Dienstag, 25. Juni 2019

Ökonomen warnen Ölreichtum macht Norweger träge

Postkartenidylle: Der Reichtum hat den Norwegern hohe Löhne und eine geringe Arbeitszeit beschert

Norwegen schwimmt im Öl - und damit im Geld. Es wachsen allerdings die Sorgen, dass es sich die Skandinavier auf ihrem Reichtum allzu bequem machen. Anstatt die Wirtschaft für einen Strukturwandel vorzubereiten, fahren viele lieber ins lange Wochenende.

Hamburg - Dank der reichlichen Ölvorkommen vor der Küste ist jeder Norweger rechnerisch Millionär: Der staatliche Pensionsfonds ist 610 Milliarden Euro wert, das Land hat gut fünf Millionen Einwohner. So gesehen ist heute ein Freudentag für die Norweger: Der Fonds legt seinen Jahresbericht vor.

Die komfortable Lage, in der sich das Land scheinbar befindet, hat jedoch offenbar eine bisher wenig beachtete Schattenseite. Zunehmend fürchten Ökonomen, der Reichtum lasse die Schaffenskraft der Nordmänner und Nordfrauen ermatten.

In kaum einem anderen Land der entwickelten Welt arbeiten die Menschen so wenig wie in Norwegen, stellte unlängst die Financial Times fest. Zugleich zahlten die Firmen Löhne, die um 40 Prozent über dem deutschen Niveau liegen. Um den Luxus zu illustrieren, suchte der Reporter an einem Donnerstagnachmittag an einer Tankstelle das Gespräch mit zahlreichen Bürgern, die - mal wieder - in ein langes Wochenende zum Skifahren unterwegs waren.

Diese Haltung könne dem Land schon in einigen Jahren zum Verhängnis werden, urteilt die Zeitung. Denn die Ölvorräte schrumpfen. Und ob der Preis für den Rohstoff so hoch wie jetzt bleibt, mag angesichts des Förderbooms in den USA niemand mit Gewissheit sagen.

"Der ganz große, lange Boom der Ölindustrie geht dem Ende entgegen", sagt Knut Anton Mork, Chefökonom der norwegischen "Handelsbanken". Doch um diese Industrie dreht sich in dem skandinavischen Land alles. Viele Arbeitsplätze hängen davon ab. Sänken die Ölpreise und schrumpfe der Ölmarkt weiter, verlören viele Norweger ihre Jobs, sagt Wirtschafts-Professor Steinar Holden von der Universität Oslo. Angesichts seiner Löhne wäre das Land kaum noch wettbewerbsfähig.

Doch so weit ist es noch nicht. Wie gut den Norwegern der Übergang in die neue Zeit gelingt, hängt auch vom Anlageerfolg oder -misserfolg des Staatsfonds ab. Zuletzt lief es gut. Seine Öl-Milliarden investiert Norwegen in Aktien, Eigentum und Wertpapiere über die ganze Welt verstreut.

"Wir fächern unsere Investitionen breit über Märkte, Länder und Währungen, damit der Fonds breit vom weltweiten Wirtschaftswachstum profitieren kann", sagt der Sprecher der norwegischen Notenbank, Thomas Sevang. 2012 hatte der Fonds so eine Rendite von 13 Prozent erzielt.

nis/dpa

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