mm enthüllt: die Slow-Down-Papers Siemens, Schalke, BER - Deutschland lindnert, wo es kann

Sondierungs-Stopp mit Vorbildfunktion: FDP-Chef Christian Lindner setzt Maßstäbe

Sondierungs-Stopp mit Vorbildfunktion: FDP-Chef Christian Lindner setzt Maßstäbe

Foto: ODD ANDERSEN/ AFP

Das konnte ja nichts werden. Nach nur viereinhalb Wochen Sondieren war das Aus für Jamaika zwangsläufig. Jetzt nimmt man sich endlich Zeit, bis eine neue Regierung steht. Gut so. Man muss die Dinge auch reifen lassen. Sonst wird noch etwas fertig. Termingerecht. Oder, noch schlimmer, vorzeitig. Man kennt das aus dem Kreditgewerbe: Die Vorfälligkeitsentschädigung kann teuer werden.

Jetzt schon hat Deutschland weltweit den besten Ruf. Mit welchem Streber-Bashing müssten wir leben, wenn hier auch noch alles rechtzeitig zum Abschluss gebracht werden würde? Aber wir haben ja, dem Herrn sei's getrommelt und gepfiffen...

... die Deutsche Bahn.

Der Ausbau der Rheintalbahn hat sich nach dem Tunneldesaster, vorbildlich, vorbildlich, um zwei Jahre verzögert. Wer nach Sylt einpendelt, sollte besser schwimmen. Auf einer Regionalstrecke konnte ein Ast nicht beseitigt werden, weil sich das zuständige Stellwerk weigerte, den Strom abzustellen... bis nicht ein entsprechendes Fax (ja, hier steht in der Tat: Fax!!!) eingegangen wäre. Bei einem technisch bedingten Zugtausch finden sich ICE-Reisende plötzlich in einem IC wieder, in dem sämtliche Toiletten in einer kongenialen Koinzidenz (manche sprechen gar von Magie) defekt sind. Die Zugführerin hält außerplan-und notdurftmäßig in Ludwigslust (ja, hier steht in der Tat: Ludwigslust!!!), damit die WCs am Bahnsteig benutzt werden können. Die Frau muss italienische Wurzeln haben, so viel Improvisationskunst ist im hiesigen Bahn-Kosmos normalerweise nicht vorgesehen. Dass die Vorstandsbesetzung erst im dritten Anlauf klappte, passt ins Bild. Nur nichts überstürzen.

... Siemens.

Wird nie fertig. Der Konzern ist eine Baustelle, ist eine Baustelle... Im Prinzip schon seit Werner von Siemens und Johann Georg Halske. Also praktisch, seitdem es ihn gibt. Unternehmensteile werden von hier nach dort geschoben, danach geht es in die entgegengesetzte Richtung. Es wird fusioniert, abgespalten, wiedervereinigt. Ein ewiger Kreislauf des strategischen Hin und Her. Investmentbanker und Wirtschaftsanwälte zünden jeden Tag Kerzen in Münchens Frauenkirche an, dass das auch so bleibt.

... Schalke 04.

Der Verein wartet seit mehr als einem halben Jahrhundert auf eine weitere Meisterschaft. Schalke-Präsident Clemens Tönnies, für seine Kompromissfähigkeit bis zur Schmerzgrenze [und darüber hinaus] gefürchtet, will sondieren, mit dem Uli [Hoeneß/ Bayern], dem Aki [Watzke/ Dortmund] und dem Didi [Mateschitz/ Leipzig], unter welchen Bedingungen die sich darauf einlassen würden. Tönnies bietet an, die rauchigsten zehn Stadionwurstbuden bis 2020 stillzulegen. Von einer Einigung sind alle vier Parteien weit entfernt, bis dato gibt es noch zu viele eckige Klammern.

... die HSH Nordbank.

Der Wiedergänger des Geldgewerbes. Wird nie ganz verschwinden. Selbst, wenn sie verkauft werden sollte. Die Steuerbürger haben die HSH-Milliarden noch Jahrzehnte in der Bilanz. Das Geld fehlt woanders. Jeder, der auf schleswig-holsteinischen Rüttelstrecken unterwegs ist, sozusagen im Land zwischen den zwei Schlaglöchern, weiß, wem er das zu verdanken hat.

... die Elbvertiefung.

Naturschützer klagten, dann die Stadt Cuxhaven, Fischer, Jäger, ein Campingplatzbetreiber. Sollten alle verlieren, soviel ist gewiss, finden sich neue Kläger. Die Elbe soll tiefer gelegt werden, und was ist mit Unstrut, Enz und Nahe? Diskriminierungsverfahren vor dem EuGH sind kaum zu verhindern. Gut so. Sonst wird das Projekt noch, fünfeinhalb Jahre nach Planfeststellung, ratzfatz angegangen.

... den BER.

Sollte der Hauptstadtflughafen jemals abflugbereit sein, muss sofort wieder sondiert werden, wie man ihn erweitern kann, weil er dann schon zu klein sein wird. Irgendwo im Brandenburgischen wurde die Langsamkeit entdeckt. In dieser Beziehung ist der BER Deutschlands Vorzeigevorhaben. Weiter so.

... die Bundeswehrreform.

Immer wieder versucht, immer Stückwerk geblieben. Super. Auch nach von der Leyen wird der nächste Verteidigungsminister sie motiviert angehen, die dann ultimative Umgestaltung der Truppe. Bis dann dessen Nachfolger wiederum einen Torso übernimmt. Stillgestanden!

... die deutsche Warenhaus AG.

X-fach probiert, nie etwas draus geworden. Schon 2008 wollte der damalige Arcandorchef Middelhoff Kaufhof übernehmen. Ein Jahr später der damalige Metroboss Cordes Karstadt. 2015 war der Kaufhofbesitzer Benko zur Stelle. Und nun der nächste Vorstoß. Bis der scheitert und der übernächste folgt. Erstklassig: eine unendliche Nicht-Liefer-Kette.

... Leute wie Georg Fahrenschon.

Der pünktliche Steuerzahler ist der Dumme. Wer seine Erklärungen länger liegen lässt, wie guten Wein, steht am Ende besser da. Sich nicht jedes Jahr der gleichen Prozedur zu unterziehen, ist nicht nur ökonomisch sinnvoll. Daraus kann sich auch ein veritables Fiskaltrauma entwickeln, in der Psychoanalyse auch als "Anlage-N-Syndrom" bekannt.

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