Bittere Reformen Südeuropa erwacht aus dem Krisenkoma

Die Reformen in den südeuropäischen Krisenländern beginnen zu greifen: Löhne und Produktionskosten sind stark gesunken, die Wettbewerbsfähigkeit steigt. Deutsche Unternehmen entdecken Südeuropa als Beschaffungsmarkt wieder - mancher tauscht sogar bereits chinesische gegen südeuropäische Zulieferer aus.
Verladung in Italiens größtem Containerhafen Gioia Tauro: Südeuropa will jetzt mehr exportieren

Verladung in Italiens größtem Containerhafen Gioia Tauro: Südeuropa will jetzt mehr exportieren

Foto: REUTERS

Hamburg - Vor der Krise, erinnert sich Dirk Zimmermann, musste man schon Glück haben, wenn italienische Firmen auf die Anfrage nach einem Angebot überhaupt antworteten. Zimmermann ist Geschäftsführer der AZ Gruppe, eines mittelständischen Herstellers von Leitungstechnik mit Sitz im Taunus. "Wir hätten schon vor Jahren einige Rohmaterialien und Bauteile gerne in Italien bestellt. Gerade in Norditalien gibt es viele interessante Zulieferer, der Markt ist für uns attraktiv."

Aber wenn er dort kleinere Mengen anfragte oder spezielle Wünsche hatte, kam oft gar keine Reaktion, nicht einmal eine Absage, erinnert sich Zimmermann. Der Service ließ zu wünschen übrig - und kam dann doch ein Angebot, waren die Preise oft kaum konkurrenzfähig.

Viele Rohmaterialien und Bauteile für seine Armaturen, Leitungen und Ventile ließ Zimmermann deshalb bis vor kurzem vor allem aus China liefern. Oder aber er produzierte selbst in seinen Tochterfirmen in Osteuropa und Großbritannien. "Vor der Krise war es preislich völlig uninteressant, zum Beispiel Messingteile in Südeuropa einzukaufen", sagt Zimmermann. "Mit den Preisen der Asiaten konnte kaum einer der dortigen Zulieferer konkurrieren." Das habe sich allerdings inzwischen geändert, berichtet der Mittelständler: "Plötzlich bekommen wir Angebote, die preislich mithalten können", sagt Zimmermann.

Italienische Unternehmen sind flexibler geworden

"Die Italiener sind flexibler, zuverlässiger und suchen aktiv nach neuen Kunden. Das Servicelevel ist auf einmal ein ganz anderes", sagt Zimmermann. Es sei deutlich spürbar, dass viele südeuropäische Firmen jetzt auf den deutschen Markt wollen. "Die Krise hat die Unternehmer dort wachgerüttelt", sagt Zimmermann. "Für uns ist das ein großer Vorteil, denn Qualität und Erreichbarkeit sind hier viel besser. Wir können schneller und flexibler auf Kundenwünsche reagieren, wenn wir nicht in Asien bestellen müssen, sondern im Nachbarland fündig werden."

Wie Zimmermann machen inzwischen viele deutsche Unternehmen die Erfahrung, dass sich in Südeuropa etwas tut. Nachdem die Schuldenkrise und die harten Einschnitte und Kürzungen zunächst zu einer regelrechten Schreckstarre geführt hatten, zu Insolvenzen und Finanzierungsengpässen, berappeln sich nun viele Unternehmen wieder - und werden als Kunden, Geschäftspartner und Zulieferer auch für deutsche Unternehmen wieder interessanter.

Das Misstrauen auf Seiten der deutschen Unternehmer ist allerdings noch groß: Ende 2012 gaben die Finanzchefs mittelgroßer Unternehmen in einer Umfrage an, Griechenland sei eines der drei riskantesten Länder für Investitionen weltweit. Auch Spanien schaffte es in die Top Ten der riskantesten Investitionsstandorte. Laut einer Studie der Commerzbank rechnen 81 Prozent der Mittelständler infolge der Schuldenkrise mittelfristig mit einer schwachen Konjunktur im Euro-Raum, 88 Prozent stellen sich darauf ein, dass die Wachstumsaussichten in Europa langfristig begrenzt sind.

Die große Mehrheit der Unternehmer will deshalb ihre Aktivitäten jenseits der Euro-Zone ausbauen. Doch die Abkehr von Europa könnte verfrüht sein - denn die Reformen in den Rettungsschirm-Ländern scheinen sich langsam auszuzahlen.

