Zuwanderung nach Deutschland Warum der Regierungsberater DIW bei den ökonomischen Folgen des Flüchtlingsstroms irrt

Daniel Stelter ist Ökonom, Berater und Gründer des makroökonomischen Diskussionsforums beyond the obvious (bto). Als MeinungsMacher von manager-magazin.de hat er als erster Ökonom die wirtschaftlichen Folgen des Zuzugs von Flüchtlingen in die Debatte eingebracht.
Der Schlüssel für alles: Bildung.

Der Schlüssel für alles: Bildung.

Foto: Carmen Jaspersen/ dpa

In der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL gibt es ein Streitgespräch zwischen Marcel Fratzscher, dem Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und mir. In der vergangenen Woche hatte das DIW mit einem Papier zu den ökonomischen Folgen der Flüchtlingskrise breites mediales Aufsehen erregt. So unter anderem hier:

Daniel Stelter
Foto: Robert Recker/Berlin

Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums "Beyond the Obvious"  und Unternehmensberater. Zuvor war Stelter von 1990 bis 2013 bei der Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Sein neues Buch "Ein Traum von einem Land - Deutschland 2040" ist am 10. Februar 2021 erschienen.
Twitter: @thinkBTO 

In einer kurzen Kommentierung habe ich am 3. November auf die bei SPIEGEL ONLINE gezeigte Berechnung reagiert und einige der darin ersichtlichen Annahmen kritisiert. Wobei ich an dieser Stelle für neue Leser von manager-magazin.de auf folgende Punkte hinweisen muss:

  • Meine Meinung: Die Flüchtlingskrise entzieht sich jeglicher Wirtschaftlichkeitsrechnung. Es ist eine humanitäre Herausforderung und deshalb nicht für eine Kosten-Nutzen-Analyse geeignet.
  • Wenn Experten und Wirtschaft dennoch den wirtschaftlichen Nutzen betonen, so muss dies auf einer soliden Datenbasis beruhen - und genau die haben wir nicht. Deshalb habe ich - nicht als Prognose, sondern als Weckruf - in einer simplen Rechnung gezeigt, welche Bandbreite die wirtschaftlichen Folgen haben. Dabei ist verständlich, dass je mehr Flüchtlinge erfolgreich in den Arbeitsmarkt integriert werden und je höher die von ihnen erzielten durchschnittlichen Einkommen, desto besser ist es für diese Menschen und für uns.
  • Statt also den (erhofften) wirtschaftlichen Nutzen zu betonen, sollten wir eher fragen, was wir tun müssen, um den Flüchtlingen helfen zu können. Es genügt nicht, dass wir ihnen Sicherheit geben und sie versorgen. Wir müssen ihnen auch eine Chance auf ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Das setzt neben dem Spracherwerb vor allem Bildung voraus. Nur dann erfüllen wir die Erwartungen, die wir geweckt haben. Und nur dann besteht auch die Hoffnung für uns, langfristig Aufwand und Ertrag der Flüchtlingshilfe in Balance zu bringen - wenn das überhaupt ein Ziel sein kann.
  • Wird suggeriert, dass Flüchtlinge ein wirtschaftlicher Gewinn für uns sind, besteht die Gefahr, dass wir nicht das tun, was wir tun müssen: nämlich ausreichend und schnell in die Bildung der neuen Mitbürger zu investieren. Die ersten Diskussionen zum Staatshaushalt 2016 legen nahe, dass diese Sorge mehr als berechtigt ist.
  • Was zu tun wäre, habe ich bereits im September in einem 10-Punkte-Plan zur Bewältigung dieser Aufgabe dargelegt: manager magazin online: "Eine ehrliche Rechnung zu den Flüchtlingen", 3. September 2015

Aufgrund meiner deutlichen Kritik an den Modellannahmen des DIW, bat mich die Redaktion des SPIEGEL um ein Streitgespräch mit Marcel Fratzscher. Soviel zur Genese des Streitgespräches und meiner Position. (Das Interview finden Sie hier)

Meiner nun folgenden Kritik am Papier des DIW sei noch die grundsätzliche Einschätzung vorausgeschickt: Flüchtlinge unterscheiden sich von Einwanderern gerade dadurch, dass von ihnen kein Deckungsbeitrag erwartet wird.

Da das DIW dennoch den Versuch einer wirtschaftlichen Betrachtung gemacht hat, untersuche ich ab dieser Stelle die Annahmen und Rechnungen des DIW. Ab jetzt ist es in diesem Blogbeitrag also eine rein ökonomische Betrachtung.

Das Papier des DIW

Zunächst ist festzuhalten, dass es sich bei dem als "Studie" vom DIW und den Medien beschriebenen Dokument um eine einfache Simulationsrechnung handelt. Ähnlich der Investitionsrechnung bei Unternehmen werden hierin Annahmen getroffen:

  • zum Investitionsbedarf
  • zu zukünftigen Kosten
  • zu zukünftigen Erträgen

Übersteigen die künftigen Erträge die Kosten und verdienen die anfängliche Investition zurück, so ist es ein lohnendes Investment. Aus meiner mehr als 25-jährigen Beratungspraxis weiß ich, dass die Investitionen zumeist unterschätzt, die laufenden Kosten zu gering angesetzt und die laufenden Erträge überschätzt werden. Im schlimmsten Fall können derartige Fehlannahmen zu existenziellen Krisen führen, wie am Beispiel der Stahlinvestitionen von ThyssenKrupp in den letzten Jahren zu beobachten.

