Donnerstag, 14. November 2019

Öko-Maut, Doppelkopf- oder Mau-Mau-Maut - egal Ist die Maut doch noch zu retten?

Nicht gleich aufgeben: Maut-Minister Scheuer am Tag der Niederlage.
Sina Schuldt/ DPA
Nicht gleich aufgeben: Maut-Minister Scheuer am Tag der Niederlage.

Man könnte jetzt einfach sagen: Schluss, Ende, Aus mit der Pkw-Maut. Derlei Abruptes würde vielleicht noch in der Greta-Welt funktionieren. Aber Realpolitik geht nun mal anders. Die CSU, die löwengleich für die Abgabe gekämpft hat, hätte einen solch schnellen Tod ihres Lieblingsprojekts auch nicht verdient. Arbeit muss sich schließlich lohnen, sei sie auch so sinnstiftend wie das Servieren veganer Haxn oder Ochsenfetzn auf dem Oktoberfest.

Dringend empfohlen deshalb, dem Zeitgeist des Hinhaltens und Verzögerns entsprechend: Lasst uns über einen fachgerechten Ausstieg (mit sämtlichem Zubehör) reden. Meinetwegen auch verbunden mit einer Umwidmung als Öko-Maut, intelligente Maut, Doppelkopf- oder Mau-Mau-Maut - egal, Hauptsache Maut. "Denkverbote darf es nicht geben", sagt CDU-Vize Thomas Strobl. Recht hat der Mann. Bloß keine voreiligen Schlüsse.

Die Task force von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer war schon ein vielversprechender Beginn. Jetzt muss das volle Programm her. Kommissionen und Quatsch-Runden, weltanschaulich breit besetzt, mit Delegierten des fahrenden Volkes, PS-starken Pfarrern wie bretternden Gewerkschaftsbonzen. Mit mehreren Aus- und Umstiegsszenarien, 1-A-Öffnungsklauseln selbstredend. Natürlich brauchen wir auch ein Waldstück, sagen wir in Homberg an der Efze, das für Zahlstationen gerodet werden soll. Mit einer flugs herbeigeschafften seltenen Fledermausart, die sich sofort behaglich und auf Dauer im örtlichen Forst einrichtet. Mit Baumhäusern samt vermummten Bewohnern. Ein Demo-Wohlfühl-Resort, all inclusive, gehört zu einem professionellen Ausstieg halt dazu.

Wir haben schließlich hinlänglich bewiesen, dass wir es können. Der Abschied von Atom und Kohle ging ratzfatz, hat zielgenau und zum allgemeinen Wohlbefinden hingehauen. Getreu der Logik eines hochrangigen Klimapolitikers: "Wer irgendwo einsteigen will, muss vorher auch irgendwo ausgestiegen sein." Oder so ähnlich.

Auch die nächste schleichende Loslösung ist weiter fortgeschritten, als man gemeinhin denkt. Den Ausstieg aus dem… (wer hat diesen Begriff eigentlich zu verantworten?) …Kükentöten scheint auf bestem Weg. Den will die Koalition mit einem entschlossenen "Jetzt-aber!" vorantreiben. Auch hier gilt die Atom- und Kohle-Causa als Vorbild. Wichtige Details zeichnen sich schon ab:

-Die acht schmutzigsten Brutmeiler werden stante pede vom Legehennennetz genommen. Als Sofortmaßnahme auf einen Vorfall, der sich im japanischen Fukushima ereignet hat. Dort sind drei Hühner durchgebrannt. Schlicht fortgelaufen, behauptet der Betreiber. Auf dem Rost elendig verkohlt, glauben Hendl-Schützer mit einem heimlich gedrehten Grillvideo beweisen zu können.

-Aktivisten planen drastisch aktive Aktionen, organisiert von "Ende Gegacker". Die Graspickinitiative, ein Spin-off der rheinischen Ende-Gelände-Bewegung, wird vom Verfassungsschutz beobachtet (weil sie sich bevorzugt für Braungefiederte einsetzt).

-Das bald serienreife Zweinutzungshuhn (legt Eier und liefert Fleisch) soll großzügig gefördert werden, nach den Bestimmungen des GEG (Gute-Eier-Gesetz): Stangensitzumlage, Bodenhaltungsentgelt, Hahn-kräht-auf-dem-Mist-Steuer, Hackordnungsgebühr. Nicht zu vergessen die Non-offshore-Abgabe, als Ausgleich dafür, dass Küken nicht aufs offene Meer schwimmen sollen. Dass ein Ei demnächst 4 Euro 50 kostet, ja, das muss es uns wert sein. Der Eierlikör wird der neue Lagavulin.

-Die Subventionsgegner verbreiten bösartige (Halb-)Wahrheiten, den Anfeindungen gegen die Radioaktivität durchaus verwandt: Hühner fressen Steine, damit sie ihr Futter besser verdauen können. Sie können ohne Kopf überleben (ein Pionier namens Mike soll es auf anderthalb Jahre gebracht haben). Sie verhüten, in dem sie das Sperma eines ungeliebten Galans einfach wieder ausstoßen. Ach ja, und immer noch hält sich die Mär (den Pfandbrief-Werbefüchsen sei's gedankt), dass Hühner goldene Eier legen können. Na klar, und der Schnelle Brüter ist in Wahrheit ein Hochleistungshuhn, haha!

-Regionen mit Kükentöt-Clustern fordern schlanke 40 Milliarden Euro Strukturhilfen (die bekämen die Bergbauländer schließlich auch) und warnen: Man müsse höllisch aufpassen, dass die Schredderszene nicht ins Ausland abwandert. Nach Frankreich zum Beispiel. Auf diese Weise hätten wir schon die Schlüsselindustrie der Froschschenkelfrittierer verloren.

-Ronald Pofalla, nach erfolgreichem Kohleeinsatz nun auch Vorsitzender der KTK (Kükentötkommission), wird - völlig zurecht - für das Bundesverdienstkreuz im Eierwärmer vorgeschlagen. So richtig in Fahrt, wirft er weitere Szenarien über den ovalen Tisch: Den Ausstieg aus der Nutella-Produktion (wegen chronischer Streikgefahr); über ein Nussendlager müsse dringend nachgedacht werden. Den Ausstieg aus der Kapitalismus-Ausstiegs-Debatte; er wolle demnächst mit SPD-Küken Kevin Kühnert reden. Eher langfristig zu bearbeiten: Der Ausstieg aus der SPD-Personaldiskussion (sehr dickes Brett!), der Exit aus dem Brexit-Exit (inklusive Rückkehr von Theresa May).

Tja, läuft für die Ausstiegsbranche.

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