Europa ist nach wie vor der wichtigste Beschaffungs- und Absatzmarkt

Zeichen für eine Verbesserung: Die Arbeitskosten sanken 2012 in Spanien um 0,2 Prozent, in Griechenland sogar um ganze elf Prozent, in Portugal um 8,7 Prozent. In vielen osteuropäischen Ländern und auch in Deutschland stiegen die Arbeitskosten im selben Zeitraum deutlich an. Die südeuropäischen Unternehmen gewinnen dadurch an Wettbewerbsfähigkeit.

Und sie beginnen offenbar, diesen Vorteil auch auszuspielen, berichtet Thanh-Duy Tran, Partner der Einkaufsberatung Kloepfel Consulting in Düsseldorf. "Vor fünf Jahren wäre das noch kaum denkbar gewesen. Aber Spanien, Portugal und Italien können jetzt als Beschaffungsmärkte für viele Produkte mit Osteuropa mithalten", berichtet Tran. "Das Schöne daran für die deutschen Unternehmen ist: Dadurch, dass Südeuropa jetzt auch mehr exportieren will und muss und wettbewerbsfähiger wird, hat Osteuropa mehr Wettbewerb und auch dort werden Preise attraktiver." Länder wie Polen, die in den vergangenen Jahren recht teuer geworden seien, stünden jetzt stärker unter Druck, attraktive Angebote zu machen.

Sogar gegen die asiatischen Anbieter könnten sich Südeuropäer inzwischen oftmals durchsetzen, sagt Tran. "In vielen Projekten für unsere Kunden merken wir konkret: Wir bekommen viele sehr gute Angebote aus Südeuropa, die unterm Strich günstiger sind als eine Bestellung in Asien." Gerade bei kleineren Bestellungen lohne sich der Aufwand für die Beschaffung in Asien oft nicht. "Die Risiken und der bürokratische Aufwand wiegen den Kostenvorteil oft auf", sagt Tran. "Wir haben einen Kunden, der pro Jahr Abermillionen für patentrechtliche Belange ausgeben muss, um seine Produkte in Asien zu schützen. Das wiegt ein Preisvorteil von zehn Prozent nicht auf."

Langsam, aber sicher aus dem Krisen-Tief

Für viele deutsche Unternehmen ist Europa ohnehin nach wie vor wichtigster Beschaffungs- und Absatzmarkt. Sie sind erleichtert, dass sich ihre südeuropäischen Geschäftspartner langsam aber sicher aus dem Krisen-Tief herausarbeiten. "Die Lage in Südeuropa ist nach wie vor schwierig für die Unternehmen dort, ohne Wenn und Aber", sagt etwa Renate Pilz, Geschäftsführerin der gleichnamigen Unternehmensgruppe. Das 1700 Mitarbeiter starke Unternehmen mit Hauptsitz im baden-württembergischen Ostfildern ist auf Automatisierungslösungen spezialisiert.

Rund 40 Prozent des Umsatzes macht Pilz in den europäischen Nachbarstaaten. "Wir stellen fest, dass die Unternehmen in den Krisenländern alles tun, um trotz der schwierigen Situation zu beweisen, dass sie verlässliche Partner sind", sagt die Unternehmerin. "Bei aller berechtigten Sorge um diese Länder macht es Hoffnung, wenn man sieht, wie sich die Unternehmen dort gegenseitig helfen und mit aller Kraft darum kämpfen, wieder Fuß zu fassen."

So habe beim letzten Besuch der schwäbischen Unternehmerin in Spanien etwa ein spanischer Maschinenhersteller berichtet, dass viele seiner Zulieferer im Land keine Kredite von den angeschlagenen Banken bekommen - obwohl sie volle Auftragsbücher haben. "Der Unternehmer hat ihnen kurzerhand selbst Kredit gegeben, damit alle pünktlich liefern können und den Engpass überstehen", berichtet Pilz.

Ihr eigenes Unternehmen profitiert sogar davon, dass südeuropäische Unternehmen jetzt verstärkt an ihrer Wettbewerbsfähigkeit feilen: "Die schwierige wirtschaftliche Situation bremst zwar die Investitionen in neue Maschinen", erklärt die Unternehmenschefin. "Gleichzeitig steigt aber die Nachfrage nach Automatisierungs-Lösungen, mit denen sich Effizienz und Sicherheit von vorhandenen Maschinen und Anlagen steigern lassen." Die Unternehmen seien zwar oft noch nicht wieder voll ausgelastet. "Viele nutzen die Zeit aber, um Qualität und Effizienz zu verbessern. Wille und Weitblick, um die Wende zu schaffen, sind da."

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