Montag, 14. Oktober 2019

Entwurf für neues Bioethikgesetz Frankreich streitet um künstliche Befruchtung für lesbische Paare und alleinstehende Frauen

Der Moment der künstlichen Befruchtung: Auf dem Bild ist 100-fache Vergrößerung der Befruchtung einer Eizelle mit einer Injektionspipette und eine darüber liegende Injektionspipette mit einem Durchmessser von 5 Mikrometer in Originalgröße zu sehen

Es war eines der Wahlversprechen von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron - jetzt debattiert die französische Nationalversammlung über den umstrittenen Entwurf zu einem neuen Bioethikgesetz. Es würde auch lesbischen Paaren und alleinstehenden Frauen erlauben, eine künstliche Befruchtung in Frankreich in Anspruch zu nehmen.

Bislang ist das lediglich heterosexuellen Paaren erlaubt, wenn einer der Partner unfruchtbar ist oder die Gefahr droht, dass eine schwere Krankheit an das Kind weitergegeben würde. Diese Paare müssen verheiratet sein oder bereits zwei Jahre zusammenleben.

Der politische Vorstoß erfolgt in einer Zeit, in der sich die reproduktive Medizin zu einer immer größeren Industrie entwickelt. Mehr als sieben Millionen Babys wurden nach Angaben der European Society of Human Reproduction and Embryology seit 1978 weltweit durch künstliche Befruchtung gezeugt. Das weltweite Marktvolumen für künstliche Befruchtung wird von Experten auf knapp 17 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt. Hinzu kommt die noch recht junge Technologie des so genannten Social Freezings, bei der Frauen sich Eizellen einfrieren lassen können, um auch im fortgeschrittenen Alter Kinder haben zu können - gegebenenfalls auch alleinstehend, mit Hilfe einer Samenspende.

Gesundheitsministerin Agnès Buzyn hatte erklärt, dass der Gesetzentwurf "unsere Augen für die heutige französische Familie öffnen sollte, eine Familie mit vielen Gesichtern, die in verschiedenen Formen gedeiht". Coralie Dubost, Abgeordnete der regierenden Partei La République en Marche sagte der "Financial Times": "Wir müssen die Idee akzeptieren, dass man mehrere verschiedene Familienmodelle haben kann, eine Art multikulturelle Familie."

In Spanien und Belgien sind die Regularien nicht so streng. Seit Jahren reisen deshalb nicht nur Frauen aus Frankreich in diese Länder, wo sie in Privatkliniken bis zu 5000 Euro für einzelnen IVF-Versuch (In-Vitro-Fertilisation) bezahlen. Die Zahlen sollen in die Tausende gehen, offizielle Statistiken darüber werden aber nicht geführt.

Die Parlamentarier wollen in einer ganzen Reihe von Sitzungen den Entwurf diskutieren, bevor er im Senat behandelt wird. Die Regierung hofft, dass das neue Bioethikgesetz, das auch sensible Bereiche wie Organspende, Forschung an embryonalen Stammzellen und Gesundheitsdaten berührt, vor Ende des Jahres verabschiedet wird.

Verboten sollen bleiben dem Gesetzentwurf zufolge:

  • die Leihmutterschaft
  • die höchst umstrittene postmortale Befruchtung, die es einer Frau ermöglicht, gespeichertes Sperma ihres verstorbenen Mannes zu verwenden
  • eine umfassende Präimplantationsdiagnostik, die vor dem Einsetzen der befruchteten Eizelle ein genaues Screening des Embryos nach schweren Krankheiten und anderen Merkmalen erlaubt.

Umgekehrt sieht das Gesetz ein Ende der Anonymität der Samenspende vor. Das heißt: Ein Mann muss zukünftig akzeptieren, dass das geborene Kind bei Volljährigkeit bestimmte Informationen über den Spender erfahren darf, wenn es das wünscht.

Kinder sollen das Recht haben, ihren biologischen Vater zu kennen

Konservative in Frankreich, zu denen auch die Katholische Kirche in Frankreich zählt, lehnen das geplante Gesetz entschieden ab. "Eine Gesellschaft, die Kindern Väter vorenthält, schafft Ungleichheiten", zitiert die "FT" Valérie Boyer, Abgeordnete der Mitte-Rechts-Republikanischen Partei. Die Interessen der Kinder würden nicht berücksichtigt.

Die Nationale Akademie für Medizin schrieb am Wochenende, dass der Plan, über dieses Gesetz einem Kind quasi den Vater zu entziehen, "einen großen anthropologischen Bruch" darstelle, der nicht ohne Risiken für die psychologische Entwicklung des Kindes sei.

Schon bei der gesetzlich geregelten Homoehe brandete die Kritik der Gegner im einst tiefkatholischen Frankreich am stärksten in Europa auf. Viele Kritiker des erweiterten Zugangs zur IVF fürchteten, dass dies den Weg für die Legalisierung der Leihmutterschaft in Frankreich ebnen könnte - um schwulen Männern den Kinderwunsch zu erfüllen.

In Deutschland ist die jetzt in Frankreich diskutierte und umstritten Frage nicht geregelt. Hier hat kürzlich ein wissenschaftliches Gremium gefordert, die Regeln zur künstlichen Befruchtung zu ändern. So sollten die Krankenkassen die Kosten von Kinderwunschbehandlungen komplett tragen, wenn diese medizinisch notwendig sind und es Erfolgsaussichten gibt. Bislang übernehmen sie nur einen Teil der Kosten und auch dies nur, wenn diverse Bedingungen erfüllt sind. Sie sprachen sich zudem dafür aus, Eizellenspenden zu ermöglichen.

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