Demzufolge kommt den Annahmen, die man der Rechnung zugrunde legt, eine erhebliche Bedeutung zu. Im Beraterjargon spricht man von "garbage in - garbage out". Wer mit qualitativ schlechten Annahmen arbeitet, bekommt auch qualitativ schlechte Ergebnisse.

Wie gut sind nun die Annahmen des DIW? Um dies zu hinterfragen, bin ich tiefer in die einzelnen Punkte des DIW-Modells eingestiegen. Das Papier und das hinter der Berechnung liegende Excel-Sheet sind hier für jedermann im Original zu lesen:

DIW: "Integration von Flüchtlingen - eine langfristig lohnende Investition", 4. November 2015 

Dabei ist die Berechnung der volkswirtschaftlichen Bedeutung der Flüchtlinge eine Wirtschaftlichkeitsrechnung der besonderen Art. Es müssen nämlich alle für das Ergebnis relevanten Daten geschätzt werden. Denn wir kennen keine Werte der relevanten Variablen mit Bestimmtheit. Wir wissen nicht:

  • wie viele Menschen zu uns kommen;
  • wie viele von diesen Menschen bei uns bleiben;
  • wie hoch die finanziellen Aufwendungen für die Integration der Flüchtlinge sind, damit sie hier ein selbstbestimmtes Leben führen können;
  • welcher Anteil der Flüchtlinge wirklich am Arbeitsmarkt teilnimmt und welcher dauerhaft auf Unterstützung angewiesen ist;
  • wie hoch die künftigen Einkommen der Flüchtlinge sein werden.

Weil wir das alles nicht wissen, hätte ich zum heutigen Zeitpunkt keine Rechnung vorgelegt und als "Studie" mit "Beweiskraft" in den Medien präsentiert. Herr Fratzscher hat in unserem Gespräch richtigerweise darauf hingewiesen, dass es jedem frei stünde, die Annahmen zu ändern und mit dem Modell zu spielen. Nur wissen wir alle, dass sich in der heutigen Zeit kein Journalist die Mühe machen kann. Da ist es doch allemal besser, einfach die Bilder abzudrucken, wie am Sonnabend die Süddeutsche Zeitung auf dem Titel.

Gehen wir die Annahmen des DIW Schritt für Schritt durch und prüfen sie auf Plausibilität. Wobei ich es nicht besser weiß als das DIW. Denn auch ich weiß nicht, was kommt. Ich kann nur bei jeder einzelnen Annahme des DIW fragen: Ist das nachvollziehbar?

Kurzzusammenfassung der Ergebnisse

Für eilige Leser eine Kurzzusammenfassung der Betrachtung des DIW-Modells:

  • Mit den Annahmen bezüglich der Anzahl der Flüchtlinge des DIW kann man arbeiten - denn niemand weiß, was wirklich auf uns zukommt. Wenn überhaupt, dürften die echten Zahlen darüber liegen.
  • Die Kosten für Verpflegung und Unterkunft sind zu gering angesetzt, bleiben aber in einem nachvollziehbaren Rahmen. Ich würde mit durchschnittlich 2.000 Euro pro Kopf und Jahr mehr arbeiten, was einer Differenz von 30 Milliarden Euro für die Jahre 2016 - 2020 entspricht. Dies würde an der grundlegend positiven Einschätzung der ökonomischen Wirkungen nur wenig ändern.
  • Obwohl das DIW in den öffentlichen Diskussionen die Notwendigkeit von Investitionen in Sprache, Schul- und Berufsbildung betont, tauchen diese in der Berechnung des DIW nicht auf. Sie sind also null. Dies passt m. E. nicht zu den folgenden Annahmen zu Erwerbsquote und Durchschnittseinkommen. Meinen wir es ernst mit der Integration, sind diese Bildungsausgaben zu tätigen. Der Finanzbedarf für die Qualifikation ist erheblich. Alleine für die Qualifikation der anerkannten Flüchtlinge sind 30 bis 50 Milliarden Euro anzusetzen.
  • Das DIW schätzt die Erwerbsquote der Flüchtlinge nach elf Jahren auf 41 Prozent. Dies entspricht dem Schnitt der heute hier schon lebenden Migranten. Das ist theoretisch möglich, aber sehr unwahrscheinlich, wenn wir tatsächlich null Euro in Bildung investieren, wie die Rechnung des DIW suggeriert. Selbst der Wert von 34 Prozent im pessimistischen Szenario des DIW wird ohne erhebliche Bildungsausgaben nicht zu erreichen sein.
  • Zugleich nimmt das DIW in allen Szenarien ein durchschnittliches Lohnniveau von 24.000 Euro an. Dieses liegt ziemlich genau auf dem Niveau des Gehalts aller arbeitenden Männer mit Migrationshintergrund im Jahre 2014, jedoch weit über dem heutigen Lohnniveau von Migranten aus mehrheitlich muslimischen Ländern. Wiederum ist es sehr unwahrscheinlich, dass dies eintritt.
  • Interessant ist Folgendes: Das Modell des DIW reagiert auf eine Änderung der Variablen nur sehr träge. Die zwei Inputfaktoren mit der größten Wirkung sind das durchschnittliche Lohnniveau der Migranten nach elf Jahren und die laufenden Ausgaben für die Versorgung der Zuwanderer, die einen positiven Nachfrageeffekt haben (nehmen wir mehr Ausgaben an, steigt der wirtschaftliche Effekt!). Letzteres hätten wir auch ohne Zuwanderer haben können, Ersteres ist äußerst optimistisch gegriffen.
  • Zu guter Letzt noch ein weiterer, mit Blick auf die Schlagzeilen, wichtiger Hinweis. Es genügt nicht, wenn die neuen Mitbürger an Steuern und Sozialabgaben mehr bezahlen als die Zuwanderer in die Sozialsysteme kosten. Denn dann sind die anderen Kosten des Staates noch nicht finanziert wie Infrastruktur, Verteidigung, Polizei und Justiz - um ein paar Beispiele zu nennen. Das DIW betrachtet Grenzerträge und Deckungsbeiträge, nicht die Vollkosten. Doch am Ende kommt es auf diese an.

