Prognosen zu BIP und Arbeitslosigkeit So schwarz sehen Volkswirte für die deutsche Wirtschaft

Autobau bei Daimler in Sindelfingen: Die Arbeitslosigkeit dürfte im Zuge der Corona-Krise drastisch steigen.

Autobau bei Daimler in Sindelfingen: Die Arbeitslosigkeit dürfte im Zuge der Corona-Krise drastisch steigen.

Foto: Sebastian Gollnow / DPA

Die Volkswirte führender deutscher Finanzinstitute sehen durch die Corona-Krise die deutsche Wirtschaft in Teilen aus den Angeln gehoben. "Die Corona-Krise stellt alles in den Schatten", sagte Katharina Utermöhl von der Allianz-Gruppe in einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur. Sie sagt für das Jahr 2020 einen Einbruch der Wirtschaftsleistung um 8,9 Prozent voraus. Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg sieht den Rückgang bei 8,4 Prozent. Die Deutsche Bank bleibt zunächst bei ihrer Prognose eines noch vergleichsweise moderaten Rückgangs des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um 5,3 Prozent für das laufende Jahr.

Die Arbeitslosigkeit wird nach Erwartung der Volkswirte deutlich steigen. Die prognostizierten Spitzenzahlen für das laufende Jahr schwanken in den einzelnen Vorhersagen leicht: Allianz-Volkswirtin Utermöhl rechnet mit einem Höchststand von knapp unter drei Millionen bei 2,967 Millionen Menschen ohne Job, IAB-Wissenschaftler Weber geht davon aus, dass es sogar über drei Millionen werden können. Marc Schattenberg von der Deutschen Bank gibt sich etwas optimistischer und rechnet in der Spitze mit 2,7 Millionen Arbeitslosen in Deutschland. Die Bundesagentur für Arbeit gibt an diesem Donnerstag ihre Arbeitsmarktzahlen für April bekannt - den ersten Monat, in dem die Krise voll gegriffen hat.

Angesichts einer Rekordzahl von Unternehmen, die Kurzarbeit angemeldet haben, sagte Schattenberg: "Es würde mich nicht wundern, wenn die Zahl der Kurzarbeiter auf über sechs Millionen steigt." Utermöhl geht sogar von bis zu sieben Millionen Kurzarbeitern in der Spitze aus - beides wäre ein einsamer Rekord. Die bisher Höchstzahl war im Mai 2009 mit 1,44 Millionen Kurzarbeitern erreicht worden.

"Der Arbeitsmarkt steht im Bann der Corona-Krise, und das wird das ganze Jahr über so bleiben", sagte Fritzi Köhler-Geib, Chefvolkswirtin der staatlichen KfW-Gruppe, die derzeit stark an der Krisenfinanzierung von Unternehmen beteiligt ist. "Geschäftsschließungen, Einschränkungen im Geschäftsbetrieb, ausbleibende Nachfrage, unterbrochene Lieferketten und Reisebeschränkungen verstärken sich in ihrer Wirkung und haben eine tiefe weltweite Rezession ausgelöst", sagte Köhler-Geib.

Bei den Staatsschulden droht ein Problem

Nach den Worten Utermöhls droht angesichts der enormen staatlichen Eingriffe ein Problem bei den Staatsschulden. Deutschland steuere auf ein Defizit von 7 Prozent zu, bei einer Gesamtverschuldung von 72 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Dies reißt zwar deutlich die Maastricht-Kriterien der Europäischen Union, wirkt aber im Vergleich zu anderen Ländern - Italien sitzt auf einem Schuldenberg von 169 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung - vergleichsweise moderat.

Trotz aller Nachholeffekte glaubt die Volkswirtin nicht, dass die Wirtschaft das Gesicht von vor der Krise zurückerlangt. "Ganz die alte Form wird unsere Wirtschaft vermutlich nie wieder erlangen, denn die Covid-19-Krise wird auch bleibende Spuren hinterlassen", sagte Utermöhl. Trends der letzten Jahre könnten sich verstärken: Neben höheren Schulden oder niedrigeren Zinsen auch mehr Protektionismus und eine nachhaltig größere Rolle des Staates. "Die Covid-19-Krise dürfte zudem angesichts teils dauerhaft geänderter Gewohnheiten - etwa was das Einkaufen, Arbeiten und Lernen angeht - auch der Digitalisierung einen kräftigen Schub geben."

Vermutlich keine hohe Inflation

Immerhin: Ungeachtet gigantischer Staatsausgaben rechnen Ökonomen in der Corona-Krise vorerst nicht mit einem Inflationsschub - eher im Gegenteil mit sinkenden Preisen. Ein wesentlicher Faktor dabei ist der Absturz der Ölpreise, so die Einschätzung mehrerer Volkswirte.

"Angesichts der Schwere der aktuellen Rezession und vor dem Hintergrund des ausgesprochen starken Ölpreisverfalls sollte die Konsumentenpreisinflation im Jahresdurchschnitt 2020 deutlich niedriger ausfallen als im Vorjahr", sagt Michael Menhart, Chefvolkswirt des weltgrößten Rückversicherers Munich Re. "Ich vermute, dass die Corona-Krise eher zu einer Deflation führen wird", meint Markus Demary, Senior Economist für Geldpolitik und Finanzmärkte am Institut der Deutschen Wirtschaft Köln.

"Kurzfristig dürfte die Covid-19 Krise eher deflationär wirken", nimmt auch Katharina Utermöhl an, für Europa zuständiger Senior Economist der Allianz. Europas führender Versicherer erwartet für 2020 im Euroraum eine extrem niedrige Preissteigerung von 0,2 Prozent, für 2021 eine Inflationsrate von 1,6 Prozent.

cr/dpa
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