Samstag, 19. Oktober 2019

Zukunft der Corporate Governance "Von Seilschaften halte ich nichts"

"Die Ansprüche an den Aufsichtsrat sind gestiegen:" von Bomhard, Vorstandschef der Münchener Rückversicherung (MunichRE)

Nikolaus von Bomhard, 57 Jahre alt und Vorstandsvorsitzender des weltgrößten Rückversicherers MunichRe, wird in wenigen Jahren einer der begehrtesten Aufsichtsräte Deutschlands sein. Trotzdem will er nur wenige Ämter übernehmen, wie er im Interview erklärt.

Hamburg - Zwei deutsche Industrie-Ikonen laden im Januar ihre Aktionäre zur Hauptversammlung: ThyssenKrupp Börsen-Chart zeigen und Siemens Börsen-Chart zeigen. Beide Konzerne haben zuletzt arg mit ihrer Corporate Governance gehadert - wenn auch freilich in unterschiedlichen Härtegraden. Bei ThyssenKrupp geht es nach haarsträubenden Fehlentscheidungen inzwischen um die Existenz, bei Siemens nach unglücklicher Auswahl des Spitzenpersonals voraussichtlich nur um ein paar verlorene Jahre.

Investoren in Deutschland diskutieren seitdem, ob Organisation und Personal deutscher Aufsichtsräte überhaupt professionell und verantwortungsbewusst genug sind. In einer kleinen Reihe rund um die Hauptversammlung der Siemens AG am 28. Januar veröffentlicht manager magazin online Kurz-Interviews mit einigen einflussreichen deutschen Aufsichtsräten - die ihre Aussagen allerdings ausdrücklich nicht auf die konkrete Situation bei ThyssenKrupp oder Siemens bezogen wissen wollen.

mm: Herr von Bomhard, ist der Aufsichtsrat heute wichtiger als noch vor ein paar Jahren?

von Bomhard: Ja, eindeutig. Die Ansprüche an den Aufsichtsrat sind gestiegen. Als Aufsichtsratsvorsitzender müssen Sie heute über alles informiert sein. Auch die Zusammenarbeit mit dem Vorstand ist damit viel enger und regelmäßiger als früher. Im Aufsichtsrat wird heute kontrovers und auf hohem Niveau diskutiert, gemütliche Sitzungen gibt es nicht mehr.

mm: Aber Aufsichtsratsvorsitzender und Vorstandsvorsitzender sind doch immer noch ein Herz und eine Seele?

von Bomhard: Im Idealfall schon, aber aus inhaltlichen Gründen, nicht mehr qua Amtsverständnis. Der Aufsichtsratsvorsitzende kann den Vorstandsvorsitzenden natürlich sehr unterstützen, aber die Unabhängigkeit der beiden Funktionen ist viel wichtiger geworden.

mm: Lösen sich also Netzwerke, wie man sie früher als "Deutschland AG" kannte, allmählich auf?

von Bomhard: Die wechselseitigen Kapitalverflechtungen sind aufgelöst. Auch die personellen Verflechtungen, die charakteristisch für die Deutschland-AG waren, gibt es heute nicht mehr in der alten Form, auch wegen der Begrenzung der Aufsichtsratsmandate. Hinzu kommen die gestiegenen Anforderungen an die Aufsichtsräte: Das Arbeitspensum ist schlichtweg zu hoch, um in mehreren Aufsichtsräten Mitglied zu sein. Für einen Vorstandsvorsitzenden sind Aufsichtsratsmandate außerhalb des Konzerns kaum zu schaffen. Insofern: Die Deutschland-AG ist Geschichte.

mm: Mitgliedschaften in Aufsichtsräten sind doch ideal, um vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen - und fortbilden kann man sich auch noch.

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