Anzahl der Flüchtlinge

Nun schauen wir uns die einzelnen Modellannahmen des DIW genauer an:

Um die Darstellung zu vereinfachen, fokussiere ich mich bei der Hinterfragung der Daten auf den unmittelbaren Zeitraum bis 2020, was die Anzahl der Flüchtlinge und die unmittelbaren finanziellen Belastungen betrifft. Mit unsicheren Daten zu arbeiten ist schon schwer genug, es im Zeitraum von 2020 bis 2035 zu tun wird zwar durch Excel erleichtert, hat dann aber weniger mit echter Überlegung als mit der Fortschreibung von Trends zu tun.

Zu den Flüchtlingszahlen nimmt das DIW folgendes an: "In diesem Bericht wird eine flüchtlingsbedingte Migration von 1,5 Millionen Menschen in diesem sowie im kommenden Jahr zugrunde gelegt; zudem wird davon ausgegangen, dass sie mit 750000 Menschen auch im darauffolgenden Jahr hoch bleibt und erst ab 2018 wieder etwas geringer ausfällt. Für die Jahre 2018 bis 2020 wird jeweils eine Flüchtlingsmigration von 500 000 Menschen angenommen, anschließend wird keine weitere Flüchtlingsmigration unterstellt." - bto: Das ist so weit klar und kann so kommen oder auch nicht. Keiner weiß es.

Daniel Stelter
Foto: Robert Recker/Berlin

Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums "Beyond the Obvious"  und Unternehmensberater. Zuvor war Stelter von 1990 bis 2013 bei der Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Sein neues Buch "Ein Traum von einem Land - Deutschland 2040" ist am 10. Februar 2021 erschienen.
Twitter: @thinkBTO 

Nun ist es ja so, dass nicht alle Flüchtlinge anerkannt werden. Die sogenannte "Schutzquote" setzt das DIW auf 45 Prozent an. Von den 1,5 Millionen, die in diesem Jahr kommen, würden demzufolge 675.000 anerkannt. - Das ist ebenfalls transparent und kann so kommen oder nicht.

Was passiert mit den anderen? "Flüchtlinge, deren Asylantrag abgelehnt wird, werden zum Teil Deutschland verlassen. Einige von ihnen werden aber wohl zunächst bleiben und geduldet. Unterstellt wird, dass diese Gruppe zunächst die Hälfte der abgelehnten Asylbewerber ausmacht. Im weiteren Verlauf dürften aber mehr und mehr von ihnen Deutschland verlassen. Angenommen wird, dass nach fünf Jahren ein Viertel und nach weiteren fünf Jahren nur noch ein Achtel der Flüchtlinge ohne Aufenthaltstitel in Deutschland leben." - bto: Auch das kann stimmen.

Niemand kann Gegenteiliges beweisen, allerdings würde ich angesichts der ungelösten Konflikte und Fluchtursachen in einem Alternativszenario davon ausgehen, dass ein weitaus größerer Teil der abgelehnten, aber faktisch geduldeten Flüchtlinge in Deutschland verbleibt. Dies hätte erhebliche finanzielle Folgen, weil auch diese Menschen Unterstützung benötigen.

Gleichzeitig hätte es eine schlechte Wirkung auf den Integrationserfolg, da die Gefahr groß ist, dass diese Menschen keinen Zugang zum Arbeitsmarkt finden und demzufolge dauerhaft im Sozialsystem verbleiben. Hier wäre also meine Einschätzung, dass zukünftige Kosten in der Simulation des DIW zu gering angesetzt werden.

In Summe rechnet das DIW folglich mit dieser Entwicklung der in Deutschland verbleibenden anerkannten und geduldeten Flüchtlinge im Zeitraum bis 2020:

  • 2016: 3 Millionen (1,5 aus dem Vorjahr, weitere 1,5 neue Flüchtlinge in 2016)
  • 2017: 3,338 Millionen
  • 2018: 3,425 Millionen
  • 2019: 3,719 Millionen
  • 2020: 4,081 Millionen

Jeder kann andere Annahmen treffen. Allerdings halte ich die Annahme des DIW bezüglich der tatsächlichen Ausreise von abgelehnten Asylbewerbern für optimistisch. Zum einen, weil Staaten zum Teil die Wiedereinreise ihrer Bürger verweigern und weil es sehr überraschend wäre, wenn wirklich die Hälfte der abgelehnten Bewerber direkt im Folgejahr der Ablehnung wieder ausreist.

Dies ist verglichen mit den Hauptkritikpunkten jedoch vernachlässigbar.

