Mittwoch, 8. April 2020

Hängepartie in Jekaterinburg Schach-Kandidatenturnier wegen Corona-Krise abgebrochen

Entscheidung vertagt: Die Großmeister Vachier-Lagrave (l.) und Caruana bei der Arbeit - das Kandidatenturnier in Russland wurde jetzt abgebrochen.
imago images/ITAR-TASS
Entscheidung vertagt: Die Großmeister Vachier-Lagrave (l.) und Caruana bei der Arbeit - das Kandidatenturnier in Russland wurde jetzt abgebrochen.

Ein Einstieg frei nach der berühmten Einleitungssequenz der Asterix-Comics bietet sich an: Wir befinden uns im Frühjahr 2020, sämtliche Sportveranstaltungen weltweit wurden wegen der Ausbreitung des Coronavirus abgesagt. Sämtliche Sportveranstaltungen? Nein! Ein mit unbeugsamen Schachspielern besetztes Kandidatenturnier um die Teilnahme an der kommenden Weltmeisterschaft hört nicht auf, dem weltweiten Ausnahmezustand Widerstand zu leisten.

Jedenfalls bislang. Anderthalb Wochen lang spielten die Großmeister im russischen Jekaterinburg unverdrossen ihre Partien, während um sie herum die Corona-Krise immer weitere Kreise zog. Treibende Kraft waren dabei weniger die Spieler selbst. Aus ihren Reihen kamen vielmehr vermehrt kritische Töne. Schon im Vorfeld war das Festhalten des Welt-Schachverbandes Fide an dem Turnier auf Widerspruch gestoßen. Doch der Verband blieb lange stur.

Nun hat die Fide das Kandidatenturnier aber doch abgebrochen. Der Grund: Inzwischen ist die Corona-Krise auch in Russland angekommen. Das Land stellt beispielsweise den Flugverkehr mit anderen Ländern ein. "Die Fide kann das Turnier ohne Garantien für die sichere und rechtzeitige Rückkehr der Spieler und Offiziellen nach Hause nicht fortsetzen", schreibt daher die Fide in einer Mitteilung. Das Turnier werde zu einem späteren Zeitpunkt fortgesetzt. Genaue Termine würden so schnell wie möglich mitgeteilt, wenn es "die globale Situation der Covid-19-Pandemie erlaubt", hieß es.

Beim Kandidatenturnier sollte bis zum 3. April der Herausforderer von Weltmeister Magnus Carlsen ermittelt werden. Sieben von 14 Runden sind bereits gespielt. Das Turnier soll beim aktuellen Stand später fortgesetzt werden.

Zurzeit führen der Franzose Maxime Vachier-Lagrave und Ian Nepomniachtchi aus Russland das Turnier mit je 4,5 Zählern punktgleich an. Der Amerikaner Fabiano Caruana, der bereits 2018 im WM-Match gegen Carlsen antrat und unterlag, und der auch diesmal wieder als Favorit unter den Kandidaten gehandelt wird, liegt gegenwärtig mit 3,5 Punkten auf dem geteilten dritten Platz.

Bereits vor dem Turnier hatten sich Spieler darüber beklagt, dass trotz der Coronavirus-Pandemie an der Austragung festgehalten wurde. Der Aserbaidschaner Teimour Radjabov hatte aus Sorge sogar kurzfristig seine Teilnahme abgesagt, wodurch Frankreichs Vachier-Lagrave als Nachrücker überhaupt erst ins Teilnehmerfeld gelangte. Während des Kandidatenturniers forderte unter anderem der erfahrene russische Großmeister Alexander Grischuk, zurzeit ebenfalls 3,5 Punkte, den Abbruch. Caruana und Nepomniachtchi sprachen über die belastende Atmosphäre.

Nepomniachtchi hatte zudem bereits am ersten Tag des Turniers für Aufsehen gesorgt, als er zu Beginn seiner Partie gegen Anish Giri aus den Niederlanden dem früheren russischen Weltmeister Anatoli Karpow, der den zeremoniellen "ersten Zug" ausgeführt hatte, den Handschlag verweigerte - eine Entscheidung, die im Kontext der Corona-Krise allerdings schon zu der Zeit durchaus nachvollziehbar erschien.

Fide-Direktor Emil Sutovsky hatte einen Abbruch des Turniers als "schweren Schlag" für die "gesamte Schachwelt" zunächst abgelehnt. Die Fide sehe ihre Verantwortung darin, das Turnier durchzuführen und gleichzeitig die Spieler zu schützen. Nun entschied sich der Weltverband doch für den Abbruch, allerdings - so zumindest die offizielle Begründung - nicht wegen der Sorge der Spieler um ihre Gesundheit, sondern weil sie nach dem Turnier womöglich nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren könnten.

Das Duell um die Weltmeisterschaft mit Carlsen sollte voraussichtlich im Dezember in Dubai stattfinden. Offiziell bestätigt ist der Termin noch nicht. Angesichts der Unterbrechung des Kandidatenturniers könnte sich nun auch das WM-Match verschieben.

cr/spon/ptz

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