Die Wirtschaftsglosse Twitter, Tee und Telefondiplomatie

In der Türkei schaltet Premier Erdogan Twitter ab. In Washington testet die US-Regierung neue Smartphones. Der Zusammenhang ist doch am Ende des Tages offensichtlich!
"Klar kann der Kollege unsere alten Telefone haben": Die Twitter-Experten Obama (r.) und Erdogan bei einem Treffen in Washington

"Klar kann der Kollege unsere alten Telefone haben": Die Twitter-Experten Obama (r.) und Erdogan bei einem Treffen in Washington

Foto: MANDEL NGAN/ AFP

Der türkische Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, 60, befindet sich derzeit im Wahlkampf. Seinen Widersachern würde er gerne gegenübertreten wie richtigen Kerlen, beispielsweise im Nationalsport Öl-Ringen. Aber die Gegenseite ist verweichlicht. Alles Leute, die vegetarischen Döner essen und keine Schnurbärte tragen.

Verstecken sich im Internet und nutzen modernes Teufelszeug wie die sozialen Medien. Dort versuchen Feiglinge seit Wochen mit kompromittierenden Videos, Erdogan Korruption anzuhängen.

Korrupt? Erdogan? Unverschämtheit!

Wie gut, dass sich der Vorsitzende der islamisch-konservativen "Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung" der Türkei auch mit fortschrittlicher Technik auskennt. Jedenfalls soweit, dass er sie abschalten kann. Twitter ist in Erdogans Reich seit Freitagmorgen erstmal nicht mehr erreichbar.

So drastisch der Schritt erscheinen mag, überraschend daran ist eigentlich nur die Überraschung darüber, die es mancherorts offenbar gibt. Tatsächlich stand die Türkei noch nie im Verdacht, Informations- und Meinungsvielfalt über die Maßen wichtig zu nehmen. Auf der "Rangliste der Pressefreiheit", die die Organisation Reporter ohne Grenzen regelmäßig erstellt, verteidigt das Land derzeit Platz 154 von 180, noch hinter dem Irak oder Myanmar. Tendenz: Eindeutig fallend.

Ein paar Männer Mitte 50, bei einem Gläschen Tee, hinten in der Ecke eines schummrigen Kulturclubs mit verdunkelten Scheiben, das ist offenbar Erdogans Vorstellung von zeitgemäßer Kommunikation. Da braucht es nicht viel Phantasie, um seine nächsten Schritte vorherzusehen:

  • Abschaltung von Facebook, Youtube und Whatsapp
  • Keine E-Mails und SMS mehr
  • Verbot des Buchdrucks
  • 24-Stunden-Nonstop Galatasaray gegen Besiktas im Staatsfernsehen

Und:

  • Am 29. Oktober, dem Nationalfeiertag, werfen alle Türken gemeinsam ihre Smartphones in den Bosporus

Wobei Smartphones, da kommen die USA ins Spiel. Das Verhältnis der beiden Länder gilt ja als tief zerrüttet, seit US-Präsident Barack Obama es 2012 wagte, während eines Telefonats mit Erdogan einen Baseballschläger zur Hand zu nehmen  (wahrscheinlich wollte Obama, übrigens 42,1 Millionen Follower bei Twitter, nur verhindern, dass ihn der Türke für einen verweichlichten Vegetarier hielt).

Just heute wird jedoch bekannt, dass die US-Regierung den Kollegen in Ankara bei deren Bemühungen um Modernisierung offenbar tatkräftig zur Seite stehen will. Wie das "Wall Street Journal" berichtet, testet das Weiße Haus Smartphones von Samsung und LG, als Ersatz für die bislang verwendeten Blackberrys.

Was die Zeitung nicht erwähnt: Die Amerikaner haben bereits Kontakt zu Erdogan aufgenommen. Sie würden ihm die nicht mehr benötigten Blackberry-Geräte ("tolle Technologie, sehr guter Zustand, wie neu") gerne zur Verfügung stellen, so die Botschaft. Zudem seien beim Frühjahrsputz im Weißen Haus einige weitere Utensilien aufgetaucht, die die Türken interessieren könnten, wie zum Beispiel:

  • ein Schwarz-Weiß-Röhrenfernsehgerät aus den 60er Jahren
  • ein VHS-Videorekorder
  • zwei Betamax-Videorekorder
  • eine Nähmaschine mit Fußpedal
  • ein Abakus
  • verschiedene Hieb und Stichwaffen aus dem Sezessionskrieg ("zur Verstärkung der türkischen Streitkräfte")
  • drei Telefone mit Kabel und Wählscheibe
  • diverse Faxgeräte
  • eine Postkutsche, Baujahr 1843

Noch gibt es aus Ankara keine Antwort. Das muss aber nichts bedeuten, die Poststelle in Erdogans Regierungssitz macht freitags schon gegen 14 Uhr Feierabend.

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