Kosten für den Staat

Das DIW äußert sich so zu den Kostenannahmen:

  • "Zunächst (…) die unmittelbaren Kosten, die mit der Unterbringung, Versorgung und Integration der neu ankommenden Flüchtlinge verbunden sind. Plausibel erscheint in diesem Zusammenhang ein Betrag von insgesamt etwa 12000 Euro pro Jahr für jeden Flüchtling; dies entspricht etwa einem Drittel des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens." - bto: In einfachen Worten heißt das: Für den Zeitraum eines Jahres rechnet das DIW mit Kosten pro Flüchtling von 12.000 Euro. Damit sollen die Kosten für Unterbringung und Versorgung gedeckt sein. Dies ist stimmig zu Schätzungen einiger Kommunen, die von Kosten von 1.000 Euro pro Flüchtling pro Monat ausgehen. Insofern folge ich dieser Annahme. Natürlich könnte man angesichts der großen Zahl an Flüchtlingen und den sich damit mehr abzeichnenden Engpässen auch mit höheren Beträgen rechnen. Die Datenbasis ist aber noch zu dünn.
Derweil schätzt das ifo Institut die Kosten für die Flüchtlinge in einer neuen Analyse alleine in diesem Jahr auf 21,1 Milliarden Euro, was bei 1,1 Millionen Flüchtlingen pro Kopf Ausgaben von 19.181 Euro entspricht. In diesen Zahlen sind allerdings neben den Kosten für Verpflegung und Unterbringung auch Aufwendungen für "Schulen, Deutschkurse, Ausbildung und Verwaltung." -bto: Dinge, die beim DIW überhaupt nicht vorkommen. Aber dazu unten mehr.

ifo: "ifo Institut erhöht Schätzung der Flüchtlingskosten auf 21,1 Milliarden Euro allein für 2015" 

  • "Weiterhin fallen für Flüchtlinge, die einen Aufenthaltstitel haben, aber entweder dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen oder keine Beschäftigung finden, Sozialleistungen an. Zugrunde gelegt wird in beiden Fällen ein durchschnittlicher Betrag, der Hartz-IV-Zahlungen und Wohngeld zusammenfasst und bei 20 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens liegt; dies entspricht derzeit etwa 7 200 Euro im Jahr." - bto: Also kosten die Flüchtlinge dann ebenso viel wie bereits in Deutschland wohnhafte Empfänger von Hartz IV. Schaut man in die Statistik des Jahres 2013, so stellt man fest, dass die tatsächlichen Kosten für Hartz IV bei 9.053,44 Euro pro Kopf gelegen haben.

Hartz -IV-Ausgaben 2014: Landeszentrale für politische Bildung 

Hartz-IV-Empfänger 2014: Statista.com 

Das DIW liegt mit den Kosten für die Empfänger von Hartz-IV-Leistungen damit rund 20 Prozent unter den Ist-Werten.

  • "Für Asylbewerber, deren Antrag abgelehnt wurde, die aber dennoch in Deutschland geduldet werden, wird pauschal ein Betrag von fünfzehn Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens unterstellt (dies entspricht derzeit rund 5400 Euro)." - bto: Diese Annahme erscheint tief. Es dürfte schwerfallen, die Kosten wirklich so deutlich unter das Niveau von Harz IV zu drücken, vor allem weil wir es auch im Modell des DIW mit einer absolut immer noch nennenswerten Zahl von Menschen zu tun haben. Ich würde deshalb aus Gründen der Vorsicht auch hier mit den tatsächlichen Ist-Kosten von 9.000 Euro pro Kopf rechnen.
Damit haben wir die Annahmen der Kostenrechnung des DIW. Während die 12.000 Euro im ersten Jahr noch realistisch erscheinen mögen, dürften die Kosten in den folgenden Jahren eher auf einem Niveau von mindestens 9.000 Euro pro Flüchtling liegen. Geht man überschlägig, also ohne ein völlig neues Modell zu entwickeln, davon aus, dass die Kosten pro Jahr pro Flüchtling um 2.000 Euro über den Annahmen des DIW liegen, kommen alleine aus diesem Umstand zusätzliche jährliche Kosten von rund sechs Milliarden Euro auf die Haushalte zu, auf den Betrachtungszeitraum von fünf Jahren bezogen immerhin eine Summe von 30 Milliarden.

Investitionen in Bildung

In allen Interviews und Pressebeiträgen betonen das DIW und sein Chef Professor Fratzscher die Notwendigkeit von erheblichen Investitionen in Bildung.

n-tv: "Man wisse, dass viele Syrer eine Schulbildung und auch ein Studium hätten, so Fratzscher, aber es gebe auch viele ohne Ausbildung. Insgesamt seien zwei Drittel der Flüchtlinge jünger als 25 Jahre, sie müssten ohnehin zur Schule oder bräuchten Ausbildungsplätze, sagte Fratzscher."

Handelsblatt: "Wenn Flüchtlinge keine ausreichenden Qualifikationen haben, dann muss man sie Ihnen geben", entgegnete Fratzscher. Die dafür notwendigen Investitionen seien lohnenswert und angesichts derzeitiger Haushaltsüberschüsse problemlos möglich."

Die Einschätzung mangelnder Qualifikation teilen auch andere Experten. So berichtet das ifo Institut, dass 40 Prozent der befragten Industrieunternehmen aus Westdeutschland Flüchtlinge nur als Hilfsarbeiter für potenziell gut einsetzbar halten.

