Panama Papers und die Diskussion um Offshore-Konten Warum Transparenz um jeden Preis nicht gut ist

Von Irina Kummert
Die Enthüllungen im Zusammenhang mit den Panama Papers lassen erahnen, wie Millionenvermögen bewegt und dazu genutzt werden können, kriminelle Aktivitäten zu verschleiern. Politiker und Journalisten fordern nun flächendeckend maximale Transparenz - wobei sie in Kauf nehmen, dass auch diejenigen alles offenlegen müssen, die sich der Offshore-Konten legal bedienen.
Einblick für alle? Regelmäßig werden uns Einschränkungen unserer persönlichen Freiräume verkauft als notwendig im Sinne des Gemeinwohls oder zur Herbeiführung von mehr Gerechtigkeit. Als Reaktion auf die Panama Papers wird nun maximale Transparenz gefordert.

Einblick für alle? Regelmäßig werden uns Einschränkungen unserer persönlichen Freiräume verkauft als notwendig im Sinne des Gemeinwohls oder zur Herbeiführung von mehr Gerechtigkeit. Als Reaktion auf die Panama Papers wird nun maximale Transparenz gefordert.

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Auf den russischen Philosophen Isaiah Berlin geht die Unterscheidung zwischen "positiver" und "negativer" Freiheit zurück. Mit dem Konzept der negativen Freiheit weist Berlin darauf hin, dass es einen Raum geben muss, in dem niemand das Recht hat, den Handlungsrahmen von Individuen einzuschränken, einen Raum also, in dem wir frei von Zwängen sind und tun und lassen können, was wir wollen.

Die Denkform der positiven Freiheit glaubt dem gegenüber das Recht zu haben, die Freiheit anderer einzuschränken, indem sie sich dafür ausspricht, dass festgelegt wird, was wir tun dürfen und was nicht. Das Entscheidende ist, mit welcher Intention die beiden Freiheitsbegriffe von wem genutzt werden und welches Ziel damit erreicht werden soll.

Irina Kummert

Irina Kummert ist Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft und Mitglied der Ethikkommission des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Seit 2003 ist sie Geschäftsführende Gesellschafterin der Personalberatung IKP Executive Search.

Regelmäßig werden uns Einschränkungen unserer persönlichen Freiräume verkauft als notwendig im Sinne des Gemeinwohls oder zur Herbeiführung von mehr Gerechtigkeit. Als Reaktion auf die Enthüllungen durch die Panama Papers wird öffentlich -und wie ich meine undifferenziert - maximale Transparenz gefordert. Wir scheinen zu vergessen, wie hoch der Preis ist, den wir alle für mehr Transparenz und damit für mehr Einmischung in unsere Privatsphäre bezahlen.

Hoher Preis der Transparenz

In der aktuellen Debatte über die Nutzung von Offshore-Konten durch in Deutschland steuerpflichtige Bürgerinnen und Bürger geht es vordergründig darum, das Gemeinwohl zu schützen. Der Tenor ist, es sei unmoralisch, die Vorzüge einer Gemeinschaft in Anspruch zu nehmen - unser Gesundheitssystem, unsere Kitas oder unsere Hochschulen zu nutzen - und gleichzeitig Steuerzahlungen zu umgehen, mit denen diese finanziert werden.

Es ist unstrittig, dass sich die Mitglieder einer Gemeinschaft auf die Einhaltung von Regeln verständigen müssen, damit das Gemeinwesen funktioniert und auch die Interessen der weniger privilegierten Bürgerinnen und Bürger geschützt werden. Damit das gewährleistet ist, haben wir eine ausreichende gesetzliche Handhabe, um berechtigte Interessen unserer Gemeinschaft juristisch durchsetzen und Gesetzesverstöße wie Steuerhinterziehung oder Geldwäsche ahnden zu können.

In juristischen Auseinandersetzungen wird hinterfragt, ob sich eine Person an geltendes Recht gehalten hat oder nicht. Wenn wir selbst in die Situation kommen, uns gegen den Vorwurf nicht gesetzeskonform gehandelt zu haben verteidigen zu müssen, wünschen wir uns, dass wir vor einem neutralen Gericht die Chance einer sachlichen Auseinandersetzung haben, die am Ende zu einem angemessenen Strafmaß führt.

Eine juristische Prüfung darf nicht mit moralischer Vorverurteilung einhergehen

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Sobald statt der juristischen aber moralische Argumente genutzt werden, findet keine sachliche Auseinandersetzung mehr statt. Wer mit dem Gemeinwohl argumentiert, hat selten Gegenwehr zu erwarten - wer würde schon infrage stellen, dass Gemeinwohlinteressen schützenswert und die Vorteile unseres Sozialstaates von allen zu finanzieren sind? Weil die Aufrechterhaltung unseres Gemeinwohls für uns alle einen besonders hohen Wert hat, wird medienwirksam maximale Transparenz gefordert, wenn es darum geht, vermeintlich unser aller Interessen zu schützen und Gerechtigkeit für alle Mitglieder unserer Gemeinschaft herbeizuführen.

Diese Maxime wird ganz besonders gegenüber den Mitgliedern unserer Gesellschaft vertreten, die "superreich" und damit nicht selten angeblich automatisch "geldgierig" sind.

Der Medienanwalt Christian Schertz bringt es in seinem Buch "Privat war gestern" auf den Punkt, wenn er feststellt, dass Allwissen Konformismus fördert. Je mehr wir übereinander wissen, desto weniger unterscheiden wir uns voneinander. Die Frage, ob Konformismus das Gemeinwohl fördert, kann getrost mit nein beantwortet werden. Konformismus zerstört Kreativität, verhindert neue Ideen und lässt gute Gegenargumente verstummen.

Isaiah Berlin lädt durch das Konzept seiner zwei Freiheitsbegriffe zur Diskussion ein. Er fragt uns, wie frei wir wirklich sein wollen. Gleichzeitig zeigt gerade die aktuelle Debatte um die Offshore-Konten, dass es eine diffuse Angst vor der Freiheit zu geben scheint, in der uns der kategorische Imperativ die innere Autorität ist, die uns dazu bringt, uns selbst zu versklaven.

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So eindeutig es ist, dass wir die Nutzung von Offshore-Konten juristisch auf ihre Legalität hin hinterfragen müssen, so erstrebenswert ist es, dass mit einer juristischen Prüfung keine moralische Vorverurteilung einhergeht, mit der vordergründig unser Gemeinwohl geschützt, tatsächlich aber unser persönlicher Freiraum weiter eingeschränkt werden soll.

Irina Kummert ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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