Donnerstag, 18. April 2019

Ray Dalio und Jamie Dimon Wall-Street-Milliardäre rufen nach der Sozialdemokratie

Ray Dalio

Irgendetwas läuft schief, wenn Systemkritik von den führenden Köpfen des Systems kommt. Innerhalb einer Woche haben der Chef der größten US-Bank und der Gründer der größten Hedgefonds-Gesellschaft Streitschriften verfasst, in denen sie vor "Revolution" und "Sozialismus" warnen und Reformvorschläge machen, um Amerikas Kapitalismus vor sich selbst zu retten.

Jamie Dimon (63), seit 2006 an der Spitze von JPMorgan Chase, Bestverdiener an der Wall Street und inzwischen Milliardär, nutzte den Jahresbericht seiner Bank zu einem 50-seitigen Brief an die Aktionäre über die politische Weltlage.

Ray Dalio (69), mit seiner Hedgefonds-Firma Bridgewater ebenfalls noch spitze im Geldverdienen und persönlich 18 Milliarden Dollar schwer, legte in zwei Posts auf LinkedIn seine Analyse der gesellschaftlichen Krise dar. Er selbst habe einfach Glück gehabt, schreibt Dalio, der mit 12 sein erstes selbst verdientes Geld an der damals boomenden Börse investierte - als Kind aus wohlgehüteten Verhältnissen. Der Kapitalismus sei der beste denkbare Motivator, funktioniere aber für die Mehrheit in Amerika nicht mehr.

Als Investor sehe er, dass "das Geld sich an der Spitze staut" - zu viel für die wenigen, zu wenig für die vielen. Dalio schreibt von "sich selbst verstärkenden Spiralen: aufwärts für die Besitzenden, abwärts für die Besitzlosen". Das sprenge nicht nur den sozialen Zusammenhalt, sondern wirke auf Dauer auch unproduktiv. Wenn in den kommenden Jahren keine Koalition zwischen Kapitalisten und Sozialisten gelinge, um gerechtes Wachstum zu sichern, "werden wir irgendeine Art von Revolution erleben, die praktisch jedem schadet".

Sozialismus? Revolution? In Donald Trumps Amerika 2019?

Jamie Dimon scheint dieselbe Sorge umzutreiben. "Die gesellschaftlichen Bedürfnisse von zu vielen unserer Bürger werden nicht erfüllt", moniert die Leitfigur der Wall Street. Dimon eröffnet eine lange Liste von Amerikas Problemen, von ineffektiven Schulen über das überbordende Gefängnissystem und das Einwanderungsrecht bis zu überschuldeten Studenten.

Auch er findet es "außer Frage, dass Kapitalismus das erfolgreichste Wirtschaftssystem war, das die Welt je gesehen hat" - nicht zuletzt für ihn selbst und seinen Konzern. War, Vergangenheitsform. Die offensichtliche Alternative jedoch sei auch keine.

"Sozialismus führt unweigerlich zu Stagnation, Korruption und oft Schlimmerem", schreibt Dimon seinen Aktionären. "Dies wäre für unser Land genauso ein Desaster wie an den anderen Orten, wo es versucht wurde."

Einfach so weiter machen könne man aber auch nicht - und es gebe ja noch einen dritten Weg: "Viele Länder werden Sozialdemokratien genannt, und diese verbinden erfolgreich Marktwirtschaften mit starken Sicherheitsnetzen." Das habe nichts mit traditionellem Sozialismus zu tun, aber sehr viel mit einem "Marshall-Plan für Amerika", wie er Dimon vorschwebe:

Der Staat solle gezielt viel mehr Geld ausgeben, wo es nützt, in Bildung und Infrastruktur beispielsweise. Dafür könne man dann ruhig die Vermögenden wie ihn deutlich höher besteuern und Steuerschlupflöcher schließen, die JPMorgan Chase - wie andere Institutionen auch - zugegebenermaßen ausnutze.

Ironischerweise unterscheiden sich die Entwürfe der beiden Milliardäre nicht grundsätzlich von den oppositionellen Demokraten, die das Thema Sozialismus überhaupt wieder in die Debatte gebracht haben - so wie die junge Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez mit ihrem "Green New Deal" und hohen Spitzensteuern, oder Bernie Sanders, aktueller Favorit der Wettbörsen unter den Trump-Herausforderern und selbsterklärter "demokratischer Sozialist" - der aber auf die Frage, welchen Sozialismus er meine, gern auf das rechtsliberal regierte Dänemark verweist.

Das Regierungslager sieht die Debatte weniger entspannt. Ende März hatte Donald Trumps Wirtschaftsberater Kevin Hassett gewarnt, Sozialisten und ihre Politikvorschläge seien die größte Gefahr für die US-Wirtschaft. Auch die Amerikanische Handelskammer sieht im "Green New Deal" ein "trojanisches Pferd für den Sozialismus". Die Milliardäre Dalio und Dimon zählen dann wohl auch zu den feindlichen Belagerern.

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