Samstag, 21. September 2019

Solange Social Media keinen sozialen Nutzen bieten Löscht Social Media von den Smartphones!

Schaulustige: Oft ziehen sie ihre Selbstbestätigung nur aus dem Unglück anderer

Soziale Netzwerke rühmen sich, auch über große Distanzen Menschen miteinander zu verbinden. Unabhängig vom Standort können sich Personen mit gleichen Interessen weltweit vernetzen. So können virtuelle Freundschaften über alle Grenzen hinweg entstehen. Deswegen ist Social Media im Grundsatz positiv besetzt - dabei ist es auf dem Weg, selbst in freiheitlichen und offenen Gesellschaften ein Spaltpilz zu sein und das Schlechteste aus dem Menschen herauszuholen. Nirgendwo anders als in sozialen Netzwerken scheint die Aussage "Eine Menschenmasse ist immer deutlich dümmer als das dümmste in ihr befindliche Individuum" so zutreffend zu sein.

Markus Schön
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    Markus Schön
    Markus Schön ist Vermögensverwalter und Autor mehrerer Bücher. Daneben engagiert er sich ehrenamtlich für die gemeinnützige GIVING TREE Stiftung, die benachteiligte Kinder und Jugendliche unterstützt.

Es ist schon schwierig zu verstehen, was daran so toll ist, wenn man seinen Reichtum, sein glückliches Leben oder seine Statussymbole zeigt. Früher wandte man sich ab, heute gewinnt man so "Follower". Die Realität wird immer virtueller und damit für den Einzelnen, aber auch die gesamte Gesellschaft ärmer. Richtig kritisch wird es allerdings für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, wenn das treibende Element dieser Selbstdarstellung das Elend anderer Menschen ist.

Selbstbestätigung aus dem Unglück anderer

Vor nunmehr fast einem Jahr war ich mit meiner Familie in einen schweren Verkehrsunfall verwickelt. Während wir unsere Tochter und unser Baby aus dem Auto retteten, zückten etliche vorbeifahrende Verkehrsteilnehmer ihr Handy und filmten. Vermutlich war der erste Gedanke dieser Personen nicht, wie sich schnellstmöglich Hilfe holen ließe, sondern nur, ob sie die Ersten waren, die dieses Video in eines der sozialen Netzwerke hochluden. Die Filmerei hielt an, bis die Polizei sich entschied, die Autobahn zu sperren und gegen die Handy-Gaffer Bußgelder zu verhängen. Nach einem derart schrecklichen Ereignis haben die Rettungskräfte allerdings anderes zu tun, als sich mit Menschen zu beschäftigen, die offensichtlich ihre Selbstbestätigung nur aus dem Unglück anderer ziehen können.

Es sagt auch viel über eine Gesellschaft aus, in der das Elend anderer zu einem persönlichen Glücksfaktor wird. Dann darf man sich über den fehlenden sozialen Zusammenhalt, das rückläufige Interesse an Ehrenämtern und eine immer träger werdende Gesellschaft nicht beklagen.

Voyeurismus als Geschäftsmodell

Noch erschreckender ist es, dass Unternehmen diese Form des Katastrophenvoyeurismus zu ihrem Geschäftsmodell erklärt haben und damit Kunden und Geldgeber in Form von Aktionären finden. Faktisch unterscheiden sie sich nicht von Rüstungskonzernen, deren Geschäftsmodell ebenfalls das Leid anderer Menschen ist. Nun mag man einwenden, dass die redaktionelle Verantwortung eben bei den Nutzern liegt und nicht beim sozialen Netzwerk selbst. Diese Argumentation ist aber gerade das Perfide, weil sie nach dem Motto verfährt: Erlaubt ist, was nicht verboten ist.

Das setzt die Grundsätze der Medienlandschaft außer Kraft - insbesondere in Deutschland. Kein seriöser Verlag würde sich auf diese Weise seiner journalistischen und redaktionellen Verantwortung entziehen. Doch selbst viele seriöse Anbieter stehen nun vor der Herausforderung, diese durch soziale Medien eingeleitete Schlacht um das niedrigste Niveau mitzugehen oder unternehmerisch zu sterben. Dies kann nicht das Bestreben einer funktionierenden Gesellschaft sein.

Es muss einen gesellschaftlichen Konsens geben, zu dem auch ausschließlich profitorientierte und offensichtlich ohne moralischen Kompass agierende Unternehmen verpflichtet werden. Nur wenn der Gesetzgeber dies schnell erkennt und konsequent handelt, kann das deutsche Modell der sozialen Marktwirtschaft mit vergleichbaren Lebensbedingungen fortbestehen. Dies muss dann zu harten Sanktionen bis hin zum Verbot bestimmter Inhalte führen. Dies hat - anders als es die Social-Media-Romantiker darstellen - nichts mit Zensur zu tun, sondern ist Grundlage eines menschlichen Miteinanders. Schließlich finden sich immer Menschen, die selbst den größten Unsinn gut finden. Dies benötigt ein Gegengewicht in Form einer sozialen Nachhaltigkeit, die im Internet immer weiter zurückgedrängt wird.

Das hat mit Zensur nichts zu tun

Allerdings wird der Begriff Nachhaltigkeit allzu oft falsch definiert. Wahre Nachhaltigkeit sorgt dafür, dass die bestehenden Möglichkeiten der Lebensgestaltung für künftige Generationen erhalten bleiben. Wenn soziale Medien die gesellschaftliche Grundordnung zerstören, ohne ein Alternativmodell anzubieten, ist dies eben gerade nicht nachhaltig. Entsprechend sollten Anleger nicht nur die ökologische, sondern vor allem die gesamtgesellschaftliche Nachhaltigkeit im Blick haben. Deswegen sollte man Facebook noch stärker als jeden Rüstungskonzern meiden. Ohne Twitter wäre Donald Trump vermutlich ein Typ in den USA, der mit seinen verschrobenen Ansichten lustig, aber keinesfalls Präsident wäre. Intelligenz lässt sich nur selten in 160 Zeichen messen.

Markus Schön ist Vermögensverwalter und Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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