Umso erstaunlicher ist, dass in den Berechnungen des DIW für Bildungsausgaben null Euro angesetzt sind. Dabei geht das DIW von einer durchschnittlichen Erwerbsbeteiligung und (über) durchschnittlichen Löhnen aus (s. u.). Voraussetzung dafür wäre jedoch eine bessere Bildung.

Machen wir eine Überschlagsrechnung:

  • 27 Prozent der Flüchtlinge sind nicht im Erwerbsalter, sollten also zur Schule gehen. Wir abstrahieren von den wenigen Alten. Dies entspricht: 182.250 wenn wir nur die 675.000 als Flüchtlinge Anerkannten des Jahres 2016 zugrunde legen. Eigentlich müssten wir alle Menschen, die bei uns sind, ausbilden, da wir letztlich nicht wissen, wer, wann unser Land wieder verlässt. Das wären dann 810.000 bezogen auf die drei Millionen Flüchtlinge, die 2016 zur Schule gehen müssen. Das ifo Institut schätzt die Kosten eines Schulbesuchs auf 900 Euro pro Kopf und Jahr.
  • Die anderen Flüchtlinge werden nur im seltensten Fall ohne Sprachkurs und weitere Qualifikation auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen. Wir müssen also 425.000 Menschen qualifizieren. Die Kosten einer Berufsschule belaufen sich auf rund 7.000 Euro im Jahr. Wir werden den Ausbildungsbetrieben Zuschüsse zahlen müssen und den Lohn der Flüchtlinge aufstocken, damit sie bei der Stange bleiben.
  • Ein gewisser Anteil der Flüchtlinge wird auch studieren, was im Schnitt rund 10.000 Euro pro Jahr kostet.

Je mehr wir heute in Bildung investieren, desto höher die künftige Erwerbsquote und die Durchschnittsgehälter. Es wäre eine echte Investition in die Zukunft, wie das DIW sie fordert, ohne sie zu quantifizieren oder in die eigene Rechnung einzubeziehen. Rechnen wir mit 7.000 Euro pro Kopf und durchschnittlich drei Jahren ergeben sich folgende Kosten nur für die anerkannten Flüchtlinge bis 2020:

Jahrgang Anzahl 7000/Kopf über 3 Jahre
2015 675.000 4.725.000.000 14.175.000.000
2016 675.000 4.725.000.000 14.175.000.000
2017 337.500 2.362.500.000 7.087.500.000
2018 225.000 1.575.000.000 4.725.000.000
2019 225.000 1.575.000.000 4.725.000.000
Summe: 44.887.500.000

Diese Investition müssen wir tätigen, wenn wir den Flüchtlingen nicht nur Schutz und Versorgung bieten wollen, sondern auch eine Perspektive für ein selbstbestimmtes Leben.

Diese Zahlen beziehen sich nur auf die anerkannten Asylbewerber. Da wir aber auch Geduldete haben werden - im Modell des DIW bleiben zunächst 50 Prozent der nicht anerkannten Asylbewerber im Land - müssten wir auch in die Bildung von diesen Menschen investieren, wenn wir die langfristigen Kosten minimieren wollen. Damit würden sich die Kosten nochmals um ca. 50 Prozent erhöhen.

Erwerbsbeteiligung

Nun geht es um die künftigen Erträge für die Volkswirtschaft:

Zunächst schätzt das DIW die erwerbsfähigen Flüchtlinge: "Laut aktuell verfügbaren Daten lag der Anteil der Asylbewerber im erwerbsfähigen Alter, also Menschen zwischen 15 und 74 Jahren, bei 72,7 Prozent; besonders hoch ist der Anteil junger Menschen: Über die Hälfte der Bewerber im erwerbsfähigen Alter war im vergangenen Jahr jünger als 34 Jahre." - bto: Deshalb ist die Annahme einer Quote im erwerbsfähigen Alter von 73 Prozent sicherlich plausibel.

Danach geht es um jene, die auch wirklich arbeiten wollen (und nicht studieren etc.): "Für das Basisszenario wird von einer Partizipationsrate von 80 Prozent ausgegangen; diese liegt etwas über dem Durchschnitt aller Beschäftigten in Deutschland, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass der Anteil junger und insbesondere männlicher Flüchtlinge hoch ist - und gerade diese Gruppe eine hohe Erwerbsneigung aufweist." - bto : Auch hiergegen ist erst mal nichts zu sagen.

Daraus ergibt sich eine Erwerbsquote von 58,3 Prozent: 73 Prozent (Erwerbsfähige) x 80 Prozent (jene, die arbeiten wollen, "Partizipationsrate").

Danach geht es um die Frage, wie viele von jenen, die eine Arbeit aufnehmen wollen, auch einen Arbeitsplatz finden: "Im Basisszenario wird daher davon ausgegangen, dass von zehn Arbeitssuchenden in den ersten Jahren nur vier Personen eine Anstellung finden, und auch im optimistischen Szenario nur jeder zweite. Die Arbeitslosenquote dürfte mit zunehmender Qualifizierung sinken, aber auch nach zehn Jahren erheblich bleiben." - bto : Daraus ergibt sich folgende Projektion des DIW:

  • In den Jahren 2 - 5 arbeiten 23,4 Prozent effektiv - pessimistisch: 18,4 Prozent.
  • In den Jahren 6 - 10 arbeiten 32,1 Prozent effektiv - pessimistisch: 26,3 Prozent.
  • In den Jahren 11+ arbeiten 41 Prozent effektiv. Dies entspricht dem Durchschnitt der heute bereits hier ansässigen Bevölkerung mit Migrationshintergrund. - Pessimistisch: 34 Prozent.

