Freitag, 29. Mai 2020

Am Ende des Tages Opa, der Umweltheld

Ortsübliche Autobahn: Derartige Straßen sind inzwischen nicht nur Orte der Fortbewegung, sondern auch Schlachtfelder in einem Glaubenskrieg.
Moritz Frankenberg / dpa
Ortsübliche Autobahn: Derartige Straßen sind inzwischen nicht nur Orte der Fortbewegung, sondern auch Schlachtfelder in einem Glaubenskrieg.

Es gibt ja bedeutend mehr elektrisierende Pläne als leibhaftige Elektroautos auf den Straßen. VW will in sternenferner Zukunft zig Millionen Autos auf der neuen E-Plattform zusammenstöpseln. Ein fertigungstechnisches Bravourstück, bestenfalls vergleichbar mit der Komplexität eines Lego-Phantasy-Kastens samt Ü100-seitiger Bauanleitung. Und der Branchenzauberer Elon Musk hat bekanntlich vor, seine vierte Gigafactory ausgerechnet in den märkischen Sand zu setzen, was schon ein bisschen nach einem Harry-Potter-Plot klingt (die pünktliche Fertigstellung kann noch scheitern, weil auf die Brutzeit von Einhörnern, Irrwichten und Knuddelmuffs Rücksicht genommen werden muss).

Auch die Justiz kommt am E-Thema längst nicht mehr vorbei. Die Kölner Staatsanwaltschaft musste sich mit 200 Strafanzeigen gegen das Umweltsau-SUV-Lied des WDR auseinandersetzen, von "ehrlich erzürnten" Senioren samt Kindern und Enkeln. Getreu der publizistischen Priorisierung wurden die Cum-ex-Fälle erst einmal zur Seite gelegt.

Kurzum: Die Gesellschaft erbebt ob der E-Debatte. Man ist versucht, von Hysterie zu sprechen, würde der Begriff nicht als Unwort des Jahres lingualpolizeilich verfolgt. Gegen E-Autos darf man ohnehin nicht viel sagen (etwa, dass sie noch mit Kohlestrom fahren). Mit kaum einem Thema macht man sich in der Bluthochdruck-Mail-Szene so unbeliebt, nur vergleichbar mit dem Vorschlag, bei der nächsten Feier im Waldorfkindergarten - aus geschmacklichen, nicht ideologischen Erwägungen -, auf Dinkel-Vollkorn-Waffeln zu verzichten. Dass das E-Auto auch im Einsteinschen Sinne besonders herausfordernd ist, haben die Grünen, nach hitzigen internen Debatten, jüngst herausgefunden: E-Autos mit 130 km/h sind tatsächlich genauso schnell wie Benziner oder Diesel, die mit der gleichen Geschwindigkeit unterwegs sind.

Viele Vorhaben, viele Vorurteile, noch mehr Visionen: Deshalb hier mal ein Bericht aus dem täglichen E(r)-Leben, im Wesentlichen auf Hörensagen gestützt:

Neulich, auf einer viel befahrenen Landstraße…

Gretchen, aus der Rücksitzschale: "Warum fährst du kein Elektroauto, Opa, sondern einen Stinker?" Opa: "Aber Schatz, den Opel-Corsa gab es nun mal nicht als E-Auto, als ich ihn gekauft habe." Er weiß, das ist eine billige Ausrede, als sei man auf dieses Modell auf ewig fixiert, aber erst einmal herrscht Ruhe im Fond. Für das Wochenende wird ein Besuch angekündigt. Die Tochter will Gretchen mit dem Auto vorbeibringen.

Samstags, auf einem viel beschlafenen Sofa…

Ein Nickerchen mit Albtraumphase: Der ökologische Fußabdruck ist hinter einem her. So schnell man auch läuft, er holt beständig au. Der Ruf "Planet positive!" dröhnt in den Ohren. Nein, es ist doch das Telefon.

Tochter und Enkelin seien auf dem Weg. Alles bestens. Allerdings: Das Ladekabel für das E-Auto haben sie vergessen. So könnte es heikel werden mit der Rückfahrt der Tochter. Ob Opa ihnen eventuell auf halber Strecke entgegenkommen könnte. Sie melden sich noch einmal, wann und wo am besten die Übergabe stattfindet, vielleicht auf einem Parkplatz an der A1.

Enkelin-Übergabe auf einem düsteren, schlecht beleuchteten Parkplatz? Opa sieht sich schon als Kinderhändler in Ketten (der Albdruck wirkt nach!). Er holt trotzdem schon mal den Wagen (vulgo: Stinker) aus der Garage. Ist getankt? Natürlich. Auch das gegenwärtige Vermüllungsniveau bietet keinen großen Anlass zur Sorge. Ein bräunliches Apfelgehäuse, eine repräsentative Ansammlung norddeutschen Laubes, ein halbes Pfund Ostseesand - alles Bio. Und überhaupt, das ist doch ein herzerwärmendes Szenario: Ein Verbrenner (mit Helfersyndrom) rettet ein E-Auto vor dem akuten Batteriestillstand - Opa, der Umweltheld!

Guten Gewissens legt er sich wieder aufs Sofa. Kurz, bevor der Footprint auf Augenhöhe ist, klingelt es erneut - gottseidank, das war knapp.

Ja, sie schaffen es wohl so gerade mit der Batterieladung. Allerdings: Die Heizung musste ausgeschaltet werden. Ob Opa vielleicht, für beide, jeweils eine Wärmflasche… Die Stimme klingt etwas zittrig.

Aber klar. Er holt schon mal den Wasserkocher aus der Küchen-Garage… äh…-ablage. Überlegt kurz, in welchem Maße er mit dieser Aktion zur Erderwärmung beiträgt (man muss die Footprint-Geister ja nicht unnötig reizen!). Beruhigt sich gleich wieder, weil das heiße Wasser schließlich in ein geschlossenes Ökosystem gefüllt wird (den Verschluss fest zudrehen!) und somit nicht in die Atmosphäre entweichen kann.

Als Fazit bleibt festzuhalten: Mit dem E-Auto lassen sich selbst im Winter recht beachtliche Strecken zurücklegen - in Kombination mit der ein oder anderen Wärmflasche.

Epilog:

Der technologische Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Der Elektro-Hummer kommt, das dazugehörige Großkraftwerk wird an die Anhängerkupplung angeflanscht. Die Wiener denken über die Einführung eines E-Fiakers nach, die unverzichtbaren Pferdeäpfel kämen dann aus dem 3-D-Drucker. Und eine Zwei-Staaten-Lösung zur allgemeinen Car-Befriedung steht in Aussicht: E-Schnurrer und V-Auspuffer im Win-Win. Für die deutsche Hauptstadt hieße das: Verbrennern bliebe leider nur ein Vorort von Ost-Berlin. Deal? Mal sehen.

Eine gute Nachricht zum Schluss: Noch im Frühjahr will Opel die ersten E-Corsa ausliefern, der Einstieg in den Massenmarkt. So jedenfalls der Plan.

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