Freitag, 23. August 2019

Nationalstaaten im Wandel Falsche Patrioten und ihre Versprechen

Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage
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Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage

Nationalstaaten haben enorme Vorteile. Aber sie für die natürliche Ordnung der Welt zu halten, ist absurd - und gefährlich.

Die Neonationalisten tun gern so, als sei der Nationalstaat das natürliche Ordnungsprinzip der Welt. Das ist, vorsichtig ausgedrückt, eine kühne Behauptung. In Wahrheit ist der Nationalstaat nur eine Stufe im Prozess der Entwicklung menschlicher Gesellschaften. Dass die Erde aufgeteilt ist in Staaten, deren Bevölkerungen sich als Nationen sehen mit gemeinsamer Leitkultur, (häufig) gemeinsamer Sprache und (manchmal) ethnischer Homogenität, mit einheitlichen Institutionen und zentral verwalteten Solidarkassen, mit Armeen und klar gezogenen Außengrenzen, mit Staatsbürgerschaften, die strikt zwischen Insidern und Outsidern unterscheiden - all das ist aus historischer Perspektive immer noch neu.

Über Jahrtausende war die Welt anders organisiert. Erst im späten 18. Jahrhundert begann der Nationalstaat allmählich zum dominierenden Organisationsprinzip aufzusteigen. Er war ein Erfolgsmodell, weil er Antworten bot auf zentrale Probleme der Zeit, weil er Bedürfnisse befriedigte, die in einer sich rasch verändernden Lebensrealität der Menschen unbefriedigt geblieben waren, weil er Bedingungen etablierte, die ökonomische Vorteile brachten.

Auswüchse des Nationalen: Opfer des Massakers von Srebrenica

Die Erfolge des Nationalstaats bedeuten freilich nicht, dass er als ehernes Prinzip alle Ewigkeit überdauern muss. Im Gegenteil, nationale Gefühle haben dunkle Schattenseiten. Das Streben nach Homogenität im Innern kann zu Unterdrückung und Verfolgung von Minderheiten führen. Strikte Abgrenzung nach außen kann internationale Konflikte befördern. Der notwendige Ausgleich zwischen den Nationalstaaten ist eine fragile Angelegenheit, der dramatisch scheitern kann, wie die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts grausam vor Augen geführt haben.

Nach 1945 gab es deshalb diverse Versuche, den Nationalstaat zu überwinden, darunter die europäische Integration und die westöstliche Blockbildung, die sich um die beiden Hegemonialmächte USA und UdSSR vollzog. Seit diese Klammern sich 1990 lösten, erstarkt das nationale Denken wieder. Nicht nur, aber gerade auch in Europa. "Ethnische Säuberungen" auf dem Balkan, Vertreibung, Bürgerkrieg und Mord deuten auf das zerstörerische Potenzial hin, das Vorstellungen von nationaler Reinheit entwickeln können. Ganz zu schweigen davon, dass viele Probleme des 21. Jahrhunderts längst nationale Grenzen verlassen haben.

Die Nation als Wille und als Vorstellung

Nationen sind emotionale Konstrukte. Sie kreieren kollektive Identitäten. Wer in eine nationale Identität hineinsozialisiert wird, empfindet sich als Teil eines größeren Ganzen, als Teil einer eigentlich anonymen Gesellschaft aus Millionen von Menschen, mit denen er bestimmte Charaktereigenschaft zu teilen meint, auf eine kollektive Geschichte zurückblickt und gemeinsame Vorstellungen von der Zukunft entwickelt, woraus sich Rechte, Pflichten und Verantwortung ableiten. Wegen dieser Eigenschaften sind Debatten übers Nationale häufig aufgeladen von starken Gefühlen. Zwischen Mythen und Vernunft zu trennen, ist dann kaum noch möglich. Es lohnt sich deshalb, Nation und Nationalstaat zu dekonstruieren und auf ihre eigentlichen Funktionen zurückzuführen.

Buchtipp

Henrik Müller
Nationaltheater:
Wie falsche Patrioten unseren Wohlstand bedrohen.

Campus Verlag; Februar 2017; 224 Seiten; 19,95 Euro

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In der Geschichte taucht die Idee von der Nation im selbstbestimmten Nationalstaat parallel zur Industrialisierung auf, am Übergang von der feudalistischen zur kapitalistischen Gesellschaft. Am frühesten in England, dem ersten industriell entwickelten Land in Europa, dann in den USA und in Frankreich, später auf dem Rest des Kontinents. Das ist kein Zufall: Mit der Industrialisierung steigen die Ansprüche an den Staat.

