Wirtschaftskrise in der Türkei Erdogan bestellt Theologen als Wirtschaftsberater

Schwache Lira und Rekord-Inflation von 25 Prozent strangulieren Konsum und Wachstum in der Türkei. Der IWF senkt seine Prognose für das Land dramatisch. Externen Rat lehnt Präsident Erdogan ab, holt sich einen Theologieprofessor als Wirtschaftsberater. Sein Schwiegersohn soll jetzt mit einem Programm die Krise bekämpfen. Doch das entpuppt sich vor allem als Drohgebärde gegenüber Unternehmen im Land.
"Wir helfen uns selbst": Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei

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Das wäre dramatisch für die Türkei: Angesichts der schwachen Lira, gestiegener Kreditkosten und der schwächelnden Verbrauchernachfrage erwartet der IWF für 2019 nur noch 0,4 Prozent Wachstum in der Türkei - das sind sage und schreibe 3,6 Prozentpunkte weniger als noch im April prognostiziert. Die türkische Wirtschaft bleibe "höchst anfällig" für geopolitische Risiken oder plötzliche Veränderungen von Kapitalströmen, begründete der Internationale Währungsfonds am Dienstag seine radikal gesenkte Wachstumsprognose.

Die hohe Inflationsrate von aktuell 25 Prozent setzt den Türken und der Wirtschaft stark zu, schnürt den Konsum zusehends ab, weil weder die Löhne der Beschäftigten noch die Einnahmen der Firmen Schritt halten können. Lebensmittel und Energie werden für viele Menschen in der Türkei immer weniger erschwinglich.

Die Lust auf größere Anschaffungen wie ein neues Auto scheint erst recht vergangenen zu sein. Die Zahl der neu zugelassenen Pkw brach im August um die Hälfte ein. Die Auto-Produktion stürzte fast im Gleichklang um 42 Prozent ab, berichtet das "Handelsblatt"  (€) unter Berufung auf eine Studie des Car-Instituts der Uni Duisburg-Essen. Das bekämen vor allem Renault, Toyota, Hyundai und Fiat zu spüren - die wichtigsten Autoproduzenten in der Türkei.

Erdogan holt Theologieprofesser in Wirtschaftsausschuss

Erdogan lehnt in der Krise eine Unterstützung durch externe, professionelle Berater ab, empfindet sie offenbar eher als Einmischung in innere Angelegenheiten. Mit der Unternehmensberatung McKinsey werde man nicht zusammenarbeiten, intellektuelle Beratung benötige die Regierung nicht. "Wir helfen uns selbst", verkündete Erdogan kürzlich.

Wie das aussehen könnte, demonstrierte er diesen Dienstag: Der allmächtige Präsident berief mehrere seiner engsten Berater und einen Theologieprofessor in einen neuen Ausschuss für Wirtschaftspolitik - ein Gremium, das letztlich auch ausländische Investoren beruhigen soll. Dass dies der Türkei unter Erdogan gelingen wird, bezweifeln Beobachter.

'Eine große Chance vertan" - Unternehmen sollen Preise "freiwillig" senken

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"Große Chance vertan", kritisierte der Wirtschaftswissenschaftler Timothy Ash von BlueBay Asset Management etwa die Berufung von Theologieprofessor Servet Bayindir, der sich auf "Islamic Finance" spezialisiert haben soll.

Dabei verfüge die Türkei über einige "erstklassige Ökonomen und Banker". Auch hätten einige internationale Experten dem Ausschuss mit neuen Ideen mehr Glaubwürdigkeit verleihen können. Das werde derzeit dringend gebraucht, sagte Timothy Ash dem englischsprachigen Dienst der Nachrichtenagentur Reuters.

Erdogans Schwiegersohn ohne echten Plan gegen galoppierende Inflation

So ruhten am Dienstag die Hoffnungen auch auf Finanzminister Berat Albayrak. Der Minister und Schwiegersohn Erdogans wollte am Nachmittag eigentlich ein Programm zur Bekämpfung der hohen Inflation in seinem Land vorstellen. Allzu sehr ging er dabei mit seinen Vorschlägen nicht auf Konfrontationskurs zu seinem Schwiegervater. Dieser hatte schon seinen Vorschlag vom Tisch gewischt, die Berater von McKinsey in den Regierungspalast zu lassen.

Tatsächlich beschränkte sich dann Albayraks Vorstellung im Kern darauf, die Unternehmen aufzufordern, die Preise "freiwillig" um 10 Prozent zu senken. Dabei weiß der Minister den Präsidenten zweifelsfrei hinter sich.

Hatte Erdogan doch zuvor angekündigt, im Kampf gegen die hohe Inflation, die Unternehmen direkt zur Rechenschaft ziehen zu wollen und im gleichen Atemzug Strafen für "Opportunisten" angekündigt, die den drastischen Verfall der türkischen Lira zur Durchsetzung höherer Preise genutzt haben sollen.

Nun müssen nach einer umfangreichen Marktanalyse des türkischen Staates Hunderte Unternehmen gegenüber dem Handelsministerium steigende Preise für ihre Produkte oder Dienstleistungen ausführlich begründen.

Das alles habe mit einem Eingriff in die freie Marktwirtschaft selbstverständlich nichts zu tun, versicherte Ankara.

mit Reuters
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