Statistik Arbeitsagentur 

Das klingt zunächst nachvollziehbar, doch wenn man genauer hinschaut, auch nach der Erkenntnis des DIW optimistisch, denn: "So liegt der Anteil der Erwerbspersonen syrischer Herkunft, die einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen, bei nur 30 Prozent. Allerdings berücksichtigt diese Quote gerade nicht die Mini-Jobber, und auch keine Beamten und Selbständigen." - bto: Würden wir auch in Zukunft mit 30 Prozent rechnen, liegt dieser Wert bereits unter dem Wert, den das DIW im pessimistischen Szenario ansetzt.

Wenn die Erwerbsquote der in Deutschland lebenden Migranten bei 42 Prozent liegt, dann muss man davon ausgehen, dass die Flüchtlinge in Qualifikation und Integrationsbereitschaft dem Durchschnitt der bereits hier lebenden Migranten entsprechen. Wir wissen nicht, ob dies der Fall ist, jedoch ist es eher unwahrscheinlich, weil die Menschen die heute hier schon leben aus verschiedenen Regionen der Welt über einen längeren Zeitraum verteilt und mit einem breiten Spektrum an Qualifikationen zu uns gekommen sind. Dies zeigt sich auch an den Gehältern, wie wir im nächsten Punkt sehen werden.

Nachdem das DIW bereits Daten über die Arbeitsmarktintegration von Syrern hat und diese deutlich unter dem Schnitt liegt, frage ich mich, weshalb man selbst im pessimistischen Szenario einen höheren Wert der Arbeitsmarktintegration annimmt. Der Vorgänger von Herrn Fratzscher beim DIW, Professor Zimmermann, hält übrigens maximal 20 Prozent der Zuwanderer für in unseren Arbeitsmarkt integrierbar. (Siehe Interview in der letzten Ausgabe der WirtschaftsWoche.)

Fazit: Das DIW ist selbst im pessimistischen Szenario relativ zu den bekannten Werten optimistisch. Es kann sein, dass das optimistische Szenario des DIW eintritt. Es ist aber ohne massive Investitionen in Bildung völlig unrealistisch.

Arbeitsproduktivität

Die weitere entscheidende Frage ist: Wie viel werden die Zuwanderer in Zukunft verdienen? Das DIW dazu: "(A)nzunehmen ist daher, dass sie vor allem im Bereich gering qualifizierter Beschäftigung eine Anstellung finden werden. Gemessen am Durchschnittslohn (…) dürfte die Produktivität geringfügig Beschäftigter ein Drittel unter dem Durchschnitt liegen. Dieser Wert wird entsprechend für die durchschnittliche Produktivität von Flüchtlingen unterstellt." In allen Szenarien des DIW (egal ob Basis, optimistisch oder pessimistisch) erreichen die arbeitenden Zuwanderer im Jahre elf eine Produktivität, die bei 67 Prozent des Durchschnittslohns liegt.

Das DIW verweist auf das "sozioökonomisches Panel". 2012 lag danach das Durchschnitteinkommen bei 3.391 Euro/Monat, also: 40.692 Euro p. a. An anderer Stelle spricht das DIW von 36.000 Euro. Legen wir 36.000 Euro zugrunde, ergibt sich ein zu erwartender Brutto-Durchschnittslohn von 24.120 Euro.

Wie passt dies zu den Ist-Gehältern von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland? Alle Daten vom DIW aus anderen Studien.

DIW: Arbeitsmarktintegration von Migranten in Deutschland 

Zur Berechnung musste ich die dort genannten monatlichen Nettogehälter in jährliche Bruttogehälter umrechnen:

  • Relativ zum Durchschnitt für alle Migranten: 15.276 Euro netto, also 18.312 brutto, verdienen die heutigen Zuwanderer in Zukunft 5.808, beziehungsweise 32 Prozent mehr . So die Annahme des DIW.
  • Relativ zum Durchschnitt aller erwerbstätigen Männer mit Migrationshintergrund: 19.404 netto, also 23.112 brutto. Dann wären 24.120 Euro ungefähr das, was heute verdient wird .
  • Relativ zum Durchschnitt der Migranten aus arabischen/muslimischen Ländern die heute 13.836 Euro netto, also 16.512 brutto verdienen, in Zukunft also 7.608 mehr, beziehungsweise 46 Prozent (!).

Wie passt diese Annahme zu den NULL-Investitionen in Bildung und der Erkenntnis, dass heute rund 40 Prozent der Flüchtlinge nur für Hilfsarbeiterjobs in Frage kommen?

Das ifo Institut hat, basierend auf Erhebungen in den Flüchtlingslagern in der Türkei, ausgerechnet, "dass 16 Prozent der syrischen Flüchtlinge Analphabeten sind und acht Prozent gar keinen Schulabschluss haben. Ein Viertel der syrischen Flüchtlinge ist also als unqualifiziert einzustufen. Der Rest der Befragten gab an, über einen Schulabschluss zu verfügen. 35 Prozent haben demnach die Grundschule beendet und 22 Prozent die Hauptschule." - bto: U nd diese Zuwanderer sollen ohne zusätzliche Qualifikation durchschnittlich ein Gehalt von 24.120 Euro erwirtschaften?