Immer weitere Aufgaben kamen hinzu: Infrastruktur, Bildung, soziale Sicherung, Gesundheitsversorgung, Forschung und Entwicklung. Eine großräumigere, ausdifferenziertere Wirtschaft brauchte immer mehr öffentliche Güter: Eisenbahntrassen, Straßen, Kanäle, später Stromnetze und Telefone. Schulen, Universitäten und Forschungseinrichtungen machten aus Arbeitern Humankapitalträger. Erst der kulturell homogenisierte Nationalstaat habe die Menschen in die Lage versetzt, die Industrialisierung voranzutreiben, schrieb der 1995 verstorbenen Nationalismusforscher Ernest Gellner, eben weil Bildung und Kultur Voraussetzungen für die wirtschaftliche Entwicklung seien.

Forderungen nach nationaler Einheit: Hambacher Fest Jim uni 1832

Der Nationalstaat als ökonomische Zweckmäßigkeit

Die zentrale Aufgabe des Staates besteht darin, öffentliche Güter bereitzustellen - all jene Einrichtungen und Institutionen, die durch rein private Initiative nicht entstehen würden, die aber gebraucht werden, um das gedeihliche Zusammenleben und Wirtschaften zu fördern. Die Rolle des Staates ist im Laufe der Jahrhunderte immer weiter gewachsen. Je komplexer Gesellschaften wurden, desto mehr Institutionen brauchten sie, um kollektive Probleme zu bearbeiten - Gerichtsbarkeit, Armee, Polizei, Bildungseinrichtungen, soziale Sicherung, Umweltschutz, Datenschutz ...

Gerade im 19. Jahrhundert wuchsen die staatlichen Aufgaben enorm. Binnen weniger Jahrzehnte entwickelten sich ländliche Agrargesellschaften zu großräumigen Industriegesellschaften. Großflächige Verkehrsnetze wurden benötigt, um Industriegüter zwischen den neu entstandenen Großstädten zu transportieren. Schulen und Hochschulen statteten die Industrie mit qualifizierten Beschäftigten aus. Sozialversicherungen schufen ein Auffangnetz gegen die Wechselfälle des Lebens, für die in den Städten keine stabilen Familienverbände mehr bereitstanden. Kleinräumige feudale Strukturen verloren an Bedeutung. Gesellschaften wurden größer und anonymer.

Um effektiv öffentliche Aufgaben erfüllen zu können, vereinheitlichten und vergrößerten die Staaten damals ihre Territorien. Entsprechend entstand das Deutsche Reich 1871 aus dem Deutschem Zollverein, als es ökonomisch opportun erschien. Andere Länder, wie England und Frankreich, etablierten ausgedehnte Kolonialimperien. Die USA wurden zum Kontinent umspannenden Großstaat.

Flüchtlingscamp in Jordanien

Seine Legitimation bezieht ein Staat daraus, dass er gesellschaftliche Probleme lösen kann: dass er Wohlstand, Sicherheit und Freiheit produziert. Doch viele Fragen, mit denen wir derzeit konfrontiert sind, lassen sich nicht mehr durch einzelne Staaten auffangen: Humanitäre Katastrophen wie in Syrien, die Schädigung des Weltklimas durch Treibhausgase, wild fluktuierende Kapitalströme - all das übersteigt die Möglichkeiten heutiger Nationalstaaten. Falsche Patrioten mögen mit großen Versprechungen von einer besseren Zukunft ihre Gefolgschaft ködern. Aber sie werden ihre Ziele nicht erreichen. Das ist ein Problem: Wer keine Resultate liefert, verliert Vertrauen. Deshalb werden all die national gewirkten Führer letztlich scheitern. Bis es so weit ist, können sie allerdings eine Menge Schaden anrichten.


Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem gerade erschienenen Buch "Nationaltheater" (Campus Verlag, 19,95 Euro) von Henrik Müller ("Müllers Memo"). Darin sucht Müller Antworten auf drei fundamentale Fragenkomplexe:

  • Warum ausgerechnet jetzt? Warum erstarkt gerade jetzt das nationale Moment und stellt die Globalisierung infrage?
  • Warum gibt es überhaupt Nationalstaaten? Wie sind sie einst entstanden? Welches sind ihre ökonomischen Funktionen? Warum erscheinen sie uns heute als natürliche Ordnung der Welt?
  • Gibt es Alternativen zum Nationalstaat? Wie ließen sich die großen überstaatlichen Probleme lösen? Welche Gegenentwürfe sind denkbar?

Bereits erschienen sind: Politik verkommt zum Nationaltheater und Stresstest für die Demokratie.

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