Zinspolitik Yellen, Draghi und das Zittern der Welt

Während die neue Fed-Chefin Janet Yellen auf die Bremse tritt und EZB-Vormann Mario Draghi die nächsten Lockerungsübungen einleitet, gerät der Rest der Welt an den Rand der nächsten Krise. Das zeigt: Die Logik des billigen Geldes kommt an ihre Grenzen.
Notenpresse: Das große Blasenplatzen beginnt

Notenpresse: Das große Blasenplatzen beginnt

Foto: Corbis

Der Druck wächst. Wieder einmal. Die Europäische Zentralbank soll noch mehr tun, so schallt es von den Finanzmärkten. Dabei hat die EZB erst vor kurzem den Leitzins nahe an den absoluten Nullpunkt gesenkt: auf mickrige 0,25 Prozent. Es gibt, wieder einmal, Deflationsalarm. Zahlen von vorigem Freitag zeigen Preissteigerungsraten von nur noch 0,7 Prozent im Euro-Raum. Weniger als erwartet, weniger als die EZB anpeilt (knapp unter 2 Prozent) und zu wenig, um die hohen Schulden in den Krisenländern allmählich abschmelzen zu können.

Was kann jetzt noch kommen? Darum wird es bei der EZB-Ratssitzung am Donnerstag gehen. Den Zins ganz auf Null senken? Dürfte nicht viel bringen. Einlagen bei der EZB mit einer Strafgebühr belegen? Auch kein Eisbrecher. Staatsanleihen in großem Stil aufkaufen, wie es Amerikaner, Briten und Japaner tun? Ist der EZB gesetzlich verboten. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos brachte Euro-Bank-Chef Mario Draghi eine andere Variante ins Spiel: Man könne ja den Banken paketweise Kredite abkaufen, die sie an Privatbürger und Unternehmen vergeben hatten. Die Ziel: die Bankbilanzen zu erleichtern, um die Institute in den Euro-Südstaaten dazu zu bringen, wieder Kredite zu vergeben.

Löst die EZB Probleme - oder schafft sie welche?

Man kann es auch so sehen: Weil die Euro-Regierungen immer noch davor zurückschrecken, den Bankensektor entschlossen zu schrumpfen und die gigantischen Altschulden abzubauen, muss die Notenbank nun auf eigene Faust handeln. Die große Frage ist nur, ob die EZB damit die Probleme lösen kann - oder ob sie weitere Probleme schafft.

Die Angst geht um vor einer "Schuldendeflation". Ein tiefschwarzes Szenario, wie es der US-Ökonom Irving Fisher in den 30er-Jahren als Ursache der Großen Depression beschrieb: Hohe Schulden lassen kaum Spielraum für Investitionen und Konsumausgaben. Die fehlende Nachfrage lässt die Preise fallen. Mit dem hässlichen Nebeneffekt, dass die Schuldenlast real umso schwerer wiegt, so dass die Wirtschaft immer weiter nach unten gezogen wird. Ein Teufelskreis, den Notenbanken nach heute gängiger Lesart mit aller Macht vermeiden müssen.

Komisch nur, dass das Deflationsgespenst seit mehr als einem Jahrzehnt immer wieder gruselig seine Bahnen zieht. Noch komischer, dass sich daran kaum jemand zu erinnern scheint.

Das große Blasenplatzen beginnt

Schon nach dem Börsencrash der Jahr 2000 und 2001 herrschte Deflationspanik, vor allem in den USA. Also senkte die US-Notenbank Fed unter Alan Greenspan die Zinsen auf 1 Prozent und beließ sie fast drei Jahre auf sehr niedrigem Niveau. Auch die EZB sah in den 2000er Jahren zu, wie die Geldmenge wuchs und wuchs. Die Folgen sind bekannt: Immobilienblasen, steigende Schulden, Verzerrungen der Wirtschaftsstruktur mit grotesk übergewichtigen Bausektoren.

Der Befund: Die Deflationsangst von damals schuf erst die Probleme, mit denen weite Teile des Westens bis heute zu kämpfen haben.

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Der mm-Konjunkturindikator: 3,0 Prozent für 2016

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Dennoch geht das gleiche Spiel weiter. Die Reaktion auf den Crash von 2008/9 - Gelddrucken in großem Stil - hat die nächsten Bubbles rund um den Erdball aufgeblasen, vor allem in den Schwellenländern. Nun beginnt das große Platzen: Die globalen Turbulenzen der vergangenen Wochen - von Argentinien über die Türkei bis nach Indien - resultieren allein aus der Angst vor dem allmählichen Zurückfahren der Anleihekäufe durch die US-Notenbank, der seit gestern Janet Yellen vorsteht.

Abstürze werden mit noch mehr Geld abgefangen

Einige der betroffenen Länder haben unerhört über ihre Verhältnisse gelebt: Wie zuvor Europäer und Amerikaner, sind sie der Illusion des billigen Geldes erlegen. Was nichts daran ändert, dass jetzt der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan oder der indische Notenbankchef Raghuram Rajan sich lautstark über die Ungerechtigkeit des globalen Kapitalismus und westlichen Egoismus beklagen. Das Zittern der Welt verführt zu Zwietracht.

Und jetzt? Von der britischen Notenbank (tagt am Donnerstag) werden, wie zuvor schon von der Fed, Signale eines allmählichen Drosselung der Geldzufuhr erwartet. Wer also sorgt für neue Zufuhr an flüssigen Mitteln, damit die globale Geldschwemme weitergehen kann? Die Hoffnungen der Deflationsprediger ruhen auf der Bank of Japan, die beherzter denn je die Druckmaschine rattern lässt. Und natürlich auf der EZB. Damit sich die Welt von Blase zu Blase hangeln möge. Die Abstürze dazwischen - wenn das Deflationsgespenst wieder einmal zum Tiefflug ansetzt - werden dann mit immer noch mehr Geld abgefangen.

Die Weltwirtschaft ist gefangen in dieser Logik. Und bislang findet sie keinen Ausweg.

Die Wirtschaftstermine der Woche

Montag

Brüssel - Fertig zum Grillen - Sabine Lautenschläger, Kandidatin fürs Amt der zweiten Chefin beim neuen Bankenüberwachungsarm der EZB, wird vom Europaparlament auf ihre Eignung getestet.

Dienstag

Börsen - Neue Zahlen - Die Berichtssaison geht weiter, unter anderem mit Zahlen von der Schweizer Großbank UBS , dem weltgrößten Rückversicherer Munich Re  und dem Energiekonzern Vattenfall .

Mittwoch

Börsen - Noch mehr Zahlen - Berichte von Heidelberger Druck , Kabel Deutschland , Merck & Co.  und GlaxoSmithKline .

Donnerstag

Frankfurt - Globaler Spieler - Alle Welt schaut auf den EZB-Rat. Lockern Draghi und Co. die Geldpolitik weiter?

London - Straffe Führung - Der geldpolitische Rat der Bank of England schaut auf die sinkenden Arbeitslosenzahlen und die beginnende britische Immobilienblase. Zeit, die Geldpolitik zu straffen?

Freitag

Wiesbaden - Indizien der Anklage - Neues zu den deutschen Rekordüberschüssen in der Handels- und der Leistungsbilanz.

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