Belebung der Wirtschaft durch zusätzliche Staatsausgaben

Das DIW verweist zu Recht auf die positiven konjunkturellen Effekte:

"Die gegenwärtige Diskussion um Flüchtlinge fokussiert sich meist viel zu sehr auf die Kosten für den Staat zur Unterstützung der Flüchtlinge. Dabei ignoriert sie die positiven Effekte für die Wirtschaft durch zwei Mechanismen: Zum ersten stimulieren diejenigen Flüchtlinge, die Arbeit finden, durch ihre Tätigkeit die Wirtschaft, indem sie zur Angebotsseite, der Produktion der Unternehmen beitragen. Zum zweiten stehen den flüchtlingsbedingten Ausgaben positive wirtschaftliche Nachfrageimpulse gegenüber, denn eine höhere Nachfrage greift insgesamt den Unternehmen unter die Arme. Auch die monetären Transfers, wie sie beispielsweise Asylbewerbern zufließen, deren Antrag bewilligt wurde, die aber keiner Beschäftigung nachgehen, führen zu zusätzlicher Konsumnachfrage. (…) Zudem erhöhen öffentliche Bauinvestitionen, die Wohnraum für Flüchtlinge schaffen, oder die sozialen Sachleistungen des Staates, die etwa für die Versorgung der Flüchtlinge anfallen, in gleichem Ausmaß die Wirtschaftsleistung."

Überschlägig dürften alleine in den kommenden fünf Jahren rund 90 Milliarden für diese Zwecke zusätzlich ausgegeben werden, wenn man die Modellannahmen des DIW zugrunde legt. Wenn wir die unabdingbaren Investitionen in die Bildung ebenfalls tätigen, reden wir von 140 Milliarden und mehr.

Daniel Stelter
Foto: Robert Recker/Berlin

Daniel Stelter ist Gründer des auf Strategie und Makroökonomie spezialisierten Diskussionsforums "Beyond the Obvious"  und Unternehmensberater. Zuvor war Stelter von 1990 bis 2013 bei der Boston Consulting Group (BCG), zuletzt als Senior Partner, Managing Director und Mitglied des BCG Executive Committee. Sein neues Buch "Ein Traum von einem Land - Deutschland 2040" ist am 10. Februar 2021 erschienen.
Twitter: @thinkBTO 

Diese Ausgaben hätten wir allerdings auch ohne Flüchtlingskrise tätigen sollen. Es wäre zum Beispiel dringend erforderlich, die öffentliche Infrastruktur zu sanieren. Das DIW hat in anderen Studien alleine im Bereich der Kommunen einen Investitionsbedarf von über 130 Milliarden Euro ausgemacht.

Interessant ist, dass dieser konjunkturelle Effekt der Mehrausgaben - letztlich ist es ja mehr Konsum - die Szenarien besonders robust macht. Spielt man im Excel-Modell des DIW mit verschiedenen Annahmen, merkt man, dass hauptsächlich das Gehaltsniveau und der konjunkturelle Multiplikator das Ergebnis beeinflussen. Ersteres wird - wie gezeigt - in allen Szenarien gleich angenommen (nun könnte man meinen, dies liegt an der starken Wirkung auf das Ergebnis?) und ist gleichermaßen unrealistisch. Letzteres hätten wir auch bei einem kommunalen Investitionsprogramm bekommen, ganz ohne Flüchtlingskrise.

Um den Punkt nochmals zu verdeutlichen: Nehmen Sie an, Sie würden eine Hypothek aufnehmen, um mit dem geliehenen Geld eine Weltreise zu unternehmen. Die Folge wäre in dem Jahr der Weltreise ein deutlich höheres Ausgabenvolumen. Ihre private Wirtschaft würde also mehr Umsatz machen. Doch wären Sie deshalb am Ende des Jahres reicher? Natürlich nicht. Denn Sie haben ja nun Schulden, die sie in Zukunft bedienen müssen.

Insofern ist die Folge von mehr Staatsausgaben auf die Konjunktur natürlich positiv. Ob es sich aber wirklich rechnet, hängt von der Verwendung der Mittel ab. Das DIW hätte deshalb in seiner Rechnung auch eine Vergleichskurve machen müssen, die die Entwicklung der Volkswirtschaft bei entsprechenden Infrastrukturinvestitionen zeigt. Nur dann würden wir wissen, welches das bessere Investitionsprojekt ist.

Nur zur Erinnerung: Natürlich verbietet sich eine solche Betrachtung angesichts der humanitären Katastrophe. Bitte hierzu die Anmerkungen in Teil 1 lesen. Hier geht es ausschließlich um die Glaubwürdigkeit des Modells vom DIW.

Deckungsbeitrag versus Vollkosten

Herr Fratzscher sagt im Interview mit der WELT richtigerweise: "Denn genau diese enge Fokussierung auf die staatlichen Kosten ist doch verkürzt. Aus dieser Sicht wäre auch die Hälfte aller Deutschen für den Staat ein Verlustgeschäft ."

Damit ist er bei dem Punkt "Deckungsbeitrag versus Vollkosten".

