Walter Sinn

Neue Technologien drehen Megatrend um Die Rückkehr der Menschen auf das Land

Walter Sinn
Von Walter Sinn
Von Walter Sinn
Die posturbane Gesellschaft rückt näher. Das Zusammenspiel neuer Technologien wird einen Megatrend auslösen, der einen völlig anderen Lebens- und Arbeitsstil ermöglicht. Eine Folge wird auch die Rückkehr vieler Menschen in ländliche Regionen sein.
Ein herzliches Willkommen. Auf dem Land ist irgendwie auch immer etwas los. Und künftig sogar wieder mehr.

Ein herzliches Willkommen. Auf dem Land ist irgendwie auch immer etwas los. Und künftig sogar wieder mehr.

Foto: Tobias Hase/ picture-alliance/ dpa
Walter Sinn

Walter Sinn leitet als Managing Partner die internationale Unternehmensberatung Bain & Company in Deutschland.

Die Menschheitsgeschichte kannte bislang vor allem eine Richtung: die effiziente Konzentration der Weltbevölkerung in Ballungszentren. Alle wesentlichen Innovationen führen seit Jahrhunderten dazu, dass wir unser Leben und Arbeiten in und um Megacitys organisieren. Nun scheint erstmals eine massive Gegenbewegung möglich. Zum einen wollen und können viele Menschen nicht mehr in den überfüllten, überteuerten und ökologisch belasteten Großstädten leben. Zum anderen drängen mächtige neue Technologien auf den Markt, die zum Auslöser einer breiten posturbanen Bewegung werden.In der Folge werden sich unsere Lebens- und Arbeitsformen in den nächsten 20 Jahren dramatischer wandeln, als wir es uns heute vorstellen können .

Fundamentale Umbrüche

Revolutionäre Technologien wie Drohnen, Roboter, 3D-Drucker und autonome Fahrzeuge gewinnen nicht nur immer mehr an Bedeutung, sie werden auch gewaltige Veränderungen mit sich bringen:

Der Einsatz von Drohnen senkt die Entfernungskosten dramatisch

Foto: Oliver Berg/ dpa

Lieferdrohnen revolutionieren die Verteilung von Gütern. Gemessen am Paketboten wird sich die Zustellung von Waren dadurch um 75 bis 80 Prozent verbilligen. Noch sind diese Fluggeräte nicht zugelassen. Doch Alphabet, Amazon und viele Postunternehmen arbeiten intensiv an der Technologie und sehnen regulatorische Lösungen für Flugkorridore herbei, um mit dem Drohnenverkehr starten zu können.

Roboter ersetzen Arbeitskräfte, nicht nur in der Industrie

Foto: DPA / Huis Ten Bosch

Die Robotik wird in den kommenden Jahren Dienstleistungsbranchen wie Hotels, Gaststätten, Altenpflege und den Einzelhandel erfassen. Millionen von traditionellen städtischen Arbeitsplätzen werden wegfallen. Der Effekt: Künftig genügen einem Restaurant rund 30 Prozent weniger Haushalte in der Umgebung, um profitabel zu sein. Bekleidungsgeschäfte können in einer automatisierten Welt sogar mit 40 Prozent weniger Haushalten kalkulieren. Damit werden solche Dienstleistungen auch in Kleinstädten wieder wirtschaftlich sein.

3D-Druck bewirkt strukturellen Wandel

Foto: Daniel Karmann/ dpa

Die 3D-Drucktechnik wird in naher Zukunft neue Strukturen bei der Herstellung vieler Produkte und Ersatzteile schaffen. An zahlreichen Standorten außerhalb von Ballungszentren werden 3D-Druckzentren entstehen, die Waren zu wettbewerbsfähigen Kosten dezentral produzieren.

Autonomes Fahren wird Realität

Foto: Daimler

Fahrerlose Lkws werden staufrei für die Distribution von Gütern sorgen. Und selbstfahrende Pkws befördern Menschen, die die gewonnene Zeit zum Lesen, Arbeiten oder Entspannen nutzen.

Hinzu kommt der Ausbau eines flächendeckenden Hochgeschwindigkeitsinternets. Dadurch wird an allen Orten der Zugriff auf und der Austausch von Daten und Informationen möglich. Unzählige Geschäftsmodelle werden obsolet, ganze Volkswirtschaften müssen sich neu positionieren. Verlierer werden die Schwellenländer sein, die bisher auf die Produktion von Massenware setzen. Denn ein Teil der Produkte wird dann wieder dort hergestellt, wo die Kunden leben. Und damit fällt auch eine Vielzahl logistischer Bewegungen weg. Verlorene Produktionskapazitäten kehren in Industriestaaten mit hoher Binnennachfrage zurück.

Großstadtleben ade

Der Lebensstil breiter Bevölkerungsteile wird sich verändern, denn Menschen haben wieder mehr Wahlmöglichkeiten, wo sie leben wollen. Gerade die Mittelschicht zieht es fort aus den Großstädten. Tatsächlich wollen 7 Prozent der Menschen, die heute in Städten oder Vorstädten wohnen, in fünf Jahren auf dem Land leben. Noch ist das nicht möglich. Die Jobs sind in den Citys, die Pendlerkosten sind zu hoch und die Versorgung im ländlichen Raum ist zu schlecht.

Zum Teil hat die Zukunft schon begonnen. Etwa in den USA: Dort sind allein in den letzten zehn Jahren 8 Prozent der Innenstadtbewohner weggezogen. 2025 könnte die Landbevölkerung in den USA erstmals die Zahl der Städter übertreffen. Dafür sprechen nicht zuletzt die 37 Prozent der Berufstätigen, die zumindest zwei Tage pro Monat von zu Hause aus arbeiten und dafür Internet und Videokonferenzen nutzen. 1995 waren es gerade mal 9 Prozent gewesen.

Auch in Spanien, Italien und Griechenland verzeichnen Ballungszentren seit 15 Jahren erhebliche Bevölkerungsverluste. In Deutschland ist dieser Trend noch nicht zu beobachten. Alle Prognosen gehen von einem weiteren Anwachsen der Ballungsräume aus. Doch auch hierzulande werden wichtige sozioökonomische Gruppen die Gelegenheit wahrnehmen, aufs Land zu ziehen.

Neue Freiheiten und Möglichkeiten

Die Attraktivität kleinerer, dörflicher Lebensräume wird zunehmen. Naturnahe Regionen, eine Stunde von einer größeren Stadt entfernt, dürften zu den Gewinnern der nächsten 20 Jahre zählen. Diese "New Villages" liegen am äußersten Rand der Metropolen. Die heutigen Vorstädte und Speckgürtel rund um die Großstädte verlieren ihre Strahlkraft. Zwar werden die Ballungszentren auch weiterhin jüngere und wohlhabende Teile der Bevölkerung anziehen. Doch eine wachsende Zahl von Experten, Talenten und "Kopfarbeitern" bevorzugt künftig einen anderen Lebensstil. Sie empfinden das Leben auf dem Land als zunehmend angenehmer und günstiger, mit mehr Platz und fortan auch mit einer Infrastruktur, die der in Städten in nichts nachsteht.

Wohnen und Arbeiten in Großstädten wird in Zukunft nicht mehr die prägende Gesellschaftsform sein. Wir steuern auf eine posturbane Gesellschaft zu - mit neuen Freiheiten und Möglichkeiten für den Einzelnen.

Walter Sinn ist Deutschlandchef der Unternehmensberatung Bain & Company und schreibt als Gastautor für manager-magazin.de. Trotzdem gibt seine Meinung nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.