Am Ende des Tages Post-trumpatischer Schock

Nicht von jedem geliebt: Der künftige US-Präsident Donald Trump

Nicht von jedem geliebt: Der künftige US-Präsident Donald Trump

Foto: Evan Vucci/ AP

Ab sofort schaue ich morgens nicht mehr auf mein Smartphone. Das böse Ding schockt mich jeden Tag mit Horrornachrichten, die mir meine gewöhnlich so sonnige Laune verhageln und meinen kreativen Geist lähmen.

Am Mittwoch früh teilte es mir rücksichtslos und knallhart mit, dass Donald Trump US-Präsident wird. Am Donnerstag kam die Meldung, dass die Geschichte, die ich für das nächste gedruckte manager magazin (erscheint am 18. November randvoll mit tollen, spannenden, superaktuellen Stories) schreiben wollte, eine alter Hut und damit ein Fall für den Mülleimer ist. Und heute früh erreicht mich dann die dringende Aufforderung, diese Glosse zu schreiben.

Wie soll mir denn unter diesen unzumutbaren Umständen irgendetwas auch nur semi-amüsantes oder gar süffisant-spritziges einfallen? Leute, ich leide unter einer schweren post-trumpatischen Belastungsstörung und abgrundtiefem Jobfrust. Und mal ganz abgesehen von meinem angeschlagenen Seelenzustand, was kann ein armer Schreiberling heute, zwei Tage nach dem T-Day noch zu dem Gruselclown, der bald ins Weiße Haus einzieht, in die Tasten hacken. Schließlich soll der Text ja irgendwie überraschend, witzig oder geistreich sein.

Hey, es ist wirklich restlos alles gesagt und geschrieben, mehrstündige Brennpunkte sind gesendet. Ich weiß alles über den Kleidungsstil von First Lady Melania sowie die Unarten der zukünftigen First Kids. Jedes Zitat von The Donald ist bereits fett gedruckt und ausführlich und von jedem denkbaren Blickwinkel aus kommentiert.

Aber mich einfach über irgendein anderes Thema beömmeln - das geht doch auch irgendwie nicht. Schließlich hat sich gerade unser geschundener Heimatplanet - mal wieder - radikal verändert, der schöne Kontinent Europa zeigt sich völlig aufgewühlt und es steht nicht weniger als ein Weltbeben bevor (danke, Kollege Steingart, für diese herrlich alarmistische Wortschöpfung. Es geht also doch was Humoristisches).

Wie könnte ich mich da jetzt beispielsweise über die Autos der Zukunft lustig machen, die genau zuhören, was ihre Insassen so daher plappern. Um dann - kaum fällt das Wort "Müde" oder "Hunger" - sofort zu blöken: "Ich fahr Dich gleich in 200 Metern mal raus zu Meckie und Du holst Dir nen Burger" oder "Bei Nespresso ums Eck gibt's für Dich die Kapseln heute 50 Cent billiger. Hab Dir schon nen Parkplatz reserviert".

Künstliche Erregung über solcherlei Lappalien (Datenschutz, Privatsphäre, Ökonomisierung aller Lebensbereiche, Macht der Konzerne etc. pp.) wäre doch wirklich völlig unangemessen angesichts der angsterregenden Verwerfungen des weltpolitischen Gefüges: Unser armes kleines Europa umzingelt von bösen Mächten: Trump, Putin, Erdogan. Und selbst die zerbröselnde EU unterwandern immer mehr Rechtspopulisten. Angesichts solch existenzieller Bedrohungen erscheint mir jede Lebensäußerung jenseits von Abscheu und Entsetzen wie hirnloses Geblubbere. Und das kann ich nun wirklich nicht bringen.

Obwohl, halt. Warum eigentlich nicht einfach mal ohne Nachdenken losquasseln, also lostippen meine ich natürlich. Schließlich kann man mit dem hemmungslosen Heraus-Twittern von widersprüchlichen, idiotischen, uninformierten, ja richtiggehend absurd falschen 140-Buchstaben-Sprüchen POTUS werden. Ich meine, wenn die Ansprüche an einen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika nicht höher sind, warum sollte ich meine eigene Messlatte über Teppichbodenflor legen. Trump avanciert mit sexistischen und chauvinistischem Wortmüll zum Präsidenten. Da werde ich noch mit völliger Einfallslosigkeit und ohne jegliche Recherche ein paar Zeilen zustande bringen.

Bekanntlich leben wir ja in der post-faktischen Ära. Da kann sich jeder seine eigene Realität zusammendichten. So wie es gerade die Anleger in aller Welt tun. Die picken sich aus den erratischen Äußerungen von Trump das heraus, was ihnen Gewinn zu versprechen scheint. Die Bauindustrie legt zu, denn der zukünftige Präsident will Milliarden in die tatsächlich marode Infrastruktur der USA pumpen. Die Pharmakonzerne können fettere Profite machen, wenn Obama-Care abgeschafft wird. Oder sie verdienen zumindest prächtig an all den Anti-Depressiva, die sich die Demokraten jetzt einwerfen müssen. Die Rohstoffwerte sollten steigen, weil er jetzt erstmal das ganze Weiße Haus vergolden lassen wird. Kein Wunder also, dass der Dow Jones nach einem klitzekleinen Schock-Absacker am Mittwoch früh schnell auf neue Rekordhöhen stieg.

Sind also womöglich die ganzen Ängste und Befürchtungen völlig unnötig? Wenn sich die Kurse so positiv entwickeln, ist dann nicht Trump genau der richtige Mann für diese Zeit? Die Regierungschefs der Welt scheinen das jedenfalls so zu sehen und wünschen dem President-Elect unisono viel Erfolg. Wahrscheinlich ordern sie auch schon mal jede Menge Valium, um Verhandlungen mit ihm ohne Nervenzusammenbruch zu überstehen. Wenn das kein Anlass zu weiterem Optimismus für die Pharmariesen ist.

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