Was ist damit gemeint? Wenn die Gruppe der Zuwanderer in Summe weniger Sozialleistungen empfängt, als sie Steuern und Sozialbeiträge bezahlt, so ist es aus Sicht der Sozialkassen ein Gewinn. Zählt man dann noch die konjunkturelle Wirkung höherer Staatsausgaben dazu, so zeigt sich unter dieser Grenzbetrachtung ein positiver Effekt. Man wird relativ besser zum Zustand davor, wobei in dieser Rechnung die Folgen auf die Staatsverschuldung und die zukünftigen Verpflichtungen der Sozialkassen, also die künftigen Lasten völlig ausgeblendet werden - aber das Thema will ich jetzt nicht auch noch aufmachen.

Der Staat ist aber noch mehr als die Sozialkassen. Infrastruktur, Schulen, Verteidigung, Polizei, Ministerien und Behörden etc. sollen auch noch finanziert werden. Das bedeutet im Klartext, dass wir auf Dauer einen Mix an Zuwanderung brauchen, der, ähnlich wie die heute hier wohnhafte deutsche Bevölkerung, einen Anteil von mindestens 50 Prozent hat, der einen finanziellen Beitrag leistet, der für den Staat ein Gewinn ist - um im Bild von Fratzscher zu bleiben. Die Bertelsmann-ZEW-Studie hat das auch gezeigt: "Stellt man alle allgemeinen Staatsausgaben, etwa für Verteidigung oder Straßenbau, mit in Rechnung, schlägt für jeden lebenden Ausländer ein langfristiges Staatsdefizit von 79.100 Euro, für jeden lebenden Deutschen von 3.100 Euro zu Buche. Wegen dieses Defizits weist das Staatsbudget, wenn nicht gehandelt wird, langfristig eine Tragfähigkeitslücke von fast 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf."

ZEW: "Der Beitrag von Ausländern und künftiger Zuwanderung zum deutschen Staatshaushalt" 

Konsequent fordern die Autoren der Studie auch einen besonderen Fokus auf qualifizierte Zuwanderer: "Eine Wiederholung der Gastarbeitereinwanderung ist weder hinsichtlich der erwähnten Tragfähigkeitslücke noch mit Blick auf den Arbeitsmarkt im 21. Jahrhundert ökonomisch sinnvoll. Wissend um die schon erwähnten demografischen Entwicklungen, ist es mit Blick auf die Wohlstandssicherung in Deutschland hingegen sinnvoll, ja geradezu geboten, qualifizierte Einwanderer ins Land zu holen."

Naturgemäß ist eine Flüchtlingskrise etwas anderes als geordnete Zuwanderung. Nur müssen wir uns darüber klar sein, dass es unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht das ist, was wir brauchen.

In der Betriebswirtschaftslehre gibt es einen Spruch: Wer nur auf den Deckungsbeitrag schaut, macht dennoch Pleite! Das Gleiche gilt für den Staat.

Deshalb habe ich in meiner Simulation - die im Unterschied zum DIW keine Vorhersage ist, sondern Voraussetzungen ableitet (das ist was GANZ ANDERES) - mit Kosten von 25.000 Euro pro nicht erwerbstätigen Zuwanderer gerechnet.

In der Simulation des DIW werden positive Deckungsbeiträge gezeigt, keine "Vollkostendeckung", die aber Voraussetzung für einen echten positiven Beitrag wäre. Die Schlagzeilen, die mit der Vermarktung der DIW-"Studie" einhergingen, sind schlichtweg falsch. Deshalb habe ich trotz aller Bedenken das Streitgespräch im SPIEGEL gemacht.

Nur wenn wir jetzt richtig investieren, können wir den Deckungsbeitrag steigern. Sonst nicht.

Fazit

Nachdem ich dem SPIEGEL zugesagt hatte, bin ich, wie dieser etwas längere Blogbeitrag zeigt, detaillierter in die Annahmen des DIW eingestiegen. Je mehr ich das getan habe und je stärker die Nachrichten in den Medien wurden - so am letzten Samstag auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung - desto mehr habe ich mich über die Irreführung der Öffentlichkeit geärgert. Da wird ein Wohlstandszuwachs auf Pump durch mehr öffentliche Ausgaben als Wohlstandsgewinn verkauft und zudem "blühende Landschaften" voll in den Arbeitsmarkt integrierter Flüchtlinge versprochen, die zudem künftig die Renten bezahlen. Nichts davon hält einer genaueren Betrachtung statt.

Humanitäre Hilfe bedeutet nichts anderes, als seine Ersparnisse dazu zu nutzen, anderen zu helfen. Davon kann und sollte man sich keinen volkswirtschaftlichen Gewinn versprechen. Allerdings muss man die Beträge nüchtern berechnen und offen nennen. Dann können wir bewusst entscheiden, wie viel von unseren Ersparnissen wir für diese Hilfe ausgeben können und wollen. Dabei sollte uns niemand zu Mehrausgaben verleiten, mit der vagen Hoffnung auf einen späteren Ertrag, der nicht kommt.

Auch unsere Politiker nicht, selbst mit einer DIW-"Studie" unter dem Arm nicht.

Schade ist vor allem, dass unsere Medien im heutigen harten Verdrängungswettbewerb nicht mehr die Zeit haben, genauer hinzuschauen, bevor sie titeln: "Nach sieben Jahren bringt ein Flüchtling dem Staat Geld."


Diesen Text veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung von Daniel Stelter, beyond the obvious .

Daniel Stelter ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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