Putins Annexionspolitik Merkel warnt vor russischem Einfluss in Moldawien, Serbien und Georgien

Nach dem Putin-TV-Interview hat Kanzlerin Merkel deutliche Worte gefunden: Russlands Staatschef stelle die europäische Friedensordnung in Frage. Der Westen müsse entschlossen vorgehen, sonst bedrohe Putins Machtpolitik auch andere Länder.
Rede in Sydney: Kanzlerin Angela Merkel

Rede in Sydney: Kanzlerin Angela Merkel

Foto: Lisa Maree Williams/ Getty Images

Sydney - Russlands Präsident Wladimir Putin hatte schon vor dem Vier-Augen-Gespräch mit der Kanzlerin in Brisbane ausgeteilt. Die ukrainische Regierung wolle sämtliche politischen Gegner und Widersacher vernichten, sagte er in einem Interview für die ARD-Sendung "Günther Jauch", das am Sonntagabend ausgestrahlt wurde. Sie habe Truppen eingesetzt, es kämen Raketengeschosse zum Einsatz. Aber dies werde vom Westen nicht erwähnt.

Wenige Stunden nach der Ausstrahlung des Interviews hat sich nun auch die Kanzlerin zu Wort gemeldet. Bei einer Rede in Sydney warf sie Putin eine Annexionspolitik vor, mit der er auf das Recht des Stärkeren setze. Russland habe die Krim völkerrechtswidrige annektiert und setze seine Einflussnahme in der Ostukraine fort: "Das stellt nach dem Schrecken zweier Weltkriege und dem Ende des Kalten Krieges die europäische Friedensordnung insgesamt infrage."

Merkel warnte davor, dass Putin eine solche Politik auch gegenüber Ländern wie Moldawien, Serbien oder Georgien betreiben könnte: "Die Ukraine-Krise ist wahrlich keineswegs allein eine regionale Angelegenheit. Nein, an diesem Beispiel sehen wir: sie betrifft uns alle."

Auch aus einem vertraulichen Papier des Auswärtigen Amtes, das dem "Spiegel" vorliegt, geht hervor, dass die Bundesregierung alarmiert ist über eine aggressive antiwestliche Politik Russlands auf dem Balkan. Moskau versuche, über die enge militärische Zusammenarbeit und russische Lieferungen von Gas Serbien enger an sich zu binden. In Bosnien-Herzegowina gehe Russland ähnlich vor.

"Es gibt Dinge, die dauern eine ganze Weile"

Angela Merkel mahnte den Westen, im Streit mit dem russischen Präsidenten über die Ukraine-Politik weiter gemeinsam vorzugehen. "Die größte Gefahr ist, dass wir uns auseinanderdividieren lassen." Es sei sehr wichtig, dass Europa und die USA einen gemeinsamen Weg in dieser Frage gehen, "und diesen Weg müssen wir fortsetzen".

Ein militärisches Eingreifen schloss Merkel aus. "Wir lassen nichts unversucht, in Gesprächen mit Russland zu einer diplomatischen Lösung des Konflikts zu kommen." Europa habe eine große Wirtschaftskraft, "deshalb sollten wir sie an dieser Stelle einsetzen". Wenn man über Wirtschaftssanktionen spreche, müsse man auch eigene Nachteile in Kauf nehmen.

Ansonsten mahnte Merkel Geduld an. "Wir brauchen vor allen Dingen auch im 21. Jahrhundert für bestimmte politische Erfolge einen langen Atem", sagte sie mit Verweis auf die deutsche Wiedervereinigung. "Es gibt Dinge, die dauern eine ganze Weile". Deswegen rechne sie nicht damit, dass der Konflikt mit Russland schnell gelöst werden kann.

ts/vet/rtr/dpa/afp
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