Vorgehen der türkischen Polizei gegen die Demonstranten. EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton kritisierte in einer Erklärung den "unverhältnismäßigen Einsatz von Gewalt durch Mitglieder der türkischen Polizei". Sie äußerte "Besorgnis" angesichts der Eskalation bei den Protesten. Beide Seiten müssten in Dialog treten, um eine "friedliche Lösung" des Konflikts zu finden. In Israel und Griechenland kam es zu Solidaritätskundgebungen. Auch in Weimar versammelten sich rund 50 Studenten im Stadtzentrum zu einer Unterstützungsaktion für die Demonstranten in der Türkei.

ts/